Full text: Hessenland (4.1890)

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Das ersehnte Ziel war erreicht und in ernster 
Hingebung widmete sich Bardeleben der Thätig 
keit in seinem Dienste; über diese Zeit findet 
sich in seinen Aufzeichnungen: „zweckmäßige 
Einrichtungen, die von einer Ahnung des Höheren 
zeigten, traten an's Licht, und ich muß gestehen, 
daß ich zuweilen überrascht wurde, wenn An 
ordnungen erschienen, die ein neues geistiges 
Leben dem Militär zu verheißen schienen. Mit 
freudigem Sinn sah man allenthalben Thätig 
keit, und schöne Hoffnungen belebten die nieder 
gebeugten Gemüther . . . Aber auch beklagt 
er, daß die Beseitigung des „auf falsche Grund 
sätze gebauten" Rekrutirungsgesetzes, sowie der 
Erlaß eines Pensionsgesetzes nicht erreicht werden 
konnten; „alle Vorlagen für letzteres wurden nicht 
berücksichtigt, denn deren Genehmigung hätte ja 
die Willkür beschränkt". Bardeleben fügt hinzu, 
„dem Vertrauen auf Gewährung angemessener 
Ruhegehalte für die dienstunfähig gewordenen 
Offiziere wurde in der Folge größtentheils ent 
sprochen, die Armee durfte zufrieden sein, wenn 
auf der Bahn so fortgeschritten wurde, wie sie 
begonnen war". 
Da die Soldaten jener Zeit noch 16 Jahre, 
manche weit länger in dem Heere dienten, dabei 
das zu Erlernende einfacher und wenig umfang 
reich, verglichen mit der Ausbildung des Mannes 
der Gegenwart, war, nahm der Dienst auch die 
Offiziere weit weniger in Anspruch. So fand 
sich Muße zu anderer Beschäftigung. Der Kom 
mandeur sah es gern, daß seine Offiziere nicht 
lediglich mit Erfüllung ihres Dienstes alles ge 
than zu haben glaubten, was man von ihnen 
beanspruchen könne. Mit der Bewohnerschaft 
der gewerbfleißigen Stadt bestand ein gutes Ver 
hältniß. Was Bardeleben einst in Fulda in 
patriotischem Sinne betrieben, das nahm er jetzt 
zur Hebung und feineren Gestaltung der Ge 
selligkeit vor — er begründete ein Liebhaber 
theater. Er selbst übernahm mehrfach Rollen, 
sodaß seine Offiziere, die jüngeren zumal, einen 
Sporn erhielten, die Bretter zu betreten. Das 
nngezwungene Verhandeln, welches die Aufführung 
der Stücke nothwendig machte, fand vielfach im 
Bardeleben'schen Hause statt; hier war es Sitte, 
daß um 6 Uhr Abends die Familie sich in des 
Vaters Zimmer zum Thee versammelte, öfters 
fanden sich Offiziere, Bekannte dazu ein und 
jedeni Raucher wurde eine Pfeife gewährt*), eine 
altväterlich freundliche, bescheidene Geselligkeit. 
*) Der zweite Sohn des Hauses, Julius, hat aus 
diesen Jahren verzeichnet, er habe als Knabe mitunter zu 
hören dürfen, seine Mutter und die Schwestern seien dann 
und wann dem Qualme der Pfeifen entronnen, um ihre 
Augen zu erfrischen. (Cigarren hatte man damals noch 
nicht). Bei besonders ihn in Anspruch nehmenden Ge- 
Hersfeld bot durch das Lehrerkollegium seines 
alten tüchtigen Gymnasiums und durch andere 
Männer von Bildung dem militärischer Aus 
schließlichkeit abholden Bardeleben die Gelegenheit 
zu förderndem, geistigem Verkehre; auch in dieser 
engen Umgebung erweiterte sich der Kreis der 
ihm ähnlich gestimmten Menschen, mit denen er 
in Verbindung blieb. 
Doch es mußte geschieden sein, als er am 
21. Dezember 1827 zum Kommandeur des 2. In 
fanterieregiments ernannt wurde, dessen Stabs 
quartier Hanau war, wo die beiden Musketier 
bataillone standen. Fast siebenzehn Jahre hatte 
er in der Stellung eines Bataillonskommandeurs 
zugebracht, doch hatte er sie mit 33 Jahren 
erreicht gehabt und weniger als 14 Jahre für 
die unteren Offiziersgrade gebraucht. Er hatte 
kurz zuvor das fünfzigste Lebensjahr vollendet, 
fühlte sich noch kräftig und ging mit Lust und 
Eifer an die von seinem Kriegsherrn ihm ge 
stellte größere Aufgabe. Schon bald hatte der 
neue Kommandeur das Vertrauen, die Liebe 
und Hingebung seiner Untergebenen gewonnen. 
So konnte der Wortführer der jungen Offiziere 
bei der Feier des 21. November 1828 in seiner 
Ansprache dem Führer zurufen: „Ja, als Ihre 
Söhne möchten wir uns stets so gerne betrachten, 
die wir . . . ein Leben erst beginnen, dessen 
höherer Werth uns klar wird, wenn wir hinauf 
blicken an dem, was in des Lebens reinsten 
Formen sich bewegte, entwickelte und jetzt als 
Vorbild des Ruhmes und der Ehre da vor 
uns steht . . .". 
Ein echt soldatisches Streben belebte das Re 
giment. Noch unter dem Vorgänger Barde 
lebens, dem Obersten von Borck, war die neue 
Kunst des Bajonetfechtens eingeführt worden, 
welche der Premierlieutenant Andre *) in Dresden 
sich angeeignet hatte und eifrig den Offizieren 
wie den Unteroffizieren des Regiments bei 
brachte, von welchen sie auf die Mannschaft 
übertragen wurde. So wie das Bajonettiren 
den Körper kräftigte und biegsam machte, waren 
Gewandtheit und Kraft wieder Bedingungen 
dafür; es ergab sich die Nothwendigkeit, die 
sprächen habe er wohl den Gehorsam verweigert, als er 
habe schlafen gehen sollen, bis er zuletzt „mit roher Ge 
walt" zu Bette geschafft worden sei. 
*) Johann Andre wurde 1832 in das Regiment Leib 
garde versetzt. Die Aufmerksamkeit des Kurprinzen-Mit- 
regenten wurde auf das Bajonettiren gelenkt, eine Anzahl 
von Andre ausgebildeter Unteroffiziere des 2. Infanterie 
regiments wurde dem Kurprinzen von Andre im Bajonet- 
fechten vorgestellt, worauf dieses in der Leibgarde und den 
übrigen Jnfanteriekorps, außer dem 2. Infanterieregiment, 
eingeführt wurde. Andr6 wurde später zum Flügel 
adjutanten ernannt und unter den Namen von Hohenfels 
in den Adelstand erhoben.
	        

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