Full text: Hessenland (4.1890)

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Schwänken der häufig angewandte, ziemlich 
schwere Dialekt die Bühne verschlossen haben. 
Was ich nicht weiß, darüber können vielleicht 
ältere Marburger Aufschluß geben, deren Jugend 
in die vierziger Jahre dieses Jahrhunderts 
fällt"). - 
*) In einer dieser Lokalpossen, deren Titelblatt leider fehlt, 
kommt am Schluß folgender Chor der „Fidelen" vor, der wie 
Weintraut angibt, nach der Weise des Champagnerliedes 
aus „Don Zuan" von Mozart gesungen werden soll. 
Wer will wohl heute und wer will morgen 
Sich mit ernsten Gedanken bemüh'n? 
Wer will sich quälen und wer will sorgen, 
Wenn ihn Freude und Frohsinn umblüh'n! — 
Find'st du das Leben auf offener Straße, 
Nimm es am Arm und führ' es herein, 
Wärme und stärk' es mit schäumenden Glase 
Reiche ihm Liebe, reiche ihm Wein! 
Willst du mit Laune dann von ihm hören 
Horche dem Einen, dem ist es Sein, 
Laß' dich dann auch von dem Andern belehren 
Und er nennet es glänzenden Schein! 
Und inmitten von Beiden bleib' stehen, 
Halt dich am Sein und halt' dich am Schein! 
Damit pflegt es am Besten zu gehen, 
's lebe die Liebe — 's lebe der Wein! 
(Wie sich der Sohn Dietrich Weintrauts erinnert, sind 
nach Erzählungen seiner Eltern einige Lokalpossen des 
Dichters in Marburg aufgeführt worden.) 
Da Dietrich Weintraut durch seinen engen 
Lebenskreis an die Schilderung solcher Menschen 
gebunden war, die er um und neben sich erblickte, 
so hat er auf dramatischen Boden nicht so festen 
Fuß fassen können, als auf dem Gebiete der 
Lyrik. Ohne seinen anderen Arbeiten zu nahe 
zu treten, kann man deshalb behaupten, daß 
seine lyrischen Gedichte die Krone seiner Leistungen 
sind. Weintrauts lebhafter Natursinn, den die 
schöne Lage und Umgebung Marburgs von früh 
an gepflegt und genährt hatte, sein "feurig für 
alles Gute und Schöne empfindendes Herz, das 
sind von seiner Jugend bis in sein Alter die 
beiden nie versiegenden Quellen seiner Poesie 
gewesen. Wie sich in einem kräftigen Organismus 
die eingenommene Nahrung hauptsächlich in 
frisches rothes Blut umsetzt, so gestalten sich in 
Weintrauts ächten Dichtergemüthe alle von außen 
an ihn herantretenden Eindrücke zur schöpferischen 
poetischen Stimmung. Erfreut sein Auge der 
Wald zur Lenzeszeit, erquickt ihn der Gesang 
eines Vogels, der Anblick eines blühenden Zweiges, 
einer Blume, oder berühren Lust und Weh die 
seingestimmten Saiten seines Herzens, so wandeln 
sich ganz von selbst seine Gedanken und Em 
pfindungen zum Liede um. 
(Fortsetzung folgt, 
Kommerrracht. 
Tausend goldne Sterne glänzen 
An des Abendhimmels Pracht; 
Duftig liegst du, ohne Gränzen, 
Wundervolle Sommernacht. 
Jubeln möcht' ich, doch ich neige 
Stumm das Haupt zum Erdengrund; 
Wenn die Himmel reden, schweige, 
Schweige, armer Menschenmund. 
§. Saul. 
Die erste« Ueilcherr. 
Frühling war's. Im Dom zu Fulda 
Stand ich neben einem Priester 
Vor dem Altar der Maria, 
Die im Arm den Jesusknaben. — 
Als der würd'ge Herr dann leise 
Mich zum nächsten Bild geführet 
Und im Flüsterton erzählte 
Die Geschichte dieses Heil'gen, 
Kam ein kleiner, blonder Knabe 
Zu dem Altar der Maria, 
Betete mit lauter Stimme, 
Sah sich ängstlich um und stieg dann 
Rasch hinauf — und stand schon oben 
Vor dem Muttergottesbilde, 
Streichelte den Jesusknaben, 
Als mein würdiger Begleiter 
. Ihn erblickt und rasch herabhebt, 
Fragend: „Kind, was willst du oben?" 
Und der Kleine hebt das Händchen 
Hoch empor zum greisen Priester: 
„Ach, Herr, diese ersten Veilchen 
Sollt' das kleine Jesuskindlein 
Eben von mir armem Kinde 
In das offne Händchen haben." 
Himmlisch lächelnd hebt der Alte 
Daß der Knabe kann die Blümlein 
Legen in des Christkinds Hände, 
Ihn hinauf zum Altarbilde. 
Gleich den Engeln lacht der Spender, 
Dankbar trollt er dann zum Thore 
Und der Duft der ersten Veilchen 
Säuselt süßer wie der Weihrauch,- 
Unschuldsvoll, naturgeboren 
Auf zur Himmelskönigin! 
A. Hraudt.
        

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