Full text: Hessenland (4.1890)

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„Florschleier" war so recht eigentlich in meiner 
Kindheit das Wahr- und Merkzeichen der höheren 
Stände. Wer einen Florschleier tragen konnte, der 
war vornehm oder hatte doch wenigstens das Recht 
sich mit dem Schimmer der Vornehmheit zu umklei 
den. — Wurde einmal an kalten Tagen unberechtigt 
gegen diese goldne Regel verstoßen und fügte es 
sich zufällig, daß irgend etwas Unangenehmes 
oder Trauriges an die Schleierträgerin oder 
ihre Familie herantrat, so kam natürlich der 
Hochmuth vor dem Fall. 
Ter Anschauungskreis im Marburger Bürger 
leben war ein unglaublich enger und kleiner. 
Mit dieser Behauptung will ich selbstverständlich 
der Biederkeit, Ehrbarkeit und Rechtschaffenheit 
des Standes, aus dem ich selbst hervorgegangen 
bin, keineswegs zu nahe treten. Ein weiter 
Abgrund gähnte zwischen den sogenannten 
Vornehmen und den Bürgern, nur eine Ver 
einigung von glücklichen Umständen und Zufällen 
konnte dann und wann einmal eine Brücke 
darüber schlagen. Die letzten Jahrzehnte sind 
wie eine Windsbraut über das alte Marburg 
hingebraust und haben viel Veraltetes zerstört, 
manchen neuen Keim in offenen Boden gesenkt. 
Wie die Physiognomie der Stadt sich mittler 
weile ändert, wie diese längst die Züge des 
traulich engen Bergnestes verloren hat, so wird 
der fortschreitende Geist der Zeit auch wohl im 
Innern manche hemmende Schranke, aber auch 
manchen anheimelnden traulichen Zug des klein 
bürgerlichen Lebens verwischt haben. 
Dietrich Weintraut, der in geistiger Beziehung 
wie eine Eiche über das Unterholz, über seine 
Standesgenossen emporragte, konnte jedenfalls 
den Kampf mit den Verhältnissen nicht auf 
nehmen, als er sich entschloß, Gerber zu werden 
und statt der Feder Zange und Schlichtmond 
zu führen. So weit ich dies beurtheilen kann, 
glaube ich nicht, daß er diese Wendung in seinem 
Leben als etwas Bitteres oder gar als eine Un 
gerechtigkeit des Geschicks aufgefaßt hat. Wein 
trant war ein wahrhaft frommer gottergebener 
Mensch, der jedenfalls das als das Beste für 
sich hielt, was der Lenker alles Lebens für ihn 
bestimmt hatte. Diese Frömmigkeit, dieser un 
bedingte Glaube an eine höhere Fügung muß 
schon frühe feste Wurzeln in seinem Gemüthe 
geschlagen haben; denn sonst hätte er ja zweifel 
los dem engen Kreise entfliehen und sein reiches 
Talent zur höchsten Entwickelung bringen müssen. 
Vor mir liegt ein Büchlein, in das Gedichte 
aus dem Nachlasse Dietrich Weintrauts einge 
tragen sind. Es liefert den Beweis, daß der 
alte Volksdichter sich mit den politischen Wand 
lungen im Jahre 1866 nicht aussöhnen konnte. 
In der Neujahrsnacht, die das Hessenvolk zum 
erstenmal als Zugehörige des preußischen Staates 
erlebte, richtet Weintraut, dem „die Last der 
Jahre den Nacken schon gebeugt hat und der 
Schnee von vielen Wintern das dünne Haar 
bleichte", ein tiefempfundenes Gedicht an den 
verbannten Kurfürsten Friedrich Wilhelm, in 
dem er diesen auffordert, den Muth nicht sinken 
zu lassen und auf bessere Tage zu hoffen. 
Viele, denen nach den großen politischen Ereignissen 
der beiden letzten Jahrzehnte, besonders nach der 
Gründung des deutschen Reiches ein derartiges 
Gedicht schwer verständlich sein wird, werden diesen 
Wunsch vielleicht belächeln, allein es spricht sich 
in demselben nur die wandellose Treue eines 
frommen Gemüthes aus, das mit zäher Aus 
dauer an dem hing, was es einmal in Liebe 
erfaßt und von jeher für heilig gehalten hatte. 
Weintraut war ein Kind der alten Zeit, er ver 
spürte nicht, wie wir Jungen das Flügelrauschen 
einer neuen Aera, die nothgedrungen hinweg 
räumen mußte, was ihrem von der Vorsehung 
vorgezeichneten Zuge im Wege war. Als Knabe 
hatte der alte Dichter die Westphälische Zeit in 
Hessen mitgemacht, er war ohne Zweifel Augen 
zeuge jener Festlichkeiten, die in Marburg ab 
gehalten wurden, als Kurfürst Wilhelm nach 
dem Sturze der Napoleonischen Herrschaft und 
nach siebenjähriger Verbannung wieder in sein 
Hessenland zurückkehrte. So war Weintrauts 
Liebe zum angestammten Fürstenhause'im Feuer 
der Trübsal gehärtet und durch nichts zu zer 
brechen. Ohne Zweifel hielt er es für Hessen 
treue, fest beim Alten zu beharren, und er that 
es denn auch um so entschiedener, als er augen 
scheinlich auf die Rückkehr der alten Verhältnisse 
hoffte und nicht die Fähigkeit besaß, die poli 
tischen Umwälzungen von einem freieren Stand 
punkte aus zu betrachten. — — — v 
Offen habe ich es bereits früher bekannt, daß 
mir der erste Anblick Weintrauts eine Ent 
täuschung bereitet habe, aber ich muß doch mitt 
lerweile gestehen, daß dieselbe schon sehr bald da 
nach einem stillen Wohlgefallen an des Dichters 
äußerer Erscheinung wich. Zum erstenmal 
empfand ich dasselbe, als ich Weintraut während 
eines Begräbnisses auf dem Weidenhäuser Fried 
hofe unausgesetzt beobachtete. Heute kann ich 
mich nicht mehr erinnern, wen man auf dem 
kleinen Gottesacker zur ewigen Ruhe bestattete, 
aber ich weiß noch ganz genau, daß der ernste 
Vorgang dem Dichter sehr nahe gehen mußte. 
Er stand am offenen Grabe, das nicht weit von 
dem kleinen Kirchlein und neben einer Hänge 
weide gelegen war, und kämpfte augenscheinlich 
mit vieler Mühe eine tiefinnerliche Bewegung 
nieder. Ich sehe Weintraut noch, wie er plötz 
lich in fast heftiger Weise die Arme auf dem
        

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