Full text: Hessenland (4.1890)

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seinem im Jahre 1837 erfolgten Abbruch. In 
der Kasseler Polizey- und Kommerzienzeitung 
wird es noch am Ende des vorigen Jahrhunderts 
das alte Nathhaus genannt. Der Bau des 
neuen Rathhauses wurde int Jahre 1408 be 
gonnen , nachdem bereits seit 1404 ein Theil 
desselben, die sgn. Stadtwage erbaut war. Es 
war dies ein nach dem Markt zu gelegener sehr 
hoher gewölbter Raum, zu dem eine große breite 
Treppe führte. „Wage" wurde der sehr ausge 
dehnte Raum genannt, weil hier in früheren 
Jahrhunderten bis zur Errichtung des Packhofs 
die ein- und ausgeführten Waaren behufs Be 
steuerung gewogen wurden. Er wurde alsdann 
an einen Spezereihändler vermiethet, der hier 
einen Laden errichtete. 
Für uns Jungen war er ein sehr beliebter 
Ort, da er mit den vielen hier aufgestellten 
Fässern und Kisten einen vortrefflichen Platz zum 
Versteckenspielen abgab. 
Unter der Wage befand sich der unterste 
Stadtkeller, so genannt im Gegensatz zu dem 
auf dem St. Martinsplatz im Tuchhause befind 
lichen obersten Stadtkeller. Zu ihm stieg man 
vom Markte aus auf einer breiten Treppe hinab. 
Während hier in den ersten Jahrhunderten nach 
der Erbauung des Rathhauses die Bürger ihre 
großen Feste feierten, so ein im Jahre 1426. am 
16. Juli ihnen vom Landgrafen Ludwig I. ge 
gebenes Fest, diente der ansehnliche Raum in der 
letzten Zeit zu einer Bier- und Schnapskneipe 
geringster Art. An die Zeit Ludwig I. erinnerte 
dort noch an einem Pfeiler die Inschrift mit 
vergoldeten Buchstaben auf einer eisernen Platte, 
wonach dieser Landgraf den Bürgern hier im 
Jahre 1443 zur Feier des Fangs von 398 Lächsen 
in der Fulda ein Festmahl gegeben hatte. 
In dem sehr großen, mit den Bildern der 
hessischen Landgrafen, von Philipp dem Groß 
müthigen an, geschmückten Saal, hielt der 
Magistrat seine Sitzungen und fanden hier alle 
das Interesse der Bürger betreffenden Verhand 
lungen statt. Auf der großen, nach der Wage 
führenden Treppe wurden in früherer Zeit die 
Gesetze verkündet. 
Noch bis zum Abbruch des Hauses, so nament 
lich im Jahre 1830, war der Marktplatz der 
Sammelplatz der Bürgerschaft bei allen sie be 
rührenden ernsten - und freudigen Ereignissen. 
Bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts wurde 
hier auch der sogn. Rahmen aufgeschlagen. Da 
rüber schreibt Krieger in seiner im Jahre 1803 
erschienenen Beschreibung Kassels: „Hier wird 
auch der sogn. Rahmen aufgeschlagen und inner 
halb desselben peinliches Gericht von Richter, 
Beisitzern und Schöppen nach altem Gebrauch 
gehalten. Nachdem geschieht die Vollziehung 
des Urtheils entweder auf dem Marktplatz selbst 
oder bei dem außerhalb der Stadt vor dem 
Leipziger Thore liegenden Hochgericht." An die 
alte Zeit erinnerte auch das am Rathhause an 
der Ecke der Fischgasse an einer Kette hängende 
für die zum Pranger Verurtheilten bestimmt 
gewesene Halseisen, das wir Jungen uns zum 
Scherz noch zuweilen um den Hals legten. 
Wie überall, so war von jeher auch' in Kassel 
der Markt der Hauptmittelpunkt des Handels 
und Verkehrs und war es auch noch in der hier 
in Rede stehenden Zeit der Hauptsitz der Groß 
händler, Spediteure, und größeren Kaufmanns 
geschäfte. An keinem anderen Platze der Stadt 
war der Straßenverkehr auch nur annähernd ein 
so reger und lebhafter, wie hier, denn er war 
der Durchgangspunkt aller von und nach den 
verschiedenen Seiten in der Stadt ein- und aus 
gehenden Waaren, wovon die große Menge der 
täglich den Platz passirenden Frachtwagen Kunde 
gab. Dasselbe war auch der Fall mit den für 
die Stadt bestimmten Waaren, da diese sämmt 
lich auf dem am Ende der Schlagd gelegenen 
Packhof gebracht werden mußten, um hier gewogen 
und versteuert zu werden. Die Menge der zu 
diesem Zwecke da lagernden Waaren war eine 
so bedeutende, daß zu ihrer Bewachung von der 
Garnison eine ständige Wache auf dem Packhofe 
gestellt wurde. Das Hin- und Herbringen der 
verschiedenartigsten Gegenstände geschah auf eine 
zur Wohlthat der dabei benutzten Pferde jetzt 
längst außer Gebrauch gekommenen Art und 
Weise. Die Waaren wurden nämlich wegen der 
Bequemlichkeit des Aufladens aus eine sogn. 
Schleife, zwei lange durch Stricke verbundene, 
unten glatte, etwa handhohe Holzstücke, gebracht 
und diese von Pferden gezogen. Bei trockenem 
Wetter hatte das seine große Schwierigkeit und 
ging deshalb immer ein Mann nebenher, der 
den zu nehmenden Weg erst mit Wasser begoß. 
Da die bedeutenderen Geschäfte sich auf dem 
Markte und dessen nächster Nähe befanden, so 
hatten auf dem Platze auch immer eine größere, 
Anzahl Tagelöhner ihren ständigen Aufenthalts 
die sogn. Sonnenbrüder, auch wohl Schlagdlümme^ 
genannt. Mit den zu ihren in der Nähe stehen 
den Schiebekarren gehörigen Bandelieren unter 
dem Arm standen sie immer bereit, ihnen von 
den Gewerbtreibenden zu ertheilende Aufträge in 
Empfang zu nehmen. Da ihnen hinlängliche 
Muße dazu geboten war, so waren sie, wie nicht 
minder die auf der westlichen Seite des Platzes 
ihren ständigen Sitz habenden Hökerweiber, die 
schärfsten Beobachter und Kritiker von allem, 
was da vorging. Einen Hauptspaß gab es 
immer für die Sonnenbrüder, wenn ein bäuer 
licher Brautzug vorüberkam, da sie dem Braut
        

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