Volltext: Hessenland (4.1890)

140 
Aus alter und neuer Zeit. 
Skizze« aus der hessischen Kriegsgeschichte. 
Von Freiherrn Maximilian von Ditfurth, 
weiland kurfürstlich hessischer Hauptmann. 
IV. 
Ueberfall der hessischen Besatzung der 
Bergfeste Spangenberg 1758 durch die 
Franzosen. 
Der General-Lieutenant von Crillon, welcher Ende 
November 1758 von der bei Kassel lagernden 
französischen Hauptarmee mit einem starken Korps 
beordert worden war längs der beiden Fulda-Ufer 
bis Hersfeld hin Fouragirungen vorzunehmen und 
Kriegssteuern beizutreiben, erachtete zur Sicherstellung 
dieser Unternehmungen vor Allem den Besitz der 
Bergfeste Spangenberg für erforderlich. 
Die daselbst vorhandene hessische Besatzung für 
stärker haltend als sie war, suchte er sich dieses 
Postens zunächst wo möglich durch List zu bemächtigen. 
Zu diesem Zwecke entsendete er den 9. November 
einige Abtheilungen über Mörshausen auf die Höhe 
von Bergheim und ließ sie daselbst in höchst auffallender 
und die Aufmerksamkeit der Besatzung auf sich ziehenden 
Weise eine Stellung einnehmen, Patrouillen aussenden 
u. s. w. Er selbst dagegen rückte von Melsungen 
aus mit mehreren Grenadier-Kompagnien über den 
waldbewachsenen Schöneberg ganz verborgen gegen 
Elbersdorf vor. 
Wie Crillon richtig vorausgesetzt hatte, ward die 
Aufmerksamkeit der Schloßbesatzung auf die bei Berg 
heim sichtbar gewordenen Abtheilungen in so hohem 
Grade in Anspruch genommen, daß sie die Umsicht 
nach den anderen Seiten hin gänzlich vernachlässigte. 
Und so geschah es, daß, während die Besatzung ihre 
Blicke fast ausschließlich auf eine von ihr zur näheren 
Kundschaftung gegen Bergheim hin abgesendete 
Patrouille gerichtet hielt, die über den Schönberg 
herangeführte Abtheilung der Franzosen, unter Be 
nutzung verschiedener Hohlwege gänzlich unbemerkt 
nicht nur Elbersdorf passtrte, sondern auch noch die 
nordöstliche Seite des Schloßberges zu ersteigen 
begann und sich dem auf der Südseite belegenen 
Eingang näherte. Um solchen genau auszukundschaften, 
ging Hauptmann von Crillon (ein Sohn des 
Kommandirenden), von 2 Offizieren und 1 Tambour 
begleitet, um sich schlimmsten Falles für einen 
Parlamentär ausgeben zu können, gerade zu auf 
das Schloßthor los. Als er hierbei wahrnahm, daß 
die Besatzung — wahrscheinlich um den Rückzug der 
von ihr ausgesendeten Patrouille sicher zu stellen — 
ganz unverantwortlicher Weise auch noch das Thor 
offen und die Zugbrücke niedergelassen hatte, so 
erachtete er es nicht weiter für nöthig, erst noch 
lange Zeit mit Unterhandlungen zu verlieren, sondern 
stürzte sich mit seinen Begleitern auf die Zugbrücke, 
stach die dort stehende Schildwache nieder und 
behauptete sich so lange im Thoreingange, bis die 
nachfolgenden Grenadiere zur Hilfe heranzukommen 
vermochten. Diese erzwangen solchergestalt den 
Eingang in das Schloß, worauf die Besatzung — 
ohnehin nur aus 43 Mann Halbinvaliden bestehend, 
das Gewehr streckte und sich zu Kriegsgefangenen 
ergab. — 
V. 
Ueberfall von Bremen im Feldzuge 1 759. 
Um den Franzosen in der Besitznahme der sich neutral 
erklärt habenden freien Reichsstadt Bremen zuvor zu 
kommen, hatte der Herzog von Braunschweig dem 
hannoverschen General-Major von Drewes Befehl 
ertheilt, mit zwei hannoverschen, einem hessischen und 
einem braunschweigischen Regiment sich dieser Stadt 
durch List oder Gewalt zu bemächtigen. 
Demgemäß hatte General-Major von Drewes in 
der Nacht zum 15. Juni diesem Orte von ver 
schiedenen Seiten her sich unbewußt genähert und 
alle dahin führenden Zugänge besetzt. Nachdem nun 
ein vor dem Bunten-Thor befindlicher — von einigen 
Stadtsoldaten besetzter Außenposten — am s. g. 
Katzenthurm — von einer Abtheilung von einem Haupt 
mann und 100 Mann des hessischen Regiments in 
aller Stille überfallen und aufgehoben worden war, 
erhielt dieser Hauptmann Befehl, sich nach Tages 
anbruch an das Bunte-Thor zu begeben und zunächst 
für seine Person unter dem Vorwände Einlaß zu 
begehren, um mit dem ersten Bürgermeister über 
Gestattung des freien Durchzugs eines kleinen Detache 
ments nach Vegesack hin zu unterhandeln; sodann 
aber je nach Umständen zu handeln, um sich jenes 
Einganges zu bemächtigen. 
Da der an jenem Thore Wache haltende Offizier 
der Stadtmiliz auf dieses Vorgeben erwidern ließ, 
daß er hierüber erst Meldung erstatten müffe, so 
verlangte jener hessische Hauptmann ihn erst noch 
persönlich zu sprechen, wozu sich derselbe auch bereit 
willig finden ließ, sich vor das Thor hinaus begab 
und dabei vollends noch die Unvorsichtigkeit beging, 
während dessen sowohl die Zugbrücke niedergelassen 
als auch das Thor geöffnet zu halten. 
Als der hessische Hauptmann dieses gewahr wurde, 
suchte er in vertraulichem Gespräche sich immer mehr 
der Zugbrücke und der dabei aufgestellten Schildwache 
zu nähern. Als ihm dieses genugsam gelungen 
war, stürzte er sich auf dieselbe los und entwaffnete sie, 
während gleichzeitig einige in der Nähe hallende be 
rittene Offiziere, mit Degen und Pistolen in der Faust 
in vollem Galopp auf die Zugbrücke lossprengten, den 
Bremischen Offizier und einen Theil der Wacht- 
Mannschaft über den Haufen ritten, indessen der Rest 
durch die eilig nachfolgende Infanterie, nach kurzer, 
Gegenwehr überwältigt wurde. 
Hierauf drang General-Major Drewes mit der
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.