Full text: Hessenland (4.1890)

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wagen und den ihn begleitenden Reitern Seile 
vorhielten, die dann der Bräutigam erst durch 
Spenden des immer reichlich mitgeführten Brannt 
weins beseitigte. 
Fast täglich zog auch ein größerer Trupp 
Handwerksgenossen vorüber, die einem fremd 
gewordenen Gesellen bis zum Siechenhof das 
Geleit gaben, um dort den Abschiedstrunk mit 
ihm zu nehmen, oder eine Handwerkergilde zog 
in feierlichem Aufzuge mit ihren Emblemen bei 
Verlegung ihrer Herberge über den Platz. 
Einen meist recht kläglichen Anblick boten die im 
Sommer sehr häufigen Durchzüge der Auswanderer, 
die neben den mit ihrer Familie und geringen 
Habseligkeiten beladenen Wagen und Karren auf 
ihrem Wege nach Münden einherschritten, um 
von da aus den Weg zu Wasser nach dem ge 
lobten Lande der Freiheit anzutreten. 
An einem Tage in der Woche erschienen auch 
regelmäßig im Sommer und Winter in ihren 
kurzen Kragenmänteln die Partimschüler, an 
anderen Orten Currendschüler und von Luther, 
der selbst ein solcher war, Parthekenhengste genannt 
um unter Leitung eines Lehrers, vor den Häusern 
Choräle und geistliche Lieder zu singen, nach deren 
Beendigung einer von ihnen mit einer Büchse in das 
Haus ging, um für sie milde Gaben einzusammeln. 
Auf Bestellung sangen sie auch bei Beerdigungen 
vor dem Trauerhause Choräle. An musikalischen 
Es ist Faschingszeit. Die Schaufenster stehen 
voll toller, bunter Bilder, überall blitzen dem 
Vorübergehenden goldene Borden, große gläserne 
Brillanten, messingener Flitterbehang, Hermelin 
von Watte und leuchtender grellfarbiger Baum- 
wollatlas in die Augen. Jeder, der 60 bis 100 
Mark oder auch nur 30 übrig hat, kann 
wenigstens einmal im Jahre sein, wozu die 
Laune ihn treibt — ein König — ein Held — 
ein Narr —, natürlich etwas, wozu er im Leben 
nicht die mindeste Anlage hat und von dem er 
am himmelweitesten entfernt ist, denn Prinz 
Karneval stellt Alles auf den Kopf — zumeist 
die Gedanken. 
Herr Louis Wassermann steht hinter dem 
Ladentisch und verkauft mit devotem Lächeln 
und unter verbrauchten Redensarten den hübschen, 
bunten Kram, welcher das Aeußere der Frauen 
annoch von dem der Männer unterscheidet. Er 
Genüssen fehlte es den Marktbewohnern damals 
überhaupt nicht. Tagtäglich erschienen dort die 
beiden Orgelspieler Wettlaufer und sangen mit 
ihren Gattinnen die schönsten neuen Lieder, zu 
weilen auch Arien und Duette aus neuen Opern. 
Auch am späten Abend erschien hier der ältere 
Wettlaufer noch zuweilen, spielte dann aber 
ernstere Weisen, ohne Gesangbegleitung. Um diese 
Zeit stellte auch häufig der Puppenspieler Meth 
sein Schattenspiel vor dem Jhläeschen jetzt Weber- 
schen Hause auf, die vorgeführten Bilder mit 
dem Gesang schöner Verse begleitend, nachdem 
er Tags über die Kinder mit seinem Puppenspiel 
trotz ihres sich stets gleich bleibenden Inhalts 
immer wieder von neuem erfreut hatte. Einen 
eigenartigen musikalischen Genuß boten auch in 
der Neujahrsnacht die Postillone, wenn sie, da 
mals noch in großer Anzahl, vor dem Gasthause 
zum Helm auf ihren Posthörnern ihre Lieder 
„Schöne Laurentia mein, wann werden wir 
wieder beisammen sein" und dergl. zum Besten 
gaben. Sie standen mit den Gastwirthen in 
einem besonderen Verhältniß, da sie bei den 
zahlreichen Extrapostfahrten oft Gelegenheit hatten, 
den Reisenden einen Gasthof auf ein ihnen vom 
Besitzer in Aussicht gestelltes Trinkgeld hin zu 
empfehlen. 
(Schluß folgt.) 
ist Kommis in dem großen, beliebten Putz 
geschäft der Firma „Müller und Schmidt" und 
kann seinen Kunden erzählen, daß soeben „die 
Frau Herzogin von Braganza — oder die 
Fürstin von Wittgenstein" vorgefahren seien. 
Er versichert jeder Dame, daß dasjenige, das zu 
kaufen sie sich nicht gut entschließen kann, sie 
entzückend kleiden werde und daß die Prinzessin 
von So und So gar nichts Anderes möge. Er 
ist ungeheuer dienstfertig und weiß immer, wen 
er vor sich hat, er liest im Gesicht der Leute, 
wie weit ihr Portemonnaie reicht. Er ist ein 
guter Verkäufer etwas verlegener Gegenstände — 
auch wegen seiner Orang-Utang-Arme ist er 
vom ganzen Personal sehr geschätzt , da er die 
entlegensten Kartons damit in greifbare Nähe 
bringt. 
In der Karnevalszeit kommt er sich vor wie 
ein Buch mit sieben Siegeln, denn er könnte 
-»--ö-ch-Z-- 
lephiflopheles und Hrelchm 
Ein Maskenscherz. 
Von m. Herbert.
        

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