Full text: Hessenland (4.1890)

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und Weintraut höchst interessante Persönlichkeiten 
für mich waren, beobachtete ich beide immer sehr 
genau. Weintraut hörte meistens andächtig zu 
und ging mit auf dem Rücken verschränkten 
Armen neben dem berühmten Literaturkenner 
her, der seinerseits meist sehr lebhaft und feurig 
sprach und einen gelben Stock mit silbernem 
Knopf manchmal in hastiger Bewegung von 
einer Hand in die andere gleiten ließ. 
Einmal, als ich in Gemeinschaft mit unserer 
Handarbeitslehrerin und einer Anzahl Mit 
schülerinnen einen Spaziergang auf das sogenannte 
Hansenhaus bei Marburg gemacht hatte und 
erst spät nach Hause ging, schritten Vilmar und 
Weintraut unmittelbar vor uns her. Es war 
ein schöner sternenheller Sommerabend, ein 
Himmelslichtchen funkelte heller und freudiger 
als das andere. Beide Männer unterhielten 
sich über die „große himmlische Illumination" 
und sprachen so laut und eifrig miteinander, 
daß ich Manches von ihrem Gespräche verstand 
und mir für immer fest einprägte. Vilmar 
wußte in hinreißender Weise seine Gedanken zum 
Ausdruck zu bringen, besonders, wenn es galt, 
die Herrlichkeit der Werke Gottes zu preisen. 
Den Zauber, der von seinem Wesen ausging, 
den habe ich damals so recht gespürt, ohne daß 
der bedeutende Mann eine Ahnung davon hatte. 
Wenn ich später oft hörte, Personen, die gegen 
Vilmar eingenommen waren, seien nach der 
ersten Begegnung mit ihm vollständig um 
gewandelt gewesen, so habe ich das gut begreifen 
können. Auch Weintraut stand an jenem Abend 
ganz und gar in dem Banne der gewaltigen 
Persönlichkeit. Noch sehe ich sein Auge be 
wundernd auf Vilmar gerichtet, der sich seiner 
seits so in seinen Gegenstand vertieft hatte, daß 
ihn Weintraut dann und wann darauf auf 
merksam machen mußte, den im Wege liegenden 
Steinen auszuweichen. 
Don den bedeutenden Persönlichkeiten Marburgs 
habe ich auch oft den noch nicht lange ver 
storbenen Generalsuperintendenten und verdienst 
vollen hessischen Forscher Wilhelm Kolbe bei 
Weintraut gesehen. Der letztere war ein eifriger 
Anhänger des ausgezeichneten Kanzelredners, 
dessen von aufrichtiger Frömmigkeit getragenen 
und gehaltvollen Predigten auf empfängliche 
Gemüther den tiefsten Eindruck machen mußten. 
Weintraut hat viele religiöse Gedichte geschrieben, 
und ich glaube mich bei deren Erwähnung nicht 
einem Irrthume hinzugeben, wenn ich die Ver 
muthung ausspreche, daß ihm zu den meisten 
Kolbe's hinreißende Reden die Anregung ge 
boten haben. Unter den Gedichten aus dem 
Nachlasse Dietrich Weintrauts befindet sich eins 
über den Richter Jephta, der bekanntlich nach 
dein Siege über die Ammoniter gelobt, Gott 
für den geschenkten Sieg das zu opfern, was 
ihm bei seiner Rückkehr vor seiner Hausthüre 
zuerst begegnen würde. Es war dies sein 
einziges Kind, seine bereits erwachsene Tochter. 
Die Art und Weise, wie Weintraut diesen Stoff 
behandelte, erinnerte mich lebhaft an einen 
Vortrag über Jephta, den der damalige Pfarrer 
Kolbe in einer Bibelstunde hielt. Begründen 
kann ich meine Ansicht weiter nicht, aber ich 
bin fest überzeugt, daß Kolbe in den letzten 
Jahrzehnten von Weintrauts Leben den be 
deutendsten Einfluß auf dessen geistige Be 
strebungen ausübte. 
So weit ich aus eigenen Erlebnissen und An 
schauungen urtheilen kann, habe ich nun noch 
eine hochstehende, feingebildete Dame zu nennen, 
die das Talent des Volksdichters schätzte und 
ihn durch eingehendes Verständniß zu "fördern 
suchte. Es war dies die alte Frau Geheime 
räthin von Heusinger, eine schöngeistige Frau 
von feiner literarischer Bildung. In ihr lebte 
das edle Bedürfniß, aufstrebende Talente, wo sie die 
selben auch entdecken mochte, freundlichst zu unter 
stützen. Sie fragte nichts nach Stand und Rang 
und lud sogar bürgerliche Persönlichkeiten in ihre 
Gesellschaften, wenn dieselben aus künstlerischem 
oder geistigem Gebiete irgend welche Fähigkeiten 
an den Tag legten. Wer das Leben in Marburg 
zu jener Zeit kennt und sich einmal wieder recht 
deutlich die Schranke vergegenwärtigt, welche die 
sogenannten Vornehmen von den Bürgersleuten 
trennte, der wird zugeben, daß zu einer solchen 
Handlungsweise recht viel Muth und Geistes 
freiheit gehörte. 
Bei ihren trefflichen Geistesgaben besaß Frau 
Geheimerüthin von Heusinger auch einen großen 
Wohlthätigkeitssinn, der sich in ihrer warmen 
Fürsorge für die verschiedenen Armenanstalten 
Marburgs unermüdlich bethätigte. Da Dietrich 
Weintraut Vorsteher des Gotteshauses und der 
beiden Siechenhäuser war, bot sich für die edle 
Frau oft Gelegenheit, den Dichter näher kennen 
zu lernen. Und diese öfteren Zusammenkünfte 
scheinen nur dazu beigetragen zu haben, um den 
einfachen Mann in ihrer Würdigung noch höher 
zu stellen. Frau Geheimeräthin von Heusinger 
verehrte und schätzte Weintraut bis an seinen 
Tod und erwies ihm, wie man mir erzählte, 
noch auf seinem Sterbebette sinnige und erhebende 
Aufmerksamkeiten. Bei Frau von Heusinger, an 
die auch ich nur mit herzlicher Dankbarkeit und 
Verehrung zurückdenken kann, traf ich auch ein 
mal den Dichter, der gerade im Begriff war, sich 
wieder zu entfernen. Die gute Frau, die immer 
bereit war, aufzumuntern, wo es nur ging, sagte 
ihm einige freundliche Worte über mich, worauf
	        

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