Full text: Hessenland (4.1890)

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„Franzos Bim — Bim?" — Ob nemlich 
gegen sie Sturm geläutet werde. Hieß es dann: 
Nein, nit Franzos, sondern Kirch, Bim — Bim, 
so zogen sie ruhig weiter?) — 
Als die Franzosen in den Streu- und Saal 
grund einrückten, bekam der Volkskrieg eine 
andere Gestalt. Hier hatte sich der muthige Doktor 
Ignaz Reder von Mellrichstadt an die Spitze 
der Bauern gestellt, stieß aber bei Herschfeld auf 
ein überlegenes französisches Korps. Er büßte 
seinen patriotischen Enthusiasmus mit dem Tode; 
er fiel von feindlicher Kugel getroffen, nachdem 
ihn seine Mitstreiter schmählich verlassen hatten. 
Sein Fürst, Georg Karl Franz von Fechenbach, 
der letzte Fürstbischof von Würzburg, ließ dem 
selben im April 1799 zu Herschfeld bei Neu 
stadt an der Saale ein Denkmal mit folgender 
Inschrift errichten: 
„Hier ruht Ignaz Reder, ehemaliger Physikus 
zu Neustadt a/S., wurde geboren zu Mellrichstadt 
1746, starb am 30. August 1796 bei dem feind 
lichen Rückzüge der Neufranken den schönen Tod 
fürs Vaterland. Ein Mann von Geist und 
Wissenschaft, ein guter Christ, Menschenfreund 
und wohlthätiger Arzt, wirkte im Stillen als 
eifriger Weiser, in Gefahren zeigte er Muth 
und Entschlossenheit als teutscher Mann. 1770 
bei der Epidemie rettete er vielen das Leben. 
Er fiel zwischen Heustreu und Herschfeld durch 
zwei feindliche Kugeln. Dankbar segnet die 
Asche dieses biederen Franken sein Vaterland. 
Zum Beweise setzte dieses Denkmal sein Fürst." — 
Wir betrachten es nicht als unsere Aufgabe, 
eine eingehende Schilderung der Grausamkeiten 
und Greuelthaten, welche die Franzosen und 
Rhönbauern gegen einander verübten, der 
raffinirten Martern, die sie sich gegenseitig be 
reiteten, wie Ohrenabschneiden, Augenausstechen 
u. s. w., zu entwerfen, wir wollen hier nur 
noch erwähnen, daß die gefürchtetste Waffe der 
Rhönbauern die Mistgabel war. Die Franzosen 
sagten denn auch: „Bauer viel schlimm, gibt er 
drei Stich', hab' ich neun Loch"! 
Ein paar Episoden aus jenem Guerillakriege, 
der sich über die Rhön bis in die Nähe von 
Fulda erstreckte, werden unseren Lesern nicht 
unwillkommen sein, zumal in denselben ehemals 
wenigstens in Fulda, wohl bekannte Namen und 
Persönlichkeiten vorkommen. 
Waren einige junge fulder Musiker, die es 
sich nicht nehmen ließen, in ein französisches 
Regiment als Hoboisten eingetreten. Sie machten 
den Feldzug in der Sambre- und Maasarmee 
*) Vergl. „Die Franzosen in Franken" von Graf Soden, 
pag. 220 sqq. und „Die Rhöngegend in historischer 
Beziehung" von Dr. Justus Schneider, pag. 58 sqq. 
unter Jourdan mit. Einer von denselben gehörte 
zu jener Abtheilung, welche ihren Rückzug nach 
Fulda zu angetreten hatte. Bei Wüstensachsen 
wurde ein Theil derselben von den Bauern ge 
fangen genommen, unter ihnen auch unser fulder 
Landsmann. Man wollte ihm gleich den anderen 
den Garaus machen. Er flehte um sein Leben, 
das rührte die Bauern nicht, er sagte, daß er 
gar kein Franzose, daß er ein Deutscher, ein 
fulder Landeskind sei, man zuckte die Achseln, 
er redete das schönste „Fuldisch" in seinem 
„reinsten Idiome", half nichts, bis sich endlich 
der Rädelsführer der Bauern seiner erbarmte 
und ihn aufforderte, wenn er doch ein Fuldaer 
sein wolle, so möge er bekannte Persönlichkeiten 
und Lokalitäten Fulda's angeben. Rasch nannte 
er nun den „schwarzen Mann", das „schwarze 
Krämers", das „Besels Joxe" das Nonnenloch*) 
u. s. w. Er war gerettet. Alsbald erkannten 
ihn die Rhönbauern für einen Original-Fuldaer 
und entließen ihn nach seiner „Heimath." Oft 
noch hat unser fulder Landsmann dieses Er 
eignisses als einer der schwersten Stunden seines 
Lebens gedacht, wir selbst haben ihn dasselbe in 
dem Wirtshause zu Bronzell, das früher häufig 
von Fuldaern besucht wurde, erzählen hören. 
Es war Franz Karl Riehl, der Lehrer der 
französischen Sprache am fuldaer Gymnasium, 
welcher in der Mitte der 40er Jahre dahier 
verstorben ist. — 
Der Generalstabschef Ernouf entging nur mit 
Mühe der Rache der Landleute. Er hatte sich 
mit dem Generalstabe, mit allen Chefs und 
Emplohos der Heeresverwaltung u. s. w., unter 
einer nicht starken Bedeckung, nach Neustadt 
zurückgezogen. Plötzlich überfiel ihn hier, mitten 
in der Nacht, ein Schwarm Bauern. Ein Theil 
von Ernouf's Begleitung wurde niedergemacht, 
mehrere, deren Erhaltung wichtiger erschien, 
wurden als Gefangene fortgeschleppt; alle aber 
rein ausgeplündert. Ernouf selbst konnte nur 
mit genauer Noth und mit einer geringen Anzahl 
von Offizieren und Beamten sich durch die Flucht 
retten, nachdem er noch zuvor ein eben bei ihm 
eingetroffenes Schreiben des Direktoriums zu Paris 
an seinen Obergeneral Jourdan in Stücke zerrissen 
und verschluckt hatte, um es nicht in die Hände der 
Feinde kommen zu lassen. Ernouf galt für einen 
der humansten Generale der Jourdan'schen Armee, 
der die Plünderungen der Soldaten verabscheute 
und für seine Person wenigstens möglichste 
Schonung der Bevölkerung in Feindesland an 
gedeihen ließ. Freilich war es nicht vergessen 
worden, daß die von ihm bei dem Einzuge oer 
*) Volksthümliche Bezeichnungen für damals in Fulda 
bestandene Geschäftshäuser.
	        

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