Full text: Hessenland (4.1890)

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Nhön und Kpessarl, öie kleine Wenöee. 
1796. 
Von F. Sw enger- 
(Fortsetzung.) 
Wir übergehen die Kontributionen, welche die 
Franzosen einzelnen Kreisen und Städten aus 
erlegten. In denselben spielte außer Natural 
leistungen und dem baaren Gelde, dessen Forde 
rung sich meist auf Millionen erstreckte, die 
Lieferung vonHemden, Schuhen, Stiefeln, Gamaschen 
eine Hauptrolle, 'denn mit diesen Gegenständen 
waren die Soldaten nur sehr mangelhaft versehen 
und man hätte sie ebenso als Lansdottos wie 
als Sonsculottes bezeichnen können. 
Man hat vielfach dem Obergeneral Jourdan 
den Verfall der Kriegszucht in der Sambre- 
und Maasarmee zum Vorwurfe gemacht. Es 
mag daran etwas Wahres sein. Großen Schaden 
richtete aber das Heer von Employos, Kommissarien, 
Lieferanten an, welche als amtliche Blutegel 
das eroberte Land aussaugten, während für die 
Soldaten und Offiziere meist nur elendiglich 
gesorgt war. Das Elend der letzteren mag man 
nach dem einzigen Umstande beurtheilen, daß 
eines Lieutenants Monatssold, die Assignaten 
in baares Geld umgesetzt, zu jener Zeit, wie in 
dem „Rheinischen Antiquarius" von Chr. von 
Stramberg zu lesen ist, zu jener Zeit nicht 
völlig 3 Livres oder 18 gute Groschen betrug. 
Die Noth zwang sonach diese Offiziere zu jenen 
Erpressungen und Plünderungen, unter welchen 
die Landbevölkerung Frankens so entsetzlich zu 
leiden hatte. 
Schon gleich nach der Schlacht von Amberg 
am 24. August 1796 hatte sich das Landvolk 
der Oberpfalz gegen die Franzosen erhoben, und 
der Volksaufstand nahm zu von Tag zu Tag, 
von Ort zu Ort, je weiter Jourdan auf seinem 
fiuchtähnlichen Rückzüge nach Franken kam. Tief 
fühlte Jourdan jetzt alle Beschwerlichkeiten und 
Schrecknisse eines Rückzuges in einem feindlichen 
Lande, in welchem das Volk mit dem ihm ver 
folgenden kaiserlichen Heere gemeinsame Sache 
machte. In den Bauern, welche aller Schliche 
kundig waren, fanden die Franzosen noch weit 
furchtbarere Feinde, als in den österreichischen 
Kriegern, denn kein Pardon war von dem Bauer 
zu hoffen, den zugleich Gewinnsucht und Rachgier 
spornte und dem „einen Welschen kalt zu machen" 
noch ein verdienstliches Werk schien. Um ihre 
auf solche Art erschlagenen Brüder zu rächen, 
brannte die französische Armee im Bambergischen 
mehrere Dörfer ab, aber die Wuth der Landleute 
ward dadurch nur um so mehr gereizt. Wie 
durch eine allgemeine Verabredung schienen die 
Bauern hinter und neben und vor Jourdans 
Armeen in Masse zur Rache aufgestanden zu 
sein. Ganze Gemeinden hatten sich mit Flinten, 
mit Sensen, Heugabeln, Mistgabeln, Dreschflegeln 
bewaffnet, sie überfielen die zerstreuten Haufen 
der Feinde, und wehe den Franzosen, welche 
in die Hände der Bauern geriethen. 
Verhältnißmäßig am wenigsten schlimm erging 
es den Franzosen noch im Main- und Baunach- 
grund. Daselbst begnügten sich die Einwohner 
größtentheils damit, daß sie sich bei Annäherung 
eines französischen Korps in Bewaffnungsstand 
setzten und dann mit demselben einen förmlichen 
Waffenstillstand errichteten, welcher ohngefähr 
folgenden lakonischen Inhalts war: 
„Bauer nit kripp, nit schieß, nit hau, nit stech; 
Franzos nit kripp, nit hau, nit schieß, nit stech." 
War ein solcher Vertrag geschlossen, so wurde 
er heilig gehalten, den Franzosen die nöthigen 
Bedürfnisse verschafft, und sie zogen, von dem 
bewaffneten Volke stets beobachtet, ganz friedlich 
weiter. 
Man will behaupten, daß schon auf dem 
Hinmarsch die einzelnen dem Hauptkorps nach 
ziehenden Truppen mit großem Mißtrauen 
erfüllt gewesen wären, auch oft bei den Land 
leuten nicht eher Speise und Trank zu sich 
genommen hätten, bis sie Einheimische davon 
kosten sahen. 
Auf dem Rückzug aber stieg dieses Mißtrauen 
bis zu dem höchsten Grad von Aengstlichkeit. 
Hörten sie in einem Pfarrdorfe zur Kirche läuten, 
so schickten sie Jemand ab, welcher dann nach 
ihrer sonderbaren kauderwelschen Sprache fragen 
mußte:
	        

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