Full text: Hessenland (4.1890)

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gehen sehen. Bleibet daher an euren Heerden, 
nehmet keinen Antheil an den kriegerischen Be 
gebenheiten und ihr könnt darauf rechnen, bei 
allen Chefs der Armee, die ich kommandire, 
Schutz zu finden." — Und Artikel 1 dieser 
Proklamation lautet: „Den Generalen, Ober 
und Unteroffizieren ist aufgetragen, die strengste 
Disziplin unter den Truppen zu handhaben, die 
sic kommandiren: sie werden nach der Strenge 
des Gesetzes jedes Individuum richten und strafen 
lassen, welches sich erlaubt zu plündern, oder die 
Bewohner der Länder zu mißhandeln, durch 
welche die Armee ziehen wird." 
Allerdings mordeten und brannten die Fran 
zosen nicht so viel als vor hundert Jahren in 
der Pfalz, aber sie raubten um so mehr und 
übten die scheußlichsten Mißhandlungen besonders 
au den Frauenzimmern und den Kirchen. Ihre 
viehische Unzucht überstieg jeden Glauben und 
ebenso ihre Kunst, den Leuten mit List und Ge 
walt den letzten Pfennig abzupressen. Bei der 
damals in Frankreich bestehenden großen Finanz 
noth erhielt der französische Soldat oft Monate 
lang keinen Sold und war deshalb ausschließlich 
darauf angewiesen, sich seinen Unterhalt durch 
Plünderung zu verschaffen. Es ist erklärlich, 
daß dieser Zustand bei der Zuchtlosigkeit der 
Soldaten zu den ärgsten Ausschreitungen führte. 
Wie Rudel hungriger Wölfe verbreiteten sie sich 
über Stadt und Land, was sich fortschleppen 
ließ, wurde mitgenommen, was niet- und nagel 
los war, zerschlagen und unbrauchbar gemacht. 
In unsinniger Zerstörungswuth wurden am 
Rhein und in Franken die Fässer mit Wein 
zertrümmert, das Vieh, welches man nicht mit 
sich führen konnte, getödtet, die Bewohner auf 
Herausgabe angeblich versteckter Gelder gequält, 
die Frauen geschändet. Die französischen Generale 
selbst schrieben nach Paris, die Räubereien seien 
allgemein, die Soldaten ohne jede Zucht, und 
wenn die Offiziere den Unmenschlichkeiten ent 
gegentreten wollten, werde auf sie geschossen. 
An allen Orten waren von den Franzosen die 
größten Brandschatzungen ausgeschrieben und wenn 
solche nicht gezahlt werden konnten, Geiseln mit 
fortgeschleppt worden. Kurz unendlicher Jammer 
und Elend bezeichneten allenthalben die Spuren der 
Franzosen in Deutschland. Kann es da Wunder 
nehmen, daß in den Gegenden, in welchen die 
Franzosen so unmenschlich gehaust, in Franken, 
in der Rhön, im Spessart, im Odenwald, das 
Volk sich erhob und Rache übte für die Greuel 
thaten, die der Franzmann an ihm begangen? 
Einzelne interessante Bilder aus dem Guerilla 
kriege, wie er von der Bevölkerung der Rhön 
und des Spessart Legen die Franzosen gefochten 
wurde, unsern Lesern vorzuführen, ist der Zweck 
unseres Artikels. — 
Jourdan hatte sich noch einmal auf seiner 
Flucht nach der Schlacht von Amberg, bei Würz 
burg gesetzt. Aber auch hier wurde er am 3. 
September 1796 vom kaiserlichen General Werneck 
geschlagen und erlitt einen Verlust von 6000 
Todten und 2000 Gefangenen. Tags darauf 
rückte Erzherzog Karl in Würzburg ein. Der 
Stift- Hauger Kapitular Jenum erzählt in seinem 
ungedruckten Tagebuche über die französische 
Invasion von 1796 eine hübsche Anekdote, die 
wir hier nicht verschweigen wollen. „Lange vor 
der Ankunft des Erzherzogs Karl hatten sich 
auch die sämmtlichen würzburgischen Offiziere mit 
dem General von Ambotten an der Spitze, auf 
dem Hofplatze aufgestellt. Als aber Ambotten 
von der k. k. Vorhut erfahren, daß der Erzherzog 
auf die Festung reiten würde, ging dieser General 
nach Hause und die übrigen Offiziere gingen 
auseinander. Zufälliger Weise aber gingen vier 
würzburgische Offiziere, Major Seuffert, Ritt 
meister von Schott, Platzlieutenant Rauch und 
Adjutant Geitler aus eignem Antriebe auf die 
Festung. Kaum war Erzherzog Karl abgesessen 
und sah die fürstlichen Offiziere mit abgezogenen 
Hüten Front machen, ging er höflich, den Hut 
ziehend, auf sie zu und fragte einen derselben: 
„Sind Sie der Festungskommandant von hier?" 
Auf diese Frage streckte sich der angeredete Offizier 
so viel als möglich und antwortete mit aller 
Geistesgegenwart und vollem Anstand ganz kurz, 
aber schön: „Ihr Durchlaucht Nee!" 
Jourdans Rückzugslinie ging nach der Schlacht 
von Würzburg durch die Rhön und den Spessart 
an die Lahn. Am 4. September ging er bei 
Hammelburg über die fränkische Saale; der 
Train und die Bagage zogen auf der Straße 
nach Fulda fort. Am 5. September ging der 
Marsch nach Brückenau. Am 6. September 
setzte die Sambre- und Maasarmee bei Schlüchtern 
über die Kinzig und postirte sich hinter dieselbe. 
Dieser fluchtähnliche Rückzug ging so rasch, daß 
nur eine von dem verfolgenden Liecbtenstein'schen 
Korps vorgeschobene Reiterabtheilung von Koburg- 
Dragoner zuweilen den Feind erreichte und ihm 
Gefangene abnahm. Umsomehr aber machten 
die Bauern der Rhön den Franzosen zu schaffen 
und um so größere Verluste hatten diese von 
jenen zu erleiden. 
General en chef der französischen Sambre- 
und Maasarmee war, wie bereits gemeldet, 
Jourdan. Ihm beigegeben war General Kleber, 
der auch zeitweilig, während einer Erkrankung 
Jourdans das Kommando führte. General 
Eruouf war Chef des Generalstabs, die einzelnen 
Divisionen kommandirten die Generale Lefebre,
        

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