Volltext: Hessenland (4.1890)

165 
„Gehet hin in alle Welt, und lehret alle Völker! 
Gehet hin in alle Welt, und leeret alle Völker! 
Der Teufel heischet dies, und jenes Christus; doch 
Nichts mehr gilt Christi Spruch, des Teufels übt 
man noch." 
Den deutschen Landmann hatte erst nur Schrecken 
gelähmt, aber bald trat Ingrimm an dessen Stelle; 
er fing an, die unermeßliche Bauernmasse um 
sich her und dagegen die französischen Soldaten 
zu zählen, die ihn so gehudelt und geplündert 
hatten, und Rache ist süß. 
(Fortsetzung folgt.) 
—i -*-«• 
Erinnerungen an öen Uarburger HolKsöichter 
Meirich Weintraut. 
Von <£. Mentzel. 
(Fortsetzung.) 
Die Sängerfestgedichte machten Weintraut auch 
in anderen hessischen Städten bekannt. Vielleicht 
waren dieselben sogar die Veranlassung, daß er 
zu Ludwig Spohr in freundschaftliche Beziehungen 
trat, der bekanntlich seit 1822 Hofkapellmeister 
in Kassel war. Wie mir der Sohn Dietrich 
Weintrauts mittheilt, lud Spohr den Volksdichter 
mehrmals zu sich nach Kassel ein und veranstaltete 
sogar ihm zu Ehren eine musikalische Aufführung. 
Dietrich Weintraut unterhielt auch einen Brief 
wechsel mit Spohr, der jedenfalls werthvollen 
Aufschluß über die Bestrebungen der beiden 
Männer und ihr Verhältniß zu einander geben 
dürste. Die Familie des Dichters ist noch im 
Besitze dieser und anderer werthvollen Briefe, 
deren Veröffentlichung ich mir, falls die jetzigen 
Eigenthümer ihre Genehmigung nicht versagen, 
für später als Ergänzung zu dieser Skizze vor 
behalten habe. 
Daß zwei Männer wie Spohr und Weintraut 
sich gegenseitig anzogen, ist leicht begreiflich. 
Nicht nur, weil ihr erster Entwickelungsgang 
den gemeinsamen Zug des Kampfes mit den be 
stehenden Verhältnissen aufweist, sondern auch, 
weil beide wirklich ächte Künstlernaturen waren, 
deren ganze Richtung nach dem Erreichen edler 
idealer Ziele drängte. Spohr, der trotz seines 
Weltruhmes ein schlichter schmuckloser Mann ge 
blieben war, hatte ohne Zweifel tiefes Verständniß 
und vollste Würdigung für einen einfachen 
Bürger, der zwar nicht kühn, wie er selbst, sein 
Talent zum Kompaß für die Lebensfahrt gewählt 
hatte, aber mit Hilfe desselben aus dem Bildungs 
kreise seiner Standesgenossen hinaus und auf 
eine freie geistige Höhe gestiegen war. Sicher 
erquickte sich auch der große Tondichter an der 
herzinnigen Freude, welche dem Volksdichter die 
Musik machte. Weintraut besaß ein angeborenes 
Verständniß für das wirklich Schöne in dieser 
Kunst und suchte dasselbe zu genießen, wo sich 
ihm nur die Gelegenheit dazu boll An dieser 
Stelle möchte ich auch erwähnen, daß Weintraut 
ein ungemein wohlklingendes volltönendes Organ 
hatte. Ganz sicher machte dasselbe, wie auf 
viele andere Menschen, auch auf Spohr einen 
angenehmen Eindruck. Außerdem mag es das 
Band zwischen beiden Männern noch fester ge 
woben haben, daß sie, wenn auch auf ver 
schiedenen Gebieten, Lyriker von bedeutender 
Innerlichkeit waren. Spohr's Schwerpunkt lag 
aber wohl auf formalem Gebiete, während 
Weintrauts Gedichte mehr durch die Frische der 
Gedanken und Empfindungen imponiren. Beide 
Männer bewegen sich aber durchaus in den 
Grenzen ihrer Subjektivität und treten in ihren 
Kunstleistungen nur selten über diese hinaus. 
Ein ehrendes Zeugniß für den Marburger 
Volksdichter ist es ohne Zweifel, daß er auch 
mit anderen berühmten Personen im Briefwechsel 
stand. Weintrauts poetische Begabung muß 
also in der That groß genug gewesen sein, um 
bedeutende Menschen so anzuziehen, daß sie in 
geistigen Verkehr mit dem schlichten Manne aus 
dem Volke traten. 
Ob Weintraut auch von Seiten der damaligen 
Universitätsprofessoren die rechte Anerkennung 
fand, kann ich nicht sagen*). Doch scheint 
Professor A. F. C. Vilmar dem Dichter 
freundlich gesonnen gewesen zu sein. Als 
Anhalt für diese Vermuthung dient mir die 
Thatsache, daß ich die beiden Männer mehr 
mals im Laufe der Jahre miteinander gehen 
sah. Meistens begegneten sie mir in der Linden 
allee am sogenannten Kümpfrasen, wo meine 
Großmutter einen Garten hatte. Da Vilmar 
*) Nach Mittheilungen von Weintrauts Sohn war das 
Verhältniß des Dichters zu verschiedenen Marburger 
Professoren ein sehr gutes. Besonders förderten Weintraut 
die Professoren Zusti, Henke, Wenderoth und Wiegand.
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.