Full text: Hessenland (4.1890)

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Geliebten zu, und mitten in der Trauer und unter 
dem Schrecken des Todes schlug den Liebenden eine 
selige Stunde. 
Wegen der bei Vielen über verunglückte Verwandte 
herrschenden Trauer und wegen des Todes seiner 
Schwester schob der Vater noch eine geraume Zeit 
die Hochzeit auf. Um so größere Freude empfanden 
die Verlobten, als endlich ihre eheliche Verbindung 
durch den Segen der Kirche geschlossen wurde. Sie 
waren wohl das glücklichste Paar unter den Gliedern 
der französischen Compagnie. Dreiunddreißig Jahre 
lebten sie in inniger Liebe mit einander verbunden, 
und ihre Ehe ward mit 12 wohlgeratenen Kindern 
gesegnet. Auch ihre Nachkommen erfreuten sich eines 
reichen Kindersegens, und erst gegen die Mitte dieses 
Jahrhunderts erlosch der Name Landrs in Kassel. 
Aber von weiblicher Seite leben noch manche Glieder 
jener Familie. Auch der am 7. September 1867 
verstorbene Geheime Regierungsrath Gideon 
Schröder, ein Mann, dessen Name gewiß noch 
bei Vielen in gesegnetem Andenken steht, gehörte zu 
denselben. A. W. 
Zom Zilljes, gale Erbes. Die Geschichte 
„Brod'rLolls" (Nr. 18 des „Hessenlandes" v. v. I.) 
hat mir eine andere ähnliche in die Erinnerung ge 
bracht, welche ebenfalls vor vielen anderen den Vor 
zug hat, daß sie nicht etwa erfunden, sondern buch 
stäblich wahr ist. In den 1850er Jahren reisten 
zwei geborene Fuldaer mit ihren Gattinnen, der vor 
mehreren Jahren verstorbene Landgerichtsrath Joseph 
Gößmann und der gleichfalls schon länger gestorbene 
Obergerichtsrath Adam Joseph Schmitt von Fulda 
nach Paris, um sich dort ein bischen umzublicken 
und wenn möglich, auch Napoleon III., den Kaiser 
der Franzosen, welcher damals im europäischen Konzerte 
die erste Violine spielte und später so kläglich endete, 
anzusehen. Gößmann wußte, daß vor einigen zwanzig 
Jahren ein Fuldaer Kind, seines Zeichens ein Hand 
werker und zwar der ehrsamen Zunft der Schuh 
macher angehörig, von da ausgewandert war und jetzt 
in Paris in der Kirche Notre-Dame eine Stelle als 
Kirchendiener bekleide. Gößmann und Schmitt mit 
ihren Damen besuchten auch Notre-Dame und richtig, 
als sie da umhergingen und sich umschauten, erblickten 
sie auf einmal einen Herrn in kirchlicher Kleidung, 
der nach ihrer Meinung ihr Landsmann sein mußte; 
sie näherten sich ihm deshalb, gaben sich als Deutsche 
zu erkennen und bemerkten, sie hätten gehört, daß 
auch er ein geborener Deutscher sei und baten um 
seine Führung. Beide hatten sich nicht getäuscht und 
groß war die . Freude des Parisers, seine Landsleute 
in der Kirche herumzuführen und sich mit ihnen in 
der geliebten Muttersprache unterhalten zu können. 
Mit einem Mal blieb Gößman vor dem Landsmann 
in der Fremde stehen, blickte ihm scharf in die Augen 
nnd sprach die Worte: „Zom Zilljes, gale Erbes“ 
,Mit Hutzelbröh *) geschmälzt" ertönte es 
da aus dem Munde des durch die heimathlichen Worte 
und Klänge wie elektrisirten geborenen Fuldaers. Und 
nunmehr war die Freude der Fünf erst recht groß, 
lange noch haben sie von der Heimath gesprochen und 
der Pariser wurde nicht müde, sich nach Fuldaer Personen 
undVerhältnissen zu erkundigen. Landgerichtsrath Göß 
mann, der mir einige Zeit nach seiner Rückkehr von 
Paris dieses Erlebniß erzählte, hat mir zugleich ver 
sichert, daß dasselbe mit zu den angenehmsten seiner 
Reise gehöre. 
Schmalkalden. A. It. 
„Lirum, larum Löffelstiels In den 
70er Jahren gingen in Marburg die Wogen der 
politischen Partei-Leidenschaft außerordentlich hoch. 
Konservative und Liberale bekämpften sich auf das 
heftigste. Sie standen sich wie zwei Phalangen feind 
lich gegenüber und platzten aufeinander los, sobald 
sich nur eine Gelegenheit dazu fand. Daß dabei 
häufig über die Schnur gehauen wurde, daß man 
gegen die achtungsvolle Rücksicht, die schon aus 
Gründen des Anstandes die Parteien sich einander 
schulden, nur zu oft verstieß, das ist leider eine 
Thatsache, die sich nicht wegleugnen läßt. Wir 
wollen hier nur an die Stiefelwichser-Broschüre er 
innern, die ihrem Verfasser, dem Landrath Meyer, 
eine Strafversetzung an die russische Grenze, nach 
Ostrowo, wenn wir nicht irren, eintrug. Weitaus 
die Mehrzahl der Marburger Professoren gehörte 
der liberalen Partei an, in welcher sie die tonangebende 
Rolle spielten. Zu diesen zählte nun Professor 
Konrad Büchel nicht, er galt vielmehr für einen 
Gegner des Liberalismus. Daß er besondere Sym- 
pathieen für die Konservativen gehegt habe, glauben 
wir nicht, er war einmal kein ttoUtizov £(dov, und 
die Zeit, in welcher er für das Haus „Habsburg“ 
geschwärmt hatte, lag längst hinter ihm. Möglich 
auch, daß er über den beiden Parteien stand, und 
daß ihm bei seiner friedfertigen Natur der ganze 
Streit und Lärm da unten in der bösen Welt höchst 
widerwärtig war. Dadurch hatte er es aber mit 
beiden Parteien verdorben. Auffallen mußte es schon, 
daß bei der seinem am 14. März 1675 erfolgten 
Tode vorausgehenden langwierigen schweren Krank 
heit, sich unter seinen Kollegen nur eine auffallend 
geringe Theilnahme zeigte. Was soll man aber 
dazu sagen, daß seine Beerdigung, so zu sagen, ohne 
Sang und Klang erfolgte? Die Leichenbegleitung 
*) Der Anfang eines alten Gedichtes in Fuldaer 
Mundart, dessen Ursprung nicht bekannt ist. Er würde in 
der Uebersetzung lauten: „Zur Sülze gelbe Erbsen, mit 
Hutzelbrühe geschmälzt". Den Fuldaern diente das Her 
sagen dieses Verses in der Fremde als Erkennungszeichen.
	        

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