Full text: Hessenland (4.1890)

175 
schamlose Heuchler ist, insofern starke und deutliche 
Anzeigen existiren, die eine solche unmoralische Hand 
lungsweise vermuthen lassen, die Verfügung getroffen 
worden, daß sie auf geschehene Anzeige der Direktion 
von Seiten der Polizeibehörde aus ihrem Logis hinweg 
in ein anständiges Zimmer gebracht und von geprüften, 
ihnen aber unbekannten Leuten bedient und verpflegt 
werden, um hinter die Wahrheit zu kommen. Der 
aufgedeckte Betrug wird sodann außer der polizeilichen 
Ahndung mit dem Abzug der Hälfte der Gage ge 
ahndet werden und soll außer der Austösung ihres 
Contrakts eine öffentliche Bekanntmachung ihrer Hand 
lungsweise in den gelegensten Blättern ihre Strafe 
sein." 
Viele Jahre gingen vorüber, ohne daß ein Fall 
dieser Art eintrat und erst vierzig Jahre später, als 
Feige schon lange im Grabe ruhte, fand die Be 
stimmung ihre erste Anwendung und zwar in einer 
höchst komischen Weise bei keinem geringeren als 
Theodor Wachtel. 
Dieser war kurz nach Beginn seiner so glänzend 
verlaufenen Bühnenlaufbahn in den Jahren 1858 
und 59 als erster Tenor gleichzeitig mit seiner nach- 
herigen Gattin, der Ballettänzerin Wachter, am 
Kasseler Hoftheater in Engagement, letztere erhielt 
aber wegen eines sehr heftigen Rencontres auf der 
Probe mit dem damaligen Balletmeister Ambrogio 
ihre sofortige Entlassung. 
Ueber diese seiner Ansicht nach ungerechtfertigte 
Gewaltthätigkeit war Wachtel so entrüstet, daß er 
beschloß, die Bühne in Kassel nicht wieder zu betteten. 
Zunächst erklärte er, seine Partie in der auf den 
folgenden Tag angesetzten Oper „(£$<« und Zimmer 
mann" wegen Heiserkeit nicht singen zu können, es 
wurde ihm aber, da ihn der Theaterarzt für voll 
ständig gesund und durchaus nicht heiser erklärte, 
das Auftreten bei Meidung hoher Geldstrafe auf 
gegeben. Dem fügte er sich dann auch anscheinend. 
Er betrat die Bühne, deutete dann aber, als er den 
Gesang beginnen sollte, achselzuckend auf seine Kehle, 
verbeugte sich vor dem Publikum und verließ die 
Bühne. Die Intendanz hatte so etwas vorausgesehen, 
und den Tenoristen Erber in Kostüm zum Ersatz 
bereit gehalten, so daß nach einer kurzen Pause die 
Vorstellung ihren Fortgang nehmen konnte. Da nun der 
Theaterarzt auf seinem Gutachten beharrte, hielt man 
die Anwendung der oben angegebenen gesetzlichen 
Bestimmung auf den vorliegenden Fall für anwendbar 
und ersuchte demgemäß die Polizei, zwei dazu geeignete 
Männer in die Wohnung Wachtels alsbald zu be 
ordern, um ihn dort zu überwachen und an dem 
Verlassen seiner Wohnung zu hindern. In rücksichts 
voller Weise hatte man von seiner Ueberführnng in 
ein anderes Lokal Abstand genommen. 
Als die Requisition auf dem Polizeibüreau anlangte, 
waren dort gerade zwei sehr handfeste Männer, welche 
in der Regel zur Bewachung Irrsinniger, die noch 
in ihren Wohnungen verpflegt wurden, anwesend. 
Diese' hielt der dienstthuende Polizeikommissar zu dem 
verlangten Zwecke geeignet und sandte sie, ohne ihnen 
weiter die Veranlassung dazu anzugeben, mit der 
Weisung in die Wohnung Wachtels ab, ihn dort zu 
bedienen, zu überwachen und am Ausgehen zu ver 
hindern. 
Bei dem Eintreffen dieser Männer in der Wohnung 
Wachtels ereignete sich nun nach seiner eignen später 
gemachten Mittheilung folgende komische Scene: 
Wachtel fragt, höchst erstaunt über das Eindringen 
dieser Männer in seine Wohnung, „mit wem habe 
ich die Ehre?" worauf einer derselben antwortet: 
„Wir sind die Wächter von Tollgewordenen und 
hierher geschickt, um Sie zu bewachen und zu bedienen." 
Als Wachtel ganz außer sich über diese Eröffnung 
im Zimmer hin und hergeht, fassen ihn die beiden 
Männer und halten ihn fest, lassen sich daran auch 
durch seine Erklärungen, Bitten und Betheuerungen 
nicht hindern, bis glücklicherweise der Theaterarzt 
dazu kommt und das Mißverständniß aufklärt. 
Länger aber als acht Tage, konnte der gottbegnadete 
Sänger diese Bewachung nicht ertragen, er meldete 
sich von seiner Heiserkeit geheilt und zum Wieder 
auftreten bereit. 
Dieses fand in einer Partie statt, in welcher er 
immer am meisten die Kasseler Kunstfreunde entzückt 
hatte, als Melchthal in der Oper „Tell" und seine 
vor seinem Auftreten gemachte Aeußerung „das soll 
den Kasselanern noch lange in die Ohren klingen" 
ging vollständig in Erfüllung. Es war hier sein 
letztes Auftreten. Gleich darauf verließ er, ohne das 
Ende seines Engagements abzuwarten, heimlich die 
Stadt, in der ihm nach seiner Ansicht eine so un 
gerechte, üble Behandlung widerfahren war! 
Als er dann etwa zehn Jahre später wieder in Kassel 
auf der Höhe seiner Kunst stehend erschien, um als 
Gast an dem Königlichen Theater in seinen be 
rühmtesten Rollen aufzutreten, zeigte der ihm vom 
Publikum zutheil gewordene enthusiastische Empfang 
die allgemeine Freude, sich einmal wieder an seiner 
unvergleichlichen Stimme ergötzen zu können. 
W. Nogge-cLudwig. 
Kassel, 1. Juni. Am gestrigen Nachmittage 
waren die Straßen der Stadt vom Rondel am 
Wilhelmshöher Thore an bis zum Todtenhofe von 
dichten Menschenmengen gefüllt, welche gekommen 
waren, noch einen Blick auf den Sarg des gütigsten 
Helfers der Armen, des allezeit hülfsbereiten ärztlichen 
Beschützers, des Augenarztes v r. rn eä. Rein- 
hard Gläßner zu thun. Der Verein der Aerzte 
Kassels und zahlreiche andere gaben dem Entschlafenen 
das Geleite zu seiner letzten Ruhestätte. Mit Hunderten 
von Kränzen und Palmenzweigen hatte die Liebe 
Derer, welche ihm nahe standen, und seiner Patienten, 
den Sarg geschmückt. — Nur Wenige dürfte es
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.