Full text: Hessenland (4.1890)

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Im Schmuck der weißen Locken 
Philipp von Hessenland. 
Der ließ die Blicke schweifen 
Weit über Marburg's Bann, 
Und über seine Wangen 
Ihm eine Thräne rann. 
„Du Land und Volk der Hessen 
In jeglicher Gefahr 
Hast Du mir beigestanden 
So bieder, schlicht und wahr." 
„Ich hab' es wohl erfahren 
Was seines Volkes Treu', 
Was seines Volkes Liebe 
Dem Landesvater sei." 
„„So treu, als wie ein Hesse"" 
Wahrlich ein wahres Wort, 
Drum blühe Land der Treue 
In alle Zeiten fort." 
„Drum blühe Land der Treue 
Als deutscher Lande Zier, 
Bis in die spät'ften Zeiten, 
Mein Segen sei mit Dir." — 
„Da rauscht ob mir der Epheu 
Am alternden Gestein, 
Empor aus meinen Sinnen 
Fuhr ich, — ich stand allein. 
Jedoch in meinem Herzen 
Da klingt es ewig fort: 
„Die Treue, ja die Treue 
Des Hessenlandes Hort!" 
Hi. Ititter. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Durch Muth errungenes Glück. Nächst 
dem großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von 
Brandenburg zeichnete sich vor den übrigen evan 
gelischen Fürsten Deutschlands Landgraf Karl von 
Hessen-Kassel dadurch aus, daß er die zur Bewah 
rung ihres evangelischen Bekenntnisses seit 1685 aus 
Frankreich geflüchteten Hugenotten großmüthig in 
seinem Lande aufnahm und unterstützte. Ein nicht 
unbeträchtlicher Theil derselben siedelte sich in Kassel 
an, wo mit Hilfe des Landesherrn die Oberneustadt 
von ihnen gebaut wurde. Da zwischen ihnen und 
den Eingeborenen von früher her gar keine Ver 
bindungen stattfanden, sie vielmehr von denselben 
durch Sprache und Abstammung getrennt waren, so 
ergab es sich ganz von selbst, daß sie sich um so 
enger an einander anschlossen. Sie bildeten die so 
genannte Compagnie des Refugies. Gleichwohl fehlten 
auch unter dieser eng verbundenen Gesellschaft die 
Unterschiede zwischen Arm und Reich eben so wenig, 
wie unter anderen Sterblichen; denn während es 
dem Einen gelungen war sein Vermögen in die 
Fremde mitzunehmen, hatten andere kaum mehr als 
das nackte Leben gerettet. 
Unter diesem durch Mein und Dein gebildeten 
Abstand hatte auch ein junges Liebespaar zu leiden, 
welches sich erst in Kassel gefunden hatte. Anna 
war die Tochter und einzige Erbin des sehr wohl 
habenden Lohgerbers Jean Baudesson, der Vater 
von Daniel Land re dagegen war zwar reich an 
Jahren — er erreichte ein Alter von 103 Jahren 
— aber arm an Gütern. Die jungen Leute, die 
von ganzem Herzen für einander in Liebe erglühten, 
beachteten diesen Unterschied freilich nicht, aber desto 
genauer nahm es damit Anna's Vater. Denn als 
unser Daniel, der sich dem Kaufmannsstand ge 
widmet hatte, um die Hand der Tochter warb, wurde 
er schnöde abgewiesen. Dieser ungünstige Bescheid 
war zwar für die Liebenden ein großer Schmerz, 
jedoch keineswegs ein Hemmniß für ihre Liebe und 
ihre Hoffnungen. Sie gelobten sich vielmehr ewige 
Treue. Diese wurde aber auf eine harte Probe ge 
stellt. Denn es verging Monat um Monat, Jahr 
um Jahr, ohne daß der Sinn des reichen Baudesson 
erweicht wurde. So kam das Jahr 1703 herbei, 
in welchem die vom Landgrafen Karl zwischen zwei 
Armen der Fulda geschaffenen Anlagen — jetzt die 
Aue genannt — vollendet und zum Besuch für 
Jedermann geöffnet wurden. Zum Ausdruck der 
allgemeinen Freude über diese Schöpfung des Landes 
herrn sollte nun an dessen Geburtstag, dem 14. August, 
eine glänzende Illumination der Anlagen stattfinden. 
Begreiflicher Weise strömte am Nachmittag eine ge 
waltige Menschenmenge nach der Aue hin, um sich 
an dem abendlichen Schauspiel zu ergötzen. Als aber 
auf der Brücke, welche übe'r den unterhalb des vor 
dem fürstlichen Schloß befindlichen Walles sich hin 
ziehenden Fulda-Arm führte, ein arges Gedränge 
stattfand, — stürzte die Brücke plötzlich ein und Hunderte 
von Menschen fielen ins Wasser. Unter den Un 
glücklichen befand sich auch der reiche Lohgerber sammt 
Schwester und Tochter. Die Schwester ertrank auch, 
wie manche andere; die Tochter aber und deren 
Vater wurden gerettet und zwar — durch den treuen 
Daniel. Dieser hatte nämlich auf dem Weg zur 
Aue seine geliebte Anna nicht aus den Augen ge 
lassen, und als er aus einiger Entfernung sah, daß 
Vater und Tochter in Lebensgefahr waren, sprang 
er sofort ins Wasser und trug erst seine Geliebte, 
dann auch deren Vater in seinen Armen an das Ufer. 
Jetzt erweichte sich endlich das bis dahin steinerne Herz 
des alten Baudesson. Wie hätte er auch gegen den 
Mann, dem er sein eigenes Leben und das seiner 
Tochter verdankte, noch länger unerbittlich bleiben 
können! Nein, er führte selbst seine Tochter ihrem
	        

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