Full text: Hessenland (4.1890)

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lbrechl KhrLstLan Kuöwig von Maröeleben. 
Kurfürstlich Hessischer Generallieutenant. 
1777—1856. 
Ein Erinnerungsblslk von E- v- Sksmsorö. 
(Fortsetzung.) 
VIII. Außer Dienst und doch im Dienste. 
1818-1821. 
In einem früheren Abschnitte ist der Antheil 
berührt worden, welchen der Kurprinz an der 
Wiedererrichtung des Heeres genommen hatte; 
sein Einfluß reichte nicht hin, um manches nicht 
mehr Zeitgemäße zu beseitigen und dafür das 
in den vielen Kriegen dieser Periode bewährte 
Neue einzuführen. Der hessische Krieger mußte, 
gewissermaßen als Symbol des Abgelebten, auf 
seiner Kehrseite den Zopf tragen, welchen man 
in Europa nirgends mehr finden mochte. Barde 
leben äußert in einem Briefe „ich habe den 
hessischen Dienst, der in seinem gegenwärtigen 
schlaftrunkenen Zustande für einen Soldaten 
nichts Anziehendes hatte, verlassen. . . Der 
Thronerbe erkannte die Fehler, welche zumeist 
Folge des Mangels eines durchdachten und wohl- 
durchgeführten Systemes waren, er bereitete den 
Umschwung vor, welcher mit Antritt seiner Re 
gierung erfolgen sollte; als Gehilfen hierbei hatte 
er Bardeleben gewählt, obwohl dieser bescheiden 
einwendete, er besitze nicht die erforderliche Schürfe 
des Geistes. 
Eine Instruktion vom 1. Mai 1818 schrieb 
ihm in 23 Punkten das eingehende Studium 
der Armee Preußens in ihren inneren und 
äußeren Einrichtungen vor, zu welchem Zwecke 
er sich zunächst nach Berlin zu begeben hatte und 
mit Beglaubigungsschreiben bei dem Kriegsminister 
General von Boyen, einem Gehilfen Scharnhorst's, 
versehen wurde. Dieser sagte dem hessischen 
Offizier bereitwillig jede Auskunft zu und beauf 
tragte den Major von Eichler vom Kriegs 
ministerium, wöchentlich einige Stunden mit 
Bardeleben zu arbeiten; der Minister äußerte, 
wie erfreulich es Sr. Majestät und dem preußischen 
Staate sein müsse, wenn die benachbarten, von 
jeher befreundeten Staaten nach gleichen Grund 
sätzen zu handeln geneigt wären. 
Das große Entgegenkommen General von 
Boyen's wird noch durch den Umstand in ein 
helleres Licht gesetzt, daß der nicht eigentlich 
offiziell beglaubigte, außer Dienst befindliche 
Offizier (v. Bardeleben unterzeichnete in seinen 
Schriftstücken „ . . . vormals Major in kur 
hessischen Diensten") in bürgerlicher Kleidung 
überall zugelassen wurde. DerKurprinz gab ihm in 
der Ansicht, daß es vortheilhafter für sein Auf 
treten sein würde, anheim, bei dem Kurfürsten 
um die Erlaubniß zum Tragen der Uniform 
nachzusuchen. Bardeleben erkannte an, daß im 
Allgemeinen die Uniform seine Dienstgeschäfte 
begünstigen würde; dann bemerkte er aber, daß 
die Einfachheit der hessischen Uniform, welche 
keine Abzeichen für den Offizier habe, ihm nicht 
förderlich sein werde „man wird mich allenfalls 
für einen Militärwundarzt oder Kriegskommissar 
halten", setzte er hinzu. Wir dürfen vielleicht 
auch vermuthen, was er nicht sagt, nämlich, daß 
er Scheu trug, in Berlin mit einem Zopfe sich 
zu zeigen. 
Nach einem Aufenthalte von nur wenigen 
Wochen in Berlin sprach Bardeleben doch als 
Ergebniß seiner „für das Einzelne noch zu kurzen 
Beobachtung" aus, daß „ein schöner, ein herr 
licher, vielversprechender hoher Eifer in der 
Preußischen Armee herrsche, der durch ununter 
brochene Aufmerksamkeit auf Alles, selbst das 
gering Scheinende, was auf den Dienst, Thätig 
keit, Ordnung, Bildung und Geist Beziehung 
hat, von Sr. Majestät dem Könige, dem Kriegs 
minister und den Generalen in steter Lebendigkeit 
erhalten werde ... Nebst Eifer wird Sittlich 
keit als unnachlässige Eigenschaft eines Offiziers 
betrachtet .. . . Man ist auf alle nur mögliche 
Weise bedacht, die wissenschaftliche Ausbildung 
der Offiziere, besonders durch die Kriegsschule 
(heute die Kriegs-Akademie) zu • einem hohen 
Grad der Vollkommenheit zu bringen. Doch 
wird keineswegs der Werth Derjenigen verkannt,
	        

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