Volltext: Hessenland (4.1890)

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Viel verrathen — wenn er nicht so charakterfest 
und großartig angelegt wäre und viel vornehmer 
dächte, als man es gewöhnlich hinter einem 
neunzehnjährigen Verkäufer von Puüartikeln 
sucht. 
Er weiß die Geheimnisse (d. h. die Masken 
ballgeheimnisse) der höchsten Damenwelt, denn er 
hat viel Kombinationsgabe und konstruirt sich 
mit Leichtigkeit allerhand zusammen. 
Er weiß z. B., daß die Gräfin S. als Mar- 
guerite auf dem morgen Abend stattfindenden 
Subskriptionsmaskenball im Königlichen Theater 
erscheinen wird — sie kann sich ja nicht aus 
schließen, denn sie ist die Tochter des Theater 
intendanten. Ihr Kammermädchen hat heute 
gelb und weißen Atlas geholt und eine ganze 
Schachtel voll französischer Margueriten. Die 
junge Gräfin mit den großen, dunkeln Augen 
und der geschmeidigen Figur muß „pyramidal" 
aussehen in diesem Anzuge, denkt Louis. 
Herr Louis Wassermann stammt aus einer 
phantasiereichen Familie, die sogar einen miß- 
rathenen Dichter aufzuweisen hat. Er ist eben 
neunzehn Jahre alt und verliebt sich noch auf 
gut Glück — ohne irgend welche Intentionen — 
er gehört zu den Astronomen, welche auf dem 
Rücken liegend nach den Sternen gucken — 
etwas Abstrakteres — Ungefährlicheres giebt es 
nicht. 
Tagüber kann er seiner Gedankenleidenschaft 
wenig fröhnen, denn das geht fortwährend: 
Herr Louis, die rothen Kamellien — bitte etwas 
plötzlich. — Herr Louis — steheu Sie doch nicht 
da — als sei Ihnen die Petersilie verhagelt — 
geben Sie mir lieber von ganz da oben die 
Apricot-Spitze ä Meter 40 Pfennig. — Herr 
Louis — den billigsten Federbesatz, die grünen 
Vogelbälge, die Goldborden, die Käfer — die 
Litzen, die Nadeln, die Maiblumen! Herr 
Louis — wo sind die schwarzen Damen- 
Herrenhüte? 
Den mattblauen — den grellrothen Non- 
pareil — den Atlas merveilleux. Alle neune, 
da liegt die ganze Bescheerung! Können Sie 
nicht noch einige Schachteln herunterwerfen? 
Es giebt nichts Boshafteres, Schlechtgelaun 
teres als Ladenmädchen, die einen jungen Ver 
käufer hin- und herhetzen — Louis wußte oft 
uicht, wo ihm der Kopf stand — aber Nachts 
— ja Nachts! Da neigt sich aus goldgewirktem 
Tüll und Spitzengewändern mit Bouquets 
a 10 Mark verziert, das weiße Antlitz der 
kleinen Gräfin S. über ihn und sie flüstert: 
„Gern gäb' ich Rang und Reichthum hin für 
Dich und Deine Liebe! Was liegt mir an dem 
langweiligen Kürassierlieutenant von Zepgen — 
was an dem dicken Husarenoberst, die meine 
ständigen Begleiter sind? Du bist's, Louis 
Wassermann, Du nur allein." 
Die hoffnungsloseste, unmöglichste Liebe 
scheint Leilten vom Schlage Wassermanns ent 
schieden die herrlichste. 
Es wäre Louis niemals eingefallen sich in 
seines Gleichen zu verlieben. Da kännte man 
ihn schlecht — solcher Prosa wäre er nicht 
fähig. Er hält sich für eine „innerlich adelige 
Natur" — er glaubt an seine „ungewöhnliche 
Zukunft" und will in der „Alltäglichkeit" nicht 
untergehen. 
Wenn er verstohlener Weise im Vorüber 
fliegen einen Blick in die Deckenspiegel des' 
Ladens wirft, möchte er sich eine Kußhand zu 
werfen, so unwiderstehlich kommt er sich in dem 
blauen Shlips vor, so distinguirt erscheint ihm 
die überschlanke Gestalt, an welcher die mager 
und blauroth unter den Gummimanschetten her 
vorbaumelnden Hände nicht festgewachsen scheinen, 
so interessant die papierene Nase im unentwickel 
ten Gesicht. 
Selbstredend wird er morgen nach Geschäfts 
schluß den Maskenball besuchen. Er hat sich 
eine Einlaßkarte ä dreizehn SRorf „erworben", 
welche „überall" hin berechtigt, sogar zu einem 
Zuschauerplatz in der ersten Rangloge, denn 
was Louis Wassermann einmal thut, thut er 
ganz. 
Seit er diese Karte in der Westentasche trägt 
und sein Namen eingeschrieben ist, in die Reihe 
der Ersten und Glänzendsten im Lande, kommt 
eine Art stillen Größenwahns über Louis, und 
dieser Wahn hat die Eigenschaft keinem zu 
schaden, als dem unglücklichen Besitzer, dessen 
Geld er in vielen Füllen schnell an den Mann 
bringt. 
Louis Wassermanns höchster Wunsch in Bezug 
auf den Besitz irdischer Güter ist ein Brillant- 
ring — so wie er am kleinen Finger seines 
Prinzipals blitzt — allein von der Unerreich 
barkeit dieses Kleinods ist er überzeugter, als 
von der Hoffnungslosigkeit seiner Liebe. Als 
er nun am Tage vor dem Maskenball mit dem 
Reitstöckchen fuchtelnd ä la Grand-Seigneur 
durch die Straßen geht, füllt ihm eine Annonce 
in die Augen, welche Talmi-Brillant-Ringe 
ä sechs Mark empfiehlt — Repräsentiren einen 
Werth von 6000 Mark." 
Louis hat sechs Mark bei Seite gelegt, um 
seiner Mutter eine neue Kaputze zu kaufen — 
er läßt den Vorsatz fahren und kauft den Ring. 
— Morgen — auf dem Maskenball wird das 
Kleinod ihm ein bedeutendes Ansehen geben — 
denkt er, und die junge Gräfin wird sich weit 
lieber mit ihm unterhalten. Denn sehen und 
sprechen will er sie um jeden Preis.
        

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