Full text: Hessenland (4.1890)

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eine seiner Beobachtungen „er habe während 
der ganzen Uebungszeit keinen betrunkenen 
Soldaten gesehen" entlockt ihm den Seufzer, 
„welches man bei den guten Hessen, selbst bei 
eifrigstem Entgegenwirken nur zu oft sieht". 
Hier dürfen wir indessen zur Ehrenrettung der 
Hessen uns erinnern, daß Bardeleben in Berlin 
wohl nur oder doch vorzugsweise Gardetruppen, 
ausgesuchte Mannschaft, sah, welche unter den 
Augen ihres Kriegsherrn unausgesetzt erzogen 
wurden und ihre Uebungen abhielten. Für die 
damaligen Anschauungen in Preußens höchsten 
Kreisen ist eine Mittheilung Bardelebens an 
seinen Gebieter vom 4. August bezeichnend; 
danach stünde eine königliche Verordnung über 
allgemeine Bewaffnung der Nation baldig bevor. 
Wie der Abgesandte hinzufügt, wären viele 
Stimmen gegen diese Einrichtung, da sie leicht 
Gewaltthaten und Unruhen im Gefolge haben 
könne. Der König mußte der Sache geneigt 
sein, also zu seinem Volke Vertrauen hegen, da 
die Verhandlungen so weit vorgeschritten waren; 
die Verordnung, von welcher Bardeleben nur 
durch Zufall höchst vertraulich Kenntniß erlangt 
hatte, erschien nicht. 
In dieser Zeit anstrengender Thätigkeit, unaus 
gesetzter geistiger Anspannung stellte sich bei 
unserem Freunde eine merkwürdige Erscheinung 
ein; er wurde von Todesahnungen erfaßt. Nach 
Aufzeichnungen, welche für die Seinigen bestimmt 
waren, hatten ihn finstere Vorstellungen über 
kommen, weil er der Fremdherrschaft gedient 
hatte; „wie war es möglich, wirft Bardeleben 
sich selbst vor, die Schlacht bei Leipzig in 
französischen Reihen zu fechten! Gott, du allein 
hast meinen schrecklichen inneren Kampf gesehen 
zwischen Vaterlandsliebe und einem den Fremden 
geschworenen Eide!" Wer, für den der Eid noch 
Heiligkeit besitzt, wird nicht mit Theilnahme 
der inneren Kämpfe eines edeln Menschen 
gedenken, und wir dürfen annehmen, daß in 
jener Zeit viele deutsche Männer in ähnlicher 
Lago sich befunden haben. Vielleicht findet sich 
die' Erklärung dafür, daß gerade damals 
Bardelebens Gemüth so verdüstert wurde, in 
den ihn umgebenden Verhältnissen. Kräftig 
pulsirte das Leben in der Armee, welche eine 
neue Zeit, die hergestellte Wehrhaftigkeit der 
Nation, verkörperte, trotz ihrer Großthaten 
aber nicht unter ihrem Ruhme ausruhte, sondern 
„rastlos strebte, wie keine andere Armee". Die 
bürgerlichen Kreise der Hauptstadt standen dem 
Heere in dem Hochgefühle der Liebe zu ihrem 
Vaterlande nicht nach — Alle waren noch erfüllt 
von dem Gedanken, welch' tiefe Demüthigung, 
welch' schreckliche Prüfungen ihr Staat zu er 
tragen gehabt hatte. Da mag wohl in dem 
ehemals westphälischen Offizier der Vorwurf sich 
geregt haben „Du standest auf feindlicher Seite!" 
Von selbstquälerischen Betrachtungen zu Todes 
ahnungen ist es aber bei Menschen von unseres 
Bardelebens Gemüthsart nur ein Schritt, auch 
drückte ein Krankheitszustand ihn nieder, mit 
welchem er am 29. August seine, wie er meinte, 
nicht genügende Thätigkeit gegen den Kurprinzen 
entschuldigte, nachdem körperlich und geistig die 
Genesung eingetreten war. Von wahrer schlichter 
Frömmigkeit beseelt, fühlte er sich in Gottes 
Schutz; dessen gedachte er in dieser Zeit, wie er 
ihn im russischen Feldzuge, in den Schlachten 
von 1813, dann so ersichtlich an jenem 25. Juli 
1814 bei Merle behütet hatte, als er gegen 
seine Gewohnheit seine Brieftasche in die Brust 
der Uniform steckte — und das Granatstück 
gerade auf diese Stelle schlug. Unter den 
Persönlichkeiten, zu welchen Bardeleben in 
Beziehung kam, war es der Schriftsteller Franz 
Horn, dessen Wesen und Charakter ihn vor 
Allen anzogen; eine bis zu Horns Tode währende 
Freundschaft verband beide Männer hinfort. 
Auch mit dem Dichter Friedrich Baron de la 
Motte Fouquo war er in freundliche Beziehung 
getreten. Die Berührung mit vielen aus 
gezeichneten Offizieren, Beamten und sonst 
hervorragenden Männern, die frische, noch aus 
der großen Zeit der Befreiungskriege durch das 
geistige Leben wehende Luft, regten den in enge 
heimathliche Verhältnisse Verstrickten an; neben 
dem eingehenden Studium der Armee beschäftigte 
er sich mit noch manch' anderen Dingen, an 
welchen sein Geist Antheil nahm. 
Nach fast sechsmonatlichem Aufenthalte in 
der Hauptstadt Preußens verließ Bardeleben 
dieselbe am 6. November, bereichert durch eine 
Fülle von Erfahrungen und Kenntnissen, gereift 
an Einsicht in militärischen, wie in sonstigen 
Dingen; er hegte die Ueberzeugung, die er auch 
aussprach, „Kurhessen müsse in eigenem, wie im 
deutschen Interesse sich fest an Preußen schließen 
— ja, sich anklammern". 
Frau Conradine lebte seit 1817 mit den 
Kindern bei ihrer Mutter in Soest, wieder 
einnial nach langer Trennung sah sie den 
Gatten zu sich zurückkehren. Während der 
6 Kriege, in die sie ihn hatte hinausziehen lassen 
müssen, hatte er das Gefühl der fast ununter 
brochenen Gefahr Leibes und Lebens gar nicht, 
wie er denn der bekümmerten Frau aus dem 
Feldzuge in Schlesien 1813 schrieb „Unkraut 
vergeht nicht", und nun in der friedlichen 
Sendung hatten den kräftigen 40 jährigen Mann 
Todesahnungen überkommen, seltsame Erscheinung 
der Menschennatur! 
Aber das war überwunden, im trauten
        

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