Volltext: Hessenland (4.1890)

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jeden harmlosen Genuß gebracht werden. Und 
was von den plastischen Werken der alten und 
neuen Meister gilt, das gilt auch von den 
poetischen Schöpfungen, von dem kleinsten Gedichte, 
wenn es überhaupt irgendwelchen Anspruch auf 
Kunstwerth erheben darf. 
Wie ich schon oben sagte, sind Weintrauts 
lyrische Poesien meines Erachtens nach sämmtlich 
Gelegenheitsgedichte im höheren Sinne gewesen. 
Aber auch als wirklicher Gelegenheitsdichter 
leistete er höchst Bemerkenswerthes. So lange 
er in den kräftigen Mannesjahren und auf der 
Höhe seiner dichterischen Leistungen stand, ist 
wohl in Marburg und im Hessenlande kein freud- 
oder leidvolles Ereigniß vorübergegangen, ohne 
daß die Saiten seiner Leier einen poetischen Nach 
hall dafür gefunden hätten. Und es ist geradezu 
erstaunlich, wie er immer wieder neue Bilder 
und Gedanken findet, um in dem Vorübergehenden 
den dauernden Kern zu entdecken und die That 
sachen poetisch zu verklären. In Weintraut 
lebte ein mächtiger Gestaltungstrieb, der Kraft 
genug besaß, jede Anregung von außen sofort 
schöpferisch umzubilden und mit glücklichem Ge 
schick poetisch zu fassen. Wenn Goethe irgendwo 
den ächten Dichter mit dem guten Boden ver 
gleicht, der Regen und Sonne aufsaugt, so viel 
er kann, aber dafür auch im Stande ist, stets 
neue Gräser und Blumen hervorzubringen, so 
trifft dieser Ausspruch bei Dietrich Weintraut 
gewiß in jeder Weise zu. 
Die besten Gelegenheitsgedichte des Marburger 
Volksdichters sind wohl diejenigen, die er zu dem 
Marburger Sängerfeste am 19. 20. und 21. 
Juli 1845 geschrieben hat. Sie wurden später 
von Weintraut in einem „Gedenkbüchlein" ver 
einigt, welches er den Gesangvereinen von Kassel, 
Friedberg und Herborn widmete. 
Die hohe veredelnde Bedeutung des Gesanges 
für Geist und Herz, die einigende Macht der 
Töne in dem zerrissenen deutschen Vaterlande hat 
Weintraut in diesen Liedern mit Wärme und 
zündender Begeisterung besungen. Welchen Ein 
druck dieselben hervorgebracht haben müssen, das 
habe ich Jahrzehnte später noch oft an meinem 
verstorbenen Vater gemerkt.. Als junger Mann 
gehörte dieser 1845 zum Comits des Sänger 
festes und hatte als Mitglied des „Liedervereins" 
jenes tiefpoetische Lied mitgesungen, das Wein 
traut für eine Wanderung der Sänger nach 
Spiegelslust gedichtet und das ein Herr Bang 
komponirt hatte. Wie das Marburger Sänger 
fest überhaupt zu den glanzvollsten Erinnerungen 
gehört, die in jener Zeit junge Männer und 
Frauen in ihr späteres Leben mit hinüber nahmen, 
so dachten auch meine Eltern, die damals Braut 
leute wurden, stets nur mit großer Freude an 
diese schönen Tage zurück. Immer kam bei solchen 
Gelegenheiten auch auf Weintraut die Rede, 
dessen Gedichte Vater und Mutter fast auswendig 
wußten. 
Es waren auch komische Episteln unter den 
zum Sängerfeste verfaßten Liedern, wie z. B. 
„Der Empfang", in denen der Dichter einige 
Begebenheiten theils mit feiner. Satire, theils 
in humorvoller Weise behandelt hat. In das 
Verständniß dieser poetischen Leistungen wurde 
ich dann durch die Mittheilungen der Eltern 
immer bereitwilligst eingeführt. — 
Mein Vater besaß das „Gedenkbüchlein" an 
das Marburger Sängerfest, weshalb ich schon 
als kleines Mädchen Gelegenheit hatte, dasselbe 
zu lesen. Ein Gedicht machte vor allen einen so 
tiefen Eindruck auf mich, daß ich es sofort aus 
wendig lernte. Da ich dieses Lied heute zu den 
jenigen Leistungen Weintrauts zähle, in denen 
sich seine individuelle Art, die Ereignisse aufzu 
fassen und poetisch zu verherrlichen, treulich 
wiederspiegelt, so will ich dasselbe hier folgen 
lassen: 
In der Lindenallee. 
Als Knabe stand ich hier an diesen Linden, 
Es zogen nordwärts schwere Kriegeswettern. 
Ich hörte Donner,-sah die Blitze zünden, 
Hört' Trommeln wirbeln und Trompeten schmettern. 
Sah Frankreichs Adler hier vorüberziehen, 
In seinen Krallen blnt'ge Lorbeerreiser, 
Ich hörte hohe Siegesmelodien 
Und Götterhymncn auf den großen Kaiser. — 
In Schnecgefilden schlafen die Kohorten, 
Der Zeitstrom schlug darüber manche Welle. 
Der Knabe ist schon längst ein Mann geworden 
Und steht nun wieder auf der alten Stelle. 
Die alten Linden grünen noch wie immer, 
Ein milder Zephyr säuselt in den Blättern. 
Sch' wieder Fahnen durch die Bäume schimmern, 
Hör' Trommeln wirbeln und Trompeten schmettern. 
Und näher rückt der Zug mit Roß und Wagen, 
Die Linden beugen grüßend ihre Kronen; 
Die Friedensfahne wird vorangetra'gen, 
Das sind sie nicht, die alten Legionen! 
Sind nicht die alten todcsmuth'gen Streiter, 
Die Heldenschaaren kehren nicht mehr wieder; 
Doch eine Garde ist es froh und heiter 
Und ihre Waffen sind die deutschen Lieder. — 
Erobernd ziehen sie durch manche Städte 
Im festen Bund mit Liebe, Lied und Leben, 
Sie schießen Bresche oft, nur im Quartette, 
Und manche Beste muß sich übergeben.
        

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