Full text: Hessenland (4.1890)

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auch einer alten Gräfin ist er geneigt viel zu 
verzeihen. 
„Mir ist vor Glück wirklich ganz schwindlig", 
ächzt er, „mir ist, als befände ich mich oben in 
der Keule des Herkules und sähe ganz Kassel 
und Umgegend in bengalischer Beleuchtung." 
„Na", lacht sie gutmüthig, „Sei ein bischen 
vernünftig! Stellen wir uns dort in die 
Fran^aise und dann 'rin in's Vergnügen." 
Der Grazie ihrer Bewegungen nach — müßte 
es die Gräfin sein — nur die Sprache — die 
Ausdrucksweise — aber auch Gräfinnen benehmen 
sich zuweilen burschikos — Louis weiß das aus 
Romanen in „Ueber Land und Meer". 
In der Fran^aise richtet er, durch seine innere 
Verzückung gehindert, den Touren zu folgen, 
eine heillose Verwirrung an und Margueritchen 
hat ihre liebe Noth, den teuflischen Ritter 
wenigstens einigermaßen an der Seite zu be 
halten. 
„Die verfluchten französischen Kommando's!" 
sagt er kleinlaut. 
„£>", meint sie, „ein Teufel versteht doch jede 
Sprache." 
Nach der glücklich überstandenen Fran?aise 
schlendern sie wieder Arm in Arm durch das 
Menschengewoge — nur federleicht berührt sie 
ihn — ach — und auch er wagt ihren schönen 
Arm nicht näher an sich heranzuziehen. 
„Nun muß ich aber fort," lispelt sie. 
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Aus alter und neuer Zeit. 
Johann Friedrich Schannat. Seltsam, 
die Lebensgeschichte des bekanntesten unter allen Fuldaer 
Historikern, der sich mit der Geschichte Fulda's in 
ihren verschiedenartigsten Zweigen beschäftigt hat, dem 
wir viele mächtige Folianten über dieselbe verdanken, 
den wir überall und allentwegcn citirt finden, wo es sich 
um Fuldaische Geschichte handelt, ist fast gänzlich un 
bekannt geblieben. Wir wißen wohl, zu welcher Zeit 
Johann Friedrich Schannat in Fulda gelebt und 
wann er seine Werke geschrieben hat, auch daß er 
ein Geistlicher gewesen ist, das ist aber auch so 
ziemlich alles, was bis jetzt zur Kenntniß selbst derjenigen 
elangt ist, denen die Fuldaer Geschichte und die 
cbensverhältnisse hervorragender Fuldaer Gelehrter 
doch sonst nichts weniger fremd sind. Da ist cs 
denn nun freudig zu begrüßen, daß in dem neuesten, 
so eben erschienenen Hefte des ausgezeichneten, von 
der historischen Kommission bei der Königl. Akademie 
der Wissenschaften in München herausgegebenen Werkes 
,Allgemeine Deutsche Biographie," Band XXX. 4. 
und 8. Heft, Leipzig bei Duncker und Humblot, wenig 
stens eine kurze Biographie Schannat's enthalten ist. 
„Entzückende Gräfin — eine Ihrer Mar- 
gueriten". — 
„Ja", lacht sie schelmisch, „gieb mir dafür 
Deinen Brillantring, den Du auf dem rothen 
Handschuh trägst — es ist ja doch blos Talmi 
gold — das sieht man." 
Louis wird dunkelroth vor Scham — allein 
ritterlich erfüllt er ihr Begehr. 
„Beim nächsten Wiedersehen — Austausch," 
flüstert sie zärtlich und verschwindet. 
Für Louis hatte der Maskenball jeden Sinn 
verloren — und da er überdies Zahnweh hatte, 
begab er sich noch vor der Demaskirung heim. — 
Am nächsten Morgen herrschte zwischen dem 
Personal des großen Putzgeschästs eine geheim 
nißvolle Aufregung und diese erreichte einen un 
heimlichen Grad, als Herr Wassermann mit 
rother Nase und verbundener Wange, einen 
großen Wattefetzen im Ohr, auf dem Plan er 
schien. 
„Meine unterthänigste Gratulation zu Ihrer 
demnächst mit der Gräfin S. stattfindenden Ver 
lobung!" schrie der Buchhalter Windelweich von 
seinem Drehstuhl herunter — und knixend er 
schien im Kreise der Blumenmacherinnen die 
kleine Kousine und gab dem bebenden Louis den 
Brillantring. — 
„Ach, Du warst es!" sägte Louis, — „Du 
meinst wohl, ich hätte Dich nicht erkannt? Na, 
ich bin auch nicht von gestern!" — 
Auf Grundlage derselben bringen wir folgende An 
gaben, die, so dürftig sie auch sein mögen, für einen 
großen Theil der Leser unserer Zeitschrift doch nicht 
ohne Interesse sein dürsten. 
Johann Friedrich Schannat ist am 23. 
August 1683 zu Luxemburg als Sohn eines fränkischen 
Arztes, der sich dort niedergelassen hatte, geboren. 
Zu Löwen studirte I. F. Schannat die Rechtswissen 
schaft und schon im Alter von 22 Jahren war er 
Advokat in Mecheln. Nebenbei beschäftigte er sich 
mit historischen Studien und der Erfolg, welchen sein 
geschichtliches Erstlingswerk „Uistoire du comte de 
Mansfeld 4 *, Luxemburg 1707, hatte, bestimmte ihn, 
sich vollständig derselben zu widmen. Um dies besser 
durchführen zu können, entschloß er sich, Geistlicher 
zu werden. Vom Fürstabte von Fulda Constantin 
von Buttlar erhielt er den Auftrag, die Geschichte 
dieses Hochstiftes zu schreiben und wurde dann zum 
fürstlichen Historiographen und Bibliothekar in Fulda 
ernannt. Diese Stelle bekleidete er wohl auch noch 
unter dem Nachfolger Constantins, dem Fürstabte 
Adolf von Dalberg, dem Begründer der Fuldaer 
Universität. Hiernach erhielt er vom Kurfüsten und
        

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