Full text: Hessenland (4.1890)

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wenig Ordnung, daß man von einem feierlichen 
Aufzug irgend welcher Art, der nicht gehörig 
geordnet daher kam, zu sagen pflegte, es ging 
dabei her, wie bei einer Judenleiche. Die Leichen 
folge war nach jüdischem Begriff eine Gott 
wohlgefällige Handlung und hatte jeder Jude 
die Pflicht, wenn ihm die Leiche eines Glaubens 
genossen begegnete , sie eine Strecke weit zu be 
gleiten. Auch die christlichen Beerdigungen 
waren noch weit entfernt von dem jetzt dabei 
getriebenen Aufwand. Bei bürgerlichen waren 
bei Meidung polizeilicher Strafe außer dem 
Wagen für den Pfarrer nur zwei Wagen für das 
Gefolge gestattet und Blumen und Kränze wur 
den nur bei Jungfrauen und unverheirathet ge 
storbenen jungen Männern verwendet. Die jetzt 
übliche Verwendung einer großen Anzahl Wagen 
war schon durch die damals sehr geringe Anzahl 
von Miethkutschen ausgeschlossen. Bei der Nähe 
des Todtenhofs waren die Leichen in der Regel 
Fußleichen, bei denen auch der Pfarrer dem von 
den sogen. Leichenkandidaten getragenen Sarg 
voranschritt. 
Zur Erheiterung der Marktbewohner und der 
sich da aufhaltenden Personen dienten die sehr 
oft hier erscheinenden Stadtoriginale, die noch 
in stattlicher Anzahl vorhanden waren, nament 
lich das am Platze wohnende Ludemünnchen, 
ein kleines, in einem seinen Jahren nicht ent 
sprechenden Aufputz gar komisch auftretendes altes 
Jüngferchen. Der Darsteller des Papageno 
hatte sie auch einmal bei einer Aufführung der 
Zauberflöte auf die Bühne gebracht, indem er 
beim Anblick der als altes Weib auftretenden 
Papagena ausrief: „Ei, da ist ja das Lude 
männchen" , mußte dafür aber 24 Stunden 
Arrest auf der sog. Goldkammer, dem im Rath 
hause beflndlichen Bürgergefängniß, verbüßen. 
Zu diesen Stadtoriginalen gehörte ferner der 
tolle Girdel (Kördel), der täglich beim Aufziehen 
der Wachtparade barhäuptig, den Hals wegen 
eines starken Kropfes mit einem dicken Wolltuch 
bedeckt, neben dem Tambourmajor einherschritt 
und häufig in der Aue die Bäume der Affen 
allee, als wären es eine Reihe aufmarschirter 
Soldaten, zu Fuß abgaloppirte. 
Nicht minder originelle Persönlichkeiten waren 
der Bruder Kördel's, der Willewommbombomm, 
der Schuder, der Kalmen, stets einen Pack 
Bücher zum Verkauf vor sich auf der Brust 
tragend und wegen seiner Schnupftabaksnase 
von den Jungen mit dem Rufe „Kalmen, gieb 
mir 'ne Prise" verfolgt, sodann der eben so 
brave und ehrliche, als komische Kaufunger Bote, 
der Linsenschmecker, der seinen Namen davon 
hatte, daß er einmal in den an die Wiese vor 
dem Leipziger Thore befindlichen Wassertümpel, 
den sog. Linsenteich, gefallen war. 
Eines hochachtbaren, in seiner Art leider 
längst ausgestorbenen Originals des Marktplatzes, 
des länger als 50 Jahre im Geschäft des 
Bilderkrämers Mangold thätig gewesenen Com 
mis Wiemer, habe ich bei anderer Gelegenheit 
in diesen Blättern (Jahrgang 1887 S. 317) 
ausführlicher gedacht. 
Viele Jahre sind seitdem vorübergegangen und 
noch sind es sehr wenige, die sich dieser Persön 
lichkeiten zu erinnern vermögen, größer ist aber 
die Anzahl derer, die noch den letzten Repräsen 
tanten dieser Stadtoriginale, den nun auch seit 
einem Menschenalter im Grabe ruhenden 
„Kohlenkeßler" gekannt haben. Von ihm ist 
ein wohlgetroffenes Abbild seiner schlauen, etwas 
zigeunerartigen Physiognomie in dem Bilde, 
„der Spatenstich der Friedrich Wilhelms Nord 
bahn bei Guxhagen" der Nachwelt erhalten 
geblieben. Auch er hatte den Hauptsitz seiner 
Thätigkeit, Vermittlung des Verkaufs der von 
Helsa und Kaufungen eingefahrenen Kohlen, 
auf dem Marktplatze. Als dessen Bewohner 
erfreute ich mich seiner genaueren Bekanntschaft 
und habe ihm auf sein Begehren manchen 
Groschen auf Nimmerwiedersehen geborgt. Von 
seinem Bruder, einem sehr achtbaren Dorfschul 
lehrer, wußte er sich häufig Geld durch die 
Drohung zu verschaffen, er sage sonst, daß er 
sein Bruder sei. Von seinen schlauen Streichen 
bei den Kohlenhändeln wußte man viel zu er 
zählen. Eines Tages erschien er mit einem 
Guckkasten auf dem Rücken und kündigte an, 
daß gegen.Zahlung von zwei Hellern darin ein 
Kohlenbergwerk und Paris bei Nacht zu sehen 
sei. Die Jungen, die daraus hineinfielen, sahen 
dann eine Glanzkohle und ein Stück schwarzes 
Papier. Großes Erstaunen erregte einst an 
einem ersten Pfingsttag Nachmittag sein Erschei 
nen unter der Menschenmenge in der Restau 
ration der Karlsaue. Stolz schritt er da im 
Cylinder und feinen Anzug, den ihm ein als 
Humorist bekannter Maler verschafft hatte, aber 
barfuß einher. — Die Zeit ist ernster geworden 
und gehören solche Originale ebenso, wie die mit 
ihnen getriebenen Späße für immer der Ver 
gangenheit an. 
Für die Marktbewohner war in der hier in 
Rede stehenden Zeit an den Pfingsttagen schon 
der Festsonnabend ein großer Festtag, da an 
keinem anderen Tage des Jahres hier ein so 
reges Leben herrschte und der Schaulust soviel 
geboten wurde. Mit dem frühesten Morgen 
bedeckte sich der Platz , der mit dem am West 
ende der Stadt gelegenen Königsplatz darin noch 
keinen wesentlichen Konkurrenten hatte, mit den
        

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