Full text: Hessenland (4.1890)

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lbrechl Khristian Kuöwig von Maröeleben. 
Kurfürstlich Hessischer Geuerattieutenant. 
1777-1856. 
(Ein ErinnerungsVlait von <£• v- Skgmsork>. 
(Fortsetzung.) 
VII. Friedensjahre. 
1816. 1817. 
Nicht lange war seines Bleibens in Rotenburg. 
Ein Theil des ehemaligen Hochstifts Fulda wurde 
dem Kurfürstenthum Hessen einverleibt; am 1. 
Februar 1816 ergriff der kurfürstliche Kommissar 
Besitz von dem Lande und das Füsilierbataillon 
Landgraf Karl rückte in die Hauptstadt Fulda 
ein. Seinem Kommandeur wurde bald danach, 
am 8. Februar, für seine Dienste im Felde der 
Orden xour 1a vortu militäire Verliehen. Die 
Bevölkerung des Ländchens, welche seit dem Jahre 
1803, in welchem das Fürstbisthum säcularisirt 
worden war, jetzt in die vierte Hand gelangte, 
konnte nicht wohl von besonderer Begeisterung 
für Deutschlands Befreiung oder den Anfall an 
Kurhessen erglühen — Bardeleben schrieb an 
den General von Dörnberg*) „hier ist kein deutscher, 
sondern nur ein widriger Fuldaer Sinn zu 
finden**)." In dieser kühlen Atmosphäre trieb es 
*) Dörnberg stand in hannoverschem Dienste, aus 
welchem er 1814 beurlaubt worden war, um dem Kur 
prinzen von Hessen in Führung des kurhessischen Korps 
zur Seite zu stehen. 
**) Obige Behauptung bedarf denn doch einer sachlichen 
Richtigstellung. Wahr ist es, daß die Fuldaer für den 
Anfall an Hessen im Jahre 1816 nicht erglühten, irrig ist 
es dagegen, den Fuldaern den Vorwurf des Mangels an 
deutscher Gesinnung zu machen. Es ist ja bekannt, daß 
es gerade deutsch-gesinnte Fuldaer Jünglinge der damaligen 
Zeit waren, wir wollen hier nur I. Förster, M. Hodes 
und die Brüder Stöhr nennen, welche später, unter Kur 
fürst Wilhelm II., ihre jugendliche Begeisterung am schwersten 
büßen mußten. Die hessische Festung Spangenberg weiß 
davon zu erzählen. Und wem anders verdankte denn der 
Oberst von Dörnberg nach dem Mißlingen des von ihm 
geleiteten hessischen Aufstandes gegen die Fremdherrschaft 
im Jahre 1809, seine Rettung, als einem Fuldaer Bürger? 
Noch vor wenigen Monaten wurde in hessischen und aus 
wärtigen Blättern dieser wüthigen patriotischen That des 
Postslallmeisters I. B. Oswald die größte Anerkennung 
ausgesprochen und der General von Dörnberg hat sein 
ganzes Leben lang seinem wackeren Retter die dankbarste 
den Vaterlandsfreund, die Gemüther ein wenig 
zu erwärmen, den Sinn für das, was vor wenig 
Jahren die Befreiungskriege herbeiführte und 
Deutschlands Jugend entflammte, auch hier zu 
wecken. Er benutzte jede Gelegenheit, um in 
deutsch-nationalem Sinne zu wirken. So ver 
faßte er ein kleines Schauspiel „Die Freiwillige", 
in welchem ein edles deutsches Mädchen, das im 
Jahre 1813 in das Jägerbataillon des Obersten 
von Rosenbach als Freiwilliger eintritt, die 
Hauptrolle spielt. Für Rosenbachs Figur gab 
der General von Dörnberg das Vorbild ab, der 
Führer des Aufstandes vom Jahre 1809 in 
Hessen gegen das westphälische Regiment; ihm, 
welchen Bardeleben aufs höchste verehrte, wurde 
auch das Stück gewidmet. Ein Vorspiel dazu 
„Die Gräber auf dem Forste bei Kassel" betitelt, 
verläuft kurz nach der Hinrichtung der hessischen 
Patrioten an der Stelle, wo sie verbluteten; die 
verlobte Braut des Lieutenants von Hasserodt, 
des einen dieser Opfer, klagt zu nächtlicher Stunde 
über seinem Grabe, trifft zwei Patrioten, Vater 
Gesinnung bezeugt. Daß aber damals die Fuldaer sich 
für Kurhessen, an welches sie am 31. Januar 1816 von 
Preußen abgetreten worden waren, nicht leicht erwärmen 
konnten, wird jeder erklärlich finden, der die Geschichte der 
beiden Nachbarländer genauer kennt und sich der Mißhellig 
keiten erinnert, die von Alters her nur zu oft zwischen 
Hessen und Fuldaern bestanden. Damals wären die 
Fuldaer viel lieber preußisch geblieben, zumal, einzelne 
rühmliche Ausnahmen abgerechnet, anfänglich weder die 
hessischen Beamten, noch die hessischen Offiziere es ver 
standen, sich in Fulda Sympathien zu erwerben. Der 
Gegensatz zwischen Fuldaern und Hessen, ungeachtet sie 
eines Stammes, des chattischen, waren, währte fort bis 
zum Erlaß der Verfassung vom 5. Januar 1831. Erst 
diese bildete den Kitt zu einer innigeren Vereinigung, die 
denn auch um so fester und dauerhafter wurde. Aehnliche 
Verhältnisse wie in Fulda bestanden in jener Zeit in Hanau 
und doch war die Grafschaft Hanau-Münzenberg schon 80 
Jahre früher, am 28. März 1736, Hessen-Kassel zugefallen 
und vom Erbprinzen Wilhelm von Hessen, dem nachmaligen 
Kurfürsten Wilhelm 1., von 1764—1785 musterhaft regiert 
worden.
        

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