Full text: Hessenland (4.1890)

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derselbe ein ächter Dichter sei, merke man 
am meisten daran, wie er Naturgegenstände be 
handle. Er beschreibe nicht, suche auch nicht 
lange nach gewählten Worten, aber er belebe 
das Kleinste durch seine schlichte und doch kraft 
volle Darstellung. Auch wisse er den einfachsten 
Dingen seelische Vertiefung zu geben und, wenn 
auch einmal die Form nicht ganz vollendet sei, 
durch ungesuchte Ursprünglichkeit zu wirken. 
Nur eins hatte Frau Doktor Justi än dem 
Und des Dichters Lieblingsbäume streu'n darauf die 
Blüthenflocken 
Und dazu das Festgeläute läuten schöne Blumenglocken. — 
Wenn im Herbst die Blumen welken, gelb sich färben Hain 
und Hecke, 
Deckt Natur den stillen Hügel freundlich zu mit weißer 
Decke. 
Wenn die goldne Abendsonne hier im Westen ist versunken, 
Streut der Mond auf diesen Hügel seine hellen Silber 
funken. 
Durch das grüne Laubgeflechte strahlen dann die ew'gen 
Sterne, 
O, in diesem schönen Haine weil ich an dem Abend gerne! 
Stille herrscht dann um den Hügel, ihn umlagert süßer 
Friede, 
Wenn des Mondes Silberschimmer glänzt um's Grab der 
Pyramide. 
Fernher hör' ich Glockentöne, die zur Abendruh' erschallen, 
Freunde, nach dem schönen Haine laßt uns oft noch heiter 
wallen. 
poetischen Lohgerber auszusetzen. Sie meinte, er 
müsse sich durch die kleinbürgerlichen Verhältnisse 
nicht von einem höheren Aufschwung seines 
Talentes abhalten lassen, dürfe auch nicht so viel 
Gelegenheitsgedichte schreiben und „seinen guten 
Wein nicht schoppenweise an Leute verzapfen, 
die den Werth davon gar nicht zu schätzen 
wüßten". Dieser Ausspruch machte einen so 
großen Eindruck auf mich, daß sich jedes Wort 
der geistvollen Frau unverwischbar meinem Ge 
dächtnisse einprägte. 
(Schluß folgt.) 
Das Grab befindet sich im sogenannten Forstgarten 
am Cappeler Berge bei Marburg. Der hier bestattete 
Sänger ist der 1822 verstorbene Dr. Karl Ludwig Eber 
hard Heinrich Friedrich von Wildungen. Er war Kurhess. 
Oberforstmeister und nach seiner Biographie in „Strieders 
Hess. Gelehrten-Gesch." B. 17, S. 53 und B. 18, S. 515 
auch ein poetisch hochbegabter Mann. Wildungen war 
innig befreundet mit dem Professor der Rechte Eduard 
Platner (geb. 30. August 1786), welcher nach dem Tode 
des Oberforstmeisters täglich dessen Grab besuchte. Bei 
diesen im Sommer und Winter regelmäßig gemachten 
Gängen pflegte Professor Platner in der liebenswürdigsten 
Weise alle Kinder zu begrüßen, die ihm begegneten oder 
vor den Thüren der Häuser saßen. Die freundliche Er 
scheinung dieses in meiner Kindheit bereits schneeweißen 
Mannes ist mir unvergeßlich und ebenso unvergeßlich die 
herzliche Art, die er oft bei kurzen Gesprächen mit anderen 
Kindern und mir an den Tag legte. 
Aus dem allen Waffel. 
I. Der Altstädter Marktplatz zur Zeit der Regierung Wilhelms II. 1821—1831. 
Von W. Dogge-Tu öwig. 
(Schluß.) 
Seit der Zeit haben gar viele Sitten und 
Gebräuche, die man auf dem Platze beobachten 
konnte, längst ihr Ende gefunden, namentlich 
solche der Juden. Eine eigenthümliche Erschei 
nung boten noch viele von ihnen in ihrer aus 
lange verschwundener Zeit beibehaltenen Kleider 
tracht auf ihrem Wege nach der damals am 
Töpfenmarkt gelegenen Synagoge. Da sah man 
noch alte ehrwürdige Gestalten in Kniehosen, 
weißen Strümpfen und Schnallenschuhen, den 
Kopf bedeckt mit einem mächtigen, tief hinten 
in den Nacken quer gesetzten Dreimaster. Wäh 
rend die Männer bei den verschiedensten Ver 
anlassungen, z. B. beim Essen, ihr Haupt nach 
beibehaltener orientalischer Sitte nicht unbedeckt 
lassen durften, war den Frauen streng geboten, 
nichts von ihrem Haupthaar sehen zu lassen. 
Da es ihnen bei der Trauung abgeschnitten wurde, 
trugen sie alsdann beim Gottesdienst eine große 
mit Gold und Silber durchwirkte und mit Spitzen 
besetzte Haube, die um den ganzen Kopf herum 
einen steifen Besatz von gefaltetem Battist hatte. 
Das jetzt wieder aus der Mode gekommene 
Haubentragen nach ihrer Verheirathung hatte 
auch bei den Christenfrauen Eingang gefunden. 
Daher die Redensart: „unter die Haube kommen". 
Das Herannahen einer Judeuleiche wurde immer 
schon vorher dadurch angekündigt, daß sich eine 
größere Anzahl Judenfrauen auf dem Markte 
einfand, um sie da zu erwarten. Wenn sie 
vorüber war, gingen sie an den dort befindlichen 
Brunnen, um sich die Hände zu waschen, weil 
der Todte als etwas Unreines betrachtet wurde. Die 
Leichenbegängnisse der Juden zeichneten sich schon 
damals gegenüber denen der Christen durch ihre 
große Einfachheit aus; die des Reichen unter 
schied sich von der des Armen nur durch das 
größere Gefolge. Bei diesem herrschte aber so
        

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