Volltext: Hessenland (4.1890)

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Rücken verschreukte, den geneigten Kopf in die 
Höhe hob und mit einem mir unvergeßlichen 
Blick nach dem sonnenhellen Himmel schaute. 
Weintraut war ein mittelgroßer, wohlgebauter 
Manu, dessen stämmige Gestalt an eine wetter 
feste Eiche erinnerte. Sein ziemlich breites bart 
loses Gesicht zeigte gerade keine feinen Züge, 
auch hatte die au der Wurzel etwas eingedrückte, 
an den Flügeln starke Nase keine edle Form, 
aber er war trotzdem ein schöner alter Mann. 
Die kurzsichtigen kleinen Augen konnten so wun 
derbar blitzen, daß das ganze Gesicht wie ver 
klärt erschien, und die mächtig entwickelte Stirne, 
in die damals schon viel Furchen und Gruben 
gerathen waren, verlieh nebst der ungemein 
ausdrucksvollen Umrahmung des Auges dem 
vvlksthümlichen Antlitz des Dichters etwas 
geistig Bedeutendes. Die stolz geschwungene 
Wölbung des Schädels, die durch das stark ge 
lichtete Haar scharf hervortrat, war das Auf 
fallendste an diesem fesselnden Charakterkopfe. 
Als ich in späteren Jahren ein Bild des Dichters 
Friedrich Hebbel sah, der ja auch aus dem Volke 
hervorgegangen war, mußte ich beim Anblick 
von dessen mächtiger Stirne unwillkürlich au 
Dietrich Weintraut denken. Solche Bildungen 
des Kopfes sollen der Familienzug des Tragöden 
sein, wenigstens weisen ihn viele hervorragende 
Dramatiker auf. Wenn ich ein Anhänger der 
Gall'schen Schüdellehre wäre, so würde ich ent- 
schieden behaupten, daß Weintrauts größte 
dichterische Begabung auf dem dramatischen Ge 
biete lag. — Aber, ganz abgesehen von hypo 
thetischen Schlüssen möchte ich hier, auf That 
sachen gestützt, diese Ansicht dennoch zum Aus 
druck bringen. Wer Weintrauts dramatische 
Lokalscherze und Schwänke, seine drei kleinen 
Lustspiele „Der Maskenball oder: der Wind 
weht gut", „Oekonom Brandwasser und sein 
Neffe", und „Die Gemeinderäthin" sich genauer 
ansieht, der muß, wenn er irgend Begriff von 
den Bedingungen des Dramatischen und von 
dessen Wirkungen hat, zugeben, daß Weintraut 
sicher auf dem Gebiete des Lustspiels und des 
Volksstückes Treffliches geleistet haben würde, 
wenn er in lebendiger Berührung mit der Bühne 
gestanden und sein ursprüngliches Talent durch 
ihren unersetzlichen Anschauungsunterricht geklärt 
und geschult hätte. Aber trotz der mangelnden 
Bühnenkenntniß ist Weintraut wie dem Vogel 
das Geheimniß des Nestbaues die Kunst der 
dramatischen Komposition angeboren. Er findet 
im Dialoge den treffenden Ausdruck, der in den 
kleinsten Zug eine charakteristische Bedeutung 
legt, und weiß den Faden der Handlung so ge 
schickt zu verschlingen, daß man oft für ein Er 
gebniß der Erfahrung halten möchte, was im 
Grunde doch nur der angeborene glückliche Tast 
sinn des echten Dichters ist. 
(Fortsetzung folgt.) 
Frühling. 
Maiglöckchen läuten so hell und rein, 
Vöglein, sie singen Lieder, 
Juble auch du mein Herz darein, 
Frühling, der Frühling kehrt wieder. 
Knospen, sie eilen und brechen hervor, 
Blüthen und Blüthen all'wegen, 
Ueberall lächelt ein Blumenflor 
Unserem Auge entgegen. 
Oeffne mein Herz dich, öffne dich weit, 
Nimm neue Wonne und Leben, 
Frühling kehrt wieder, Frühlingszeit, 
Frühling hat Liebe gegeben. 
Komm, du nieiu Kind, In die Frühlingsnacht, 
Komm in den Hain, den jungen, 
Jetzt noch der Traum der Liebe uns lacht, 
Wie ihn der Dichter besungen. 
Jetzt noch am Herzen, dich, herrliche Maid, 
Wenn es doch ewig so bliebe; 
Ewig, ach ewig, die Frühlingszeit, 
Ewig und ewig die Liebe. — 
Gdgar Kramer-Aangert. 
Die schönen Tage find gezahlt. 
Die schönen Tage sind gezählt, 
Da sich der Buchen junges Grün 
Dem dunklen Tannengrün vermählt; 
Drum laßt uns jetzt zum Walde ziehn, — 
Die Tage sind gezählt. 
Die schönen Tage sind gezählt, 
Da Frühlingsluft das Leid verscheucht, 
Das unsre armen Herzen quält. 
Wie wanderts sich so frei und leicht! — 
Die Tage sind gezählt. 
Die schönen Tage sind gezählt; 
Im Blüthenschmuck prangt Strauch und Baum, 
Kein einz'ger Frühlingssänger fehlt. 
Zu rasch verfliegt der schöne Traum, — 
Die Tage sind gezählt. 
Die schönen Tage sind gezählt, 
Da Maienglöckchenduft erfreut 
Und Liebe sich was Liebes wählt. 
Drum freuet euch der schönen Zeit, — 
Die Tage sind gezählt. 
Marburg, im Frühling 1890. 
Kermann Kaase.
        

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