Full text: Hessenland (4.1890)

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Sambre- und Maasarmee in Franken am 20. 
Thermidor des vierten Jahres der Republik (7. 
August 1796) mit den fränkischen Kreisständen 
u Würzburg feierlichst stipulirte Uebereinkunft, 
urch welche gegen eine Kontribution von 8 
Millionen Livres allen Bürgern Frankens, 
welche sich der Armee nicht feindlich zeigten, 
Sicherheit der Person, Schutz des Eigenthums 
und Achtung der Religionsgebräuche versprochen 
war, einige Tage später aus nichtigen Gründen 
für ungiltig erklärt wurde, und daß General 
Ernouf es gerade war, welcher aus dem Haupt 
quartier zu Büchenbach am 24. Thermidor (11. 
August) den fränkischen Kreisständen die Anzeige 
von der Ungiltigkeit der doch von ihm selbst 
abgeschlossenen Uebereinkunft gemacht hatte. — 
Am 4. September waren die Franzosen in 
Hammelburg eingerückt. Eine Abtheilung der 
Bernadotteschen Division hatte den suldaer Ort 
Untererthal halb abgebrannt und 11 Einwohner 
erschlagen. Die Erbitterung der dortigen Land 
leute war grenzenlos; alle Franzosen, welche in 
ihre Hände fielen, wurden unter grausamen 
Martern niedergemacht. Ein gleiches Loos stand 
dem General Bernadotte bevor und nur der 
edelmüthigen Menschenfreundlichkeit eines biedern 
Landwirthes, Wankel mit Namen, hatte er 
seine Rettung zu verdanken. Dieser, von Jugend 
auf mit der Gegend vollständig vertraut, brachte 
ihn im Bauernanzuge unerkannt durch die 
Banden und dann auf Jagd- und Schleichwegen 
in eine weniger gefährdete Gegend. Bernadotte 
hat die muthige That Wankels nicht vergessen. 
Zwanzig Jahre später, als er, der vormalige 
französische General und seit dem 4. August 1810 
erwählter Kronprinz von Schweden, nach dem 
am 5. Februar 1818 erfolgten Tode Karls XIII. 
als König den schwedischen Thron bestiegen hatte, 
richtete er an seinen Lebensretter einen eigen 
händigen Dankbrief, in welchem er demselben 
als Zeichen seines Dankes einen schwedischen 
Orden, oder, nach Wahl, eine höhere Geldsumme 
anbot. Wankel wählte den Orden, der ihm 
auch alsbald verliehen wurde, und so sah man 
denn noch in den 30er Jahren den sonst so 
schlichten Landwirth, geziert mit dem Ritterkreuze 
des Wasa-Ordens, in Hammelburg einherstolzieren. 
An vielen Plätzen, welche die Franzosen auf 
ihrem Rückzüge berührten, mußten sie Kanonen 
zurücklassen. So auch in dem fuldaischen bei 
Brückenau gelegenen Dorfe Oberleichtersbach, wo 
damals der Benediktinerpater und geistliche 
Rath Urban Thomas Landdechant war. Eine 
der dort verlorenen Kanonen kam, wie erzählt 
wird, später in den Besitz des vor einigen Jahren 
in Fulda verstorbenen Hospitalpfarrers Adam 
Ney und paradierte, als derselbe noch Pfarrer in 
Eichenzell war, vor dem dortigen ehemals fürst 
lichen Jagdschlößchen, seiner Pfarrwohnung. 
Auch Kanonen haben ihre Erlebnisse und manche 
heitere Anekdote, die man vormals in Fulda 
sich zu erzählen pflegte, knüpfte sich gerade an 
dieses einstige Mordinstrument der Franzosen, 
das aber auf dem Pfarrhofe zu Eichenzell und 
anderwärts, beispielsweise in Weyhers zu Land 
richter König's Zeiten, nur friedlichen Zwecken 
diente. 
An demselben Tage, an welchem Divisions 
general Leföbvre mit der Vorhut in Ebersbach 
und Oberleichtersbach eingerückt war, am 5. 
September, kam der Obergeneral Jourdan nach 
Brückenau. Da sollte in dem benachbarten Dorfe 
Römershag die Familie Weikard schweres Unglück 
treffen. Die dortigen Einwohner wollten mit 
den Bauern aus der Nachbarschaft die Franzosen 
nicht über die Brücke durchziehen lassen. Ein 
dienstloser Jägerbursch erschoß einen Offizier vor 
seiner Truppe, Bauern rissen einige Chasseurs 
von den Pferden, tödteten und plünderten sie. 
Einige Bauern drangen in das Weikard'sche 
Nebenhaus und schossen auf die Franzosen. 
Diese schossen wieder in das Weikard'sche Wohn 
haus. Der alte Weikard, der Vater des be 
rühmten Arztes Dr. M. A. Weikard, suchte die 
wüthenden Bauern zurückzuhalten und zu be 
schwichtigen, da seine Ermahnungen aber vergeb 
lich waren, so flüchtete er sich, als das gegen 
seitige Schießen immer stärker wurde, in seinen 
Garten. Die Franzosen drangen wüthend in 
den Ort, plünderten und mordeten, ließen bei 
dem alten Weikard allen Wein in den Keller 
laufen, fanden ihn selbst in dem Garten und 
tödteten ihn. Sein Schwiegersohn, I. W. 
Mackenrodt, der Amtmann im Orte war, wurde 
zwischen Reitern nach Brückenau fortgeschleppt 
zum General Jourdan, und nur dem Flehen 
und den Thränen seiner Tochter und seiner 
eigenen Herzhaftigkeit verdankte er es, daß er 
von einein schimpflichen Tode gerettet wurde. 
„Diese betrübte Nachricht von der Ermordung 
meines Vaters", schreibt Dr. M. A. Weikard, 
früher fürstbischöflich fuldaischer Leibarzt, später 
Hofarzt der Kaiserin Katharina II. von Rußland, 
der damals in Heilbronn verweilte, in seinen 
Denkwürdigkeiten, „hat mir lange keine ruhige 
Nacht gelassen. Mein Vater war nahe an achtzig 
Jahren und noch kraftvoll, so daß wir Geschwister 
uns oft schmeichelten, in ihm noch einen Greis 
von hundert Jahren zu sehen, sagte mir doch 
mein Bedienter, als ich aus Rußland 1783 kam: 
Ihr Vater ist ja noch jünger als Sie." 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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