Full text: Hessenland (4.1890)

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welche durch Dienstkenntniß und Thätigkeit das 
Mangelnde der wissenschaftlichen Ausbildung zu 
ersetzen sich bemühen, überhaupt hat der regsame 
Praktiker, wenn er im Sinne der Gesetze arbeitet, 
keine Zurücksetzung zu fürchten und wird sogar 
stets dem bloßen Theoretiker vorgezogen ... 
Der Offizier soll denkend seinen Beruf in dem 
großen Uhrwerk der neuen Kriegsverfassung er 
füllen, die ein ganzes Volk zu Kriegern aus 
bilden will . . . Leider ist noch hier wie über 
all dem stehenden Heere die Landwehr ein Gegen 
stand, über den es sich weit erhaben fühlt." Dies 
leitet ihn dahin, vorzuschlagen, man könne das 
stehende Heer „Landwehr 1. Klasse" benennen, 
wobei Alles sonst wie seither belassen würde; 
„denn oft wirkt der leere Name mehr, als die 
Sache selbst . . ." Die sämmtlichen Gesetze und 
Vorschriften, auf welchen die preußische Kriegs 
verfassung beruhte, fügte Bardeleben seinen Be 
richten bei; die Kriegsartikel findet er noch nicht 
zu der wünschenswerthen Vollkommenheit ge 
diehen, er sagt „Gesetze, welche Strafen, wie Ver 
brennen, Rädern von unten oder von oben be 
stimmen, die nicht mehr stattfinden, verfehlen 
ihren Zweck*)..." „Vorzüglich zeitgemäß glänzt 
der Grundsatz, diejenigen Gemeinen eine 
Zeitlang von dem Korps zu entfernen und eine 
eigene Strafsektion bilden zu lassen, bei welchen 
gewöhnliche Strafen nichts fruchten, sowie, daß 
Jedem der Rücktritt ins Korps versagt bleibt, 
der ein grobes Verbrechen begangen hat . . ." 
Auf das schärfste spricht Bardeleben sich gegen 
Stockschläge aus, welche den Krieger entehrten 
— in Kurhessen herrschte noch der Stock. Bei 
der Kriegsschule bemerkt Bardeleben, „man 
wendet durchaus keine Mittel an, die Offiziere 
zum pünktlichen Besuche der Lehrstunden anzu 
halten, sondern will es aus einem sehr richtigen 
Gesichtspunkte ganz ihrem eigenen Ermessen 
überlassen, indem das Höhere einer Wissenschaft 
sich nicht erzwingen läßt, sondern aus eigenem 
Trieb und innerer Lust betrieben werden muß, 
wenn goldene Früchte der Lohn sein sollen..." 
*) Bei Hervorhebung des Satzes, daß die für bestimmte 
Vergehen angedrohten Strafen auch vollzogen werden 
müßten, erwähnt Bardeleben Folgendes: In dem Feldzuge 
der Kurhessen von 1815 gab Generallieutenant Engelhard 
den Befehl, daß Alle, welche während des Feldzuges 
desertirten, unausbleiblich erschossen werden sollten. Dieser 
Befehl mußte allen Soldaten bekannt gemacht, dann von 
einem Jeden unterschrieben werden, damit Entschuldigung 
der Unwissenheit nicht vorkommen könne. Einige Tage 
nachher desertirten mehrere Soldaten, sie wurden ertappt 
und ihre Strafe war sehr gelind, später desertirte noch 
Mancher. Die nicht unbedeutende Desertion im Zahre 1814 
entstand nur aus zu großer Nachsicht . . . Zch erlebte in 
meinem Bataillon den Fall, daß ein Füsilier Stichdienoth 
in 3 Zähren fünfmal desertirte, worunter zweimal vor dem 
Feinde während des Gefechtes ... . 
Warme bewundernde Anerkennung des Geistes 
der preußischen Armee trübte doch nicht den Blick 
für Mängel und das so wenig Jahre nach den 
gewaltigen Kriegen um das Bestehen des Staates 
schon wieder wuchernde Paradewesen. So tadelt 
Bardeleben den Anzug des Soldaten; auf dem 
Wirbel balancire er den zu engen Tschako , der 
nicht einmal den Kopf gegen Regen schütze, die 
engen, anschließenden Beinkleider mit den 
Gamaschen in einem Stück seien ebenso un 
bequem, als die im Sommer zu tragenden weißen 
für den Soldaten kostspielig, da bei der Be 
schmutzung der Gamaschen gleich das ganze Bein- 
kleid gewaschen werden müsse u. A. Als be 
sonderer Uebelstand wird die Vergeudung der 
Zeit und der Kraft hervorgehoben, welche bei 
Paraden und anderen großen Uebungen statt 
findet; zu einer vom Könige für 9 Uhr Vor 
mittags befohlenen Parade fand Bardeleben die 
Linien bereits um */ 4 7 Uhr aufgestellt, die 
Truppen waren um 5 Uhr ausgerückt! 
Den Uebungen der Truppen wohnte er vielfach 
bei und die Herbstmanöver gaben ihm Gelegen 
heit zu eingehender Beobachtung des Auftretens 
der verschiedenen Waffengattungen. Ueber die 
Infanterie hören wir „Alles was in Kolonne 
oder geschlossener Linie ausgeführt wurde, war 
vollkommen gut, allein das Tirailliren war 
unsicher und steif, bei keinem der Manöver 
war hierin einige Umsicht und Gewandtheit zu 
bemerken — freilich stehen darin sämmtliche 
teutsche Armeen noch weit hinter den Franzosen 
zurück". Ueber die Reiterei heißt es „ihre Auf 
stellung entspricht nicht immer den neueren 
Grundsätzen der Kriegskunst, wonach zwar eine 
Kavaleriemasse an schicklichen Punkten oder als 
Reserve aufgestellt sein soll, aber nie die Infanterie 
in der Ebene sich ganz ohne Reiterei befinden 
darf. Bei einem Manöver bestrafte der Feind 
diesen Fehler . . .". Von der dritten Haupt 
waffe sagt Bardeleben. „Die Artillerie benutzte 
das Terrain besonders gut und geschickt, nur 
wurde auf das genaue Richten der Geschütze 
trotz aller Vorschrift selten die nöthige Auf 
merksamkeit verwendet, wodurch zu leicht Knallen 
statt Treffen entsteht, wie bei den Tirailleuren . .". 
Ungeachtet der hier herausgehobenen und anderer 
von unserem Berichterstatter bemerkten Fehler 
spricht er aus „diese Manöver sind vom größten 
Nutzen, um so mehr da die Fehler in 
der Stille gerügt werden*) . . . ." und 
*> Anders ist dies in der heutigen Zeit; nach dem 
Grundsätze „Ich bin groß und Du bist klein" hält der 
Vorgesetzte die „Kritik", oft in schonungsloser Weise, in 
Gegenwart der Untergebenen des Kritisirten. Allerdings 
wirkt das heutige Verfahren günstiger auf die angestrebte 
Verjüngung der Armee ein, als jene alte Art und Weise.
        

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