Full text: Hessenland (4.1890)

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Ihm zur Seite kniet sein Knabe, 
Aus des Marder's zähem Darme 
Dreht zur Armbrust er die Sehne 
Mit der Jugend flinkem Arme. 
Spärlich wechselnd fließt die Rede 
Zwischen beiden nur und träge — 
Horch, da klingt es her vom Walde, 
An der Pforte rasche Schläge. 
„Wohl ein Wandrer" - spricht der Alte — 
„Der den rechten Pfad vermieden, 
Geh und öffne schnell die Thüre, 
Daß wir hier ihm Obdach bieten!" 
Durch der Pforte engen Rahmen 
Trat, den Abendgruß erzeigend, 
Reckenhaften Bau's ein Fremdling, 
Unter's nied're Dach sich beugend. 
Schultermächtig, stolzen Wuchses, 
Eine Wolfsschur hüllt die Glieder, 
Von der Hüfte bis zur Ferse 
Reicht das breite Schwert ihm nieder. 
„Freund im Wald, ein sckützend Obdach" 
— Spricht er — „Ich von Euch erbitte!" , 
Drauf der Köhler: „Gern gewähr ich's 
Euch nach alter Sachsensitte." 
Zu dem Herd, am Ehrenplätze 
Heißt den Fremdling er sich setzen 
Rüstet schnell dann einen Imbiß, 
Ihn mit Speis und Trank zu letzen. 
Von dem Bär, dem jüngst erlegten, 
Und dem Meth, dem selbstgebrauten, 
Bringt er gastlich ihm zum Mahle, 
Und dem Brot, dem selbstgebacknen. 
Streng des Gastes Schweigen ehrend 
Nach der Väter heil'ger Sitte, 
Fragt er nicht nach Stand nach Namen, 
Bis er selbst ihm Auskunft biete. 
Und des Herdes schwache Gluten 
Facht er an mit neuen Scheiten; 
Schickt sich dann, dem stummen Gaste 
Weiche Ruh'statt zu bereiten. 
Da fährt jach empor der Fremde 
Von des Herdes warmem Sitze, 
Zornumwölkt die hohe Stirne, 
Seine Augen sprühen Blitze. 
Auf der Wand getünchte Fläche 
Lodernd seine Blicke fallen, 
Wo des Kreuzes grelle Flammen 
Hell ein Kruzifix bestrahlen. 
„Seid auch Ihr — so ruft er bebend — 
Seid auch Ihr dem Gott verfallen, 
Den der Franken Priester lehren, 
Dem der Franken Lieder schallen?" 
„Habt auch Ihr der Sachsen Göttern, 
Thor und Wuodan abgeschworen 
Und den Väteren zum Trotze 
Euch den fremden Gott erkoren?" 
„Ist denn in des Landes Herze 
Schon das fremde Gift gedrungen, 
Wird in Sachsen's tiefsten Wäldern 
Schon das Kyrie gesungen?" 
„Ha, ich wollt es nimmer glauben, 
Was man jüngsten mir bekannte, 
Soll ich nun mit eig'nen Augen 
Seh'n des eig'nen Volkes Schande?" 
„Sehen, wie der fremde Glaube 
Mir die Tapfern macht zu Feigen, 
Helden wandelt mir zu Weibern, 
Wenn sie vor dem Kreuz sich beugen?" 
„Doch die alten Götter leben 
Und sie sandten Euch Verderben; 
Wißt, ich bin der Sachsen Herzog 
Wittekind, und Ihr müßt sterben!" — 
Und des Schwertes breite Klinge 
Reißt er jählings aus der Scheide, 
Daß den Frevlern es den Frechen 
Seiner Götter Rache deute. 
Doch, warum läßt niedersinken 
Er das Schwert, noch kaum entblößet, 
Sachsenherzog haft Du je noch 
Deinen Schwur nicht eingelöset? 
Drohend stand die Hand am Speere, 
Dort der Köhler, jach zum Streite, 
Einen Feuerbrand als Waffe 
Stand sein Knabe ihm zur Seite. 
„Sachsenherzog wollt Euch hüten, 
Ich auch weiß den Speer zu schwingen, 
Frei wie Ihr bin ich geboren 
Und ich lasse mich nicht zwingen." 
„Gast seid Ihr in meiner Hütte, 
Brecht Ihr mir des Hauses Frieden, 
Ihr seid's, der da Sitte schündet, 
Sachsenherzog wollt Euch hüten!" 
„Rieft zum Trotz dem Frankenkaiser 
Euer Volk Ihr auf zum Streite, 
Stets noch folgt ich Eu'rem Rufe 
Oftmals focht ich Euch zur Seite." 
„Wollt für's Vaterland zu streiten 
Einstmals Ihr mein Liebstes haben, 
Weiß er erst das Schwert zu führen, 
Sende ich Euch meinen Knaben."
	        

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