Full text: Hessenland (4.1890)

138 
„Der Wind weht gut" der Fall. Des Dichters 
Spott wendet sich in dieser Lokalposse gegen die 
damals in Marburg herrschende Unsitte, Gegen 
stände zu versetzen und auf's Pfandhaus zu 
tragen, nur um den Maskenball besuchen zu 
können. 
In dem Stückchen selbst wird folgender Vor 
gang geschildert. Anna, die Tochter des Raths 
herrn Schlender und Braut des Studenten 
Silberbrill, läßt die Uhr ihres Vaters durch 
den Stiefelwichser Wind versetzen, weil sie durch 
aus das Faschingsvergnügen mitmachen will. 
Wind wird als Dieb arretirt und in's Gefängniß 
gesetzt, während Anna in der Studententracht 
ihres Geliebten sich auf dem Maskenballe köstlich 
amüsirt, bis sie schließlich von einem anderen 
Studenten gefordert wird. Unterdessen gesteht 
der Stiefelwichser im Gefängniß, wie er zu der 
Uhr gekommen ist, und die entstandene Ver 
wirrung wird durch einen heiteren Schluß gelöst. 
Eine nur flüchtig skizzirte, aber gewiß nach 
dem Leben gezeichnete Figur des Stückchens ist 
die überspannte Frau Schlender. Nur einem 
Studirten will sie ihre Tochter geben, weil sie 
dieselbe für einen Geschäftsmann viel zu gebildet 
hält. Solche Bürgerfrauen, in deren Köpfen die 
geistige Atmosphäre der Hochschule wunderliche 
Begriffsverwirrungen über Bildung und die aus 
derselben hervorgehenden Ansprüche angerichtet 
hat, gehören wohl zu den stehenden Typen jeder 
kleinen Universität. Man sieht, Weintraut griff 
wirklich in's volle Menschenleben, als er diesen 
Lokalscherz dichtete. Es ist deshalb als ein Sieg 
seiner Muse zu betrachten, daß seine Witze mitten 
in's Schwarze trafen und in den geschilderten 
Kreisen eine große Erregung hervorriefen. 
Dies brachte Weintraut auf den lustigen Einfall, 
sich selbst in einem Gedichte zu verspotten, das 
den Titel führte „Der Wind hat schlecht geweht". 
Er schickte die poetische Epistel anonym dem Herrn 
Verlagsbuchhändler Elwert in Marburg, der 
keine Ahnung davon hatte, wer der Verfasser sei, 
und sofort zu Weintraut kam, um mit seiner 
Hilfe die Spur des letzteren aufzufluden. Elwert, 
der viel auf Weintraut hielt und ein durchaus 
nobler Mann war, wollte das Gedicht nicht 
drucken, fügte sich aber schließlich den Wünschen 
des Dichters. Dieser gab die feste Versicherung, 
sich durchaus nicht über die Veröffentlichung der 
Satire ärgern zu wollen und wünschte, da der 
Erlös für einen milden Zweck bestimmt war, 
einen recht guten Absatz, Weil niemand eine 
Ahnung von dem Schelmenstreich Weintruuts 
hatte und Jedermann glaubte, daß dieser für 
seine poetischen Ausfälle einmal gehörig abgestraft 
worden wäre, wurde dann auch das Gedicht sehr 
gut verkauft. Eine Stelle aus demselben, welche 
klar beweist, welch' großes heimliches Vergnügen 
es Weintraut bereitete, sich einmal selbst zu ver 
spotten, soll hier folgen: 
„£> du Weidenhäuser Dichter stör' nicht andrer 
Menschen Freude, 
Schabe lieber deine Felle, falze lieber deine Häute! 
Führ den Schlichtmond und die Zange statt der spitzen 
Gänsefeder 
Und statt deiner schlechten Reime mache gutes Oberleder! 
Laßt uns unsern Dichter krönen, das war Brauch in 
alter Zeit, 
Macht von Nessel ein Geflechte, nicht den Lorbeer 
kranz entweiht! 
Jünglinge und Mädchen windet diese schöne Nesselkrone, 
Daß sie unserm ächten Satyr seine große Mühe lohne! 
Blickt aufKleon, jenen Gerber in Athens Geschichte nur. 
Ja, man merkt die Ochsenhäute machen stößige 
Natur" x. 
Trotz dieser Epistel oder vielleicht gerade in 
Folge derselben erschien das Lustspiel „Der 
Maskenball" in zweiter Auflage. Weintraut 
setzte die Worte Uhlands als Motto auf dieselbe: 
Nicht an wenig stolze Namen 
Ist die Liederkunst gebannt. 
Ausgestreuet ist der Samen 
Ueber alles deutsche Land. 
Durch diesen Vers suchte Weintraut augen 
scheinlich in schlichter, aber wirksamer Weise das 
ihm oft in den Weg tretende Dorurtheil zu be 
kämpfen, daß ein einfacher Bürger zum Dichter 
nicht berufen sei. Auch an manchen anderen 
Stellen vertheidigte er sein Recht, sich poetisch 
von dem befreien zu können, was ihm Herz und 
Geist bewegte. Wie Uhland, dessen Lieder und 
Balladen den tiefsten Eindruck auf den begabten 
Volksdichter machten, so schien auch dieser zu 
denken: 
Singe, wem Gesang gegeben, 
In den deutschen Dichterwald! 
Das ist Freude, das ist Leben, 
Wenn's von allen Zweigen schallt. 
Weintraut sang denn auch wie ein Vogel im 
Walde, der nun einmal nicht anders kann und 
des „Herzens volle Triebe keck im Klange frei 
gibt". Mehr Lohn als einem Waldessänger, 
dem der Wandrer andächtig zuhört, ist unserem 
Dichter auch wohl nie zu theil geworden. Der 
Erlös seiner Dichtungen war stets für milde 
Zwecke bestimmt und niemals hat ihm selbst seine 
freie Kunst klingenden Lohn eingetragen. 
Sehr wünschenswerth wäre es, festzustellen, ob 
Dietrich Weintrauts Stücke jemals zur Auf 
führung gekommen sind. Selbstverständlich denke 
ich nur an deren Darstellung durch Atarburger 
Kinder. Ganz abgesehen von ihrem an die 
Lokalität gebundenen Inhalte, würde diesen
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.