Full text: Hessenland (4.1890)

9 
ehe die Kränze auf dem Grab seiner Frau ver 
dorrt wären?" 
„Was sagte ich ihm nicht alles? Aber einen 
solchen aus Bosheit und Rohheit zusammenge 
setzten Charakter zu beeinflussen, wäre wohl selbst 
die Beredtsamkeit eines Paulus nicht im Stande. 
„Ich muß wieder eine Frau haben, und die 
Martlis kann ich gerade jetzt bekommen." Auf 
diese beiden Gründe kam er immer zurück. Da 
bei konnte er aber nicht die Freude verhehlen, 
den Verwandten seiner Frau auf diese Weise 
einen gehörigen Streich zu spielen." 
Die Pfarrerin weiß nichts mehr zu erwidern. 
„Das Unselige Geld!" spricht sie nur noch be 
kümmert. 
Als aber in der Dämmerung die Martlis mit 
einem Korb am Arm vorüber geht, öffnet sie 
das Fenster und fordert sie auf, einen Augen 
blick hereinzukommen. Ohne Zaudern folgt das 
Mädchen der Einladung, aber sein Gesicht sieht 
in der schwachen Beleuchtung grau aus, und eis 
kalt ist die hartgearbeitete Hand, die es in die 
freundlich dargebotene der Pfarrersfrau legt. 
„Martlis, ist es denn wahr, willst Du denn 
wirklich den Oswald heirathen?" Sie ist auf 
die Frage gefaßt. „Ja, Frau Pfarrer," ant 
wortet sie kurz, „anders will er dem Vater die 
zweihundert Thaler nicht vorstrecken, und der 
Peter und das Kathrinchen sollen nicht ins 
Armenhaus." Der Peter und das Kathrinchen 
sind ihre beiden jüngsten Geschwister, hübsche 
Kinder mit blonden Krausköpfchen, und den 
Armenhäuslern geht jeder reinliche Mensch gern 
aus dem Weg. Das alles weiß die Pfarrerin 
und sie weiß auch, wie die Kinder an der Martlis 
hängen. Und gerade darum möchte sie gern noch 
einen Ausweg finden. „Konnte denn Herr von 
Heiden nichts für euch thun? Du hast ja doch 
drei Jahre auf dem Gute gedient!" 
Jetzt zögert Martlis ein wenig mit der Ant 
wort. „Ich war vor acht Tagen dort," sagt sie 
dann unsicher, „aber ich kam der Herrschaft wohl 
recht ungelegen. Herr von Heiden schalt auf 
meinen Vater und meinte, wenn er allen armen 
Leuten im Dorf borgen sollte, könnte, er selbst 
bald betteln gehen. — Er hatte gewiß Recht," 
setzt sie entschuldigend hinzu, und die Pfarrerin 
fühlt es vor Schmerz und Beschämung heiß in 
sich aufquellen. Vor acht Tagen hat ja Herr 
von Heiden die große Gesellschaft gegeben, bei 
der der Champagner in Strömen geflossen ist. 
wie der Oberförster ihrem Mann vorgeprahlt 
hat. Aber sie hält an sich und stellt die letzte 
Frage, die, wie sie denkt, Martlis noch zurück 
halten kann. 
„Weiß denn der Konrad von Deinem Vor 
haben?" Sie hat im Stillen gehofft, Martlis 
werde erschrecken, bestürzt ein Hehl aus ihrem 
früheren Verhältniß zu machen suchen und dann 
eine rührende Szene veranlassen. Nichts von 
dem allen geschieht. Das Mädchen sieht sie 
durch die immer dichter werdende Dämmerung 
ernsthaft und etwas verwundert an und spricht 
gelassen: „Wußten Sie denn, daß ich den Konrad 
gern hatte? Der hat ja aber schon eine ganze 
Weile einen Schatz in der Stadt. Das Bärbchen 
hat's hier überall erzählt, und seiner Mutter hat 
er's selber auch geschrieben. Aber ich muß heim, 
Frau Pfarrer, der Schäfer kommt heut Abend. 
Soll ich Ihnen in Heubach etwas besorgen?" 
„Nein, ich danke Dir, ich komme wohl noch 
einmal selbst hin, ehe Du Hochzeit hältst. Gute 
Nacht, Martlis!" 
„Gute Nacht Frau Pfarrer, und sagen Sie 
doch dem Herrn Pfarrer, er sollte mir nicht übel 
nehmen, daß ich den Oswald so bald schon 
heirathen wolle, ich sei gar zu schlimm daran." 
Die Stimme droht dem Mädchen zu versagen, 
rasch wendet es sich zur Thüre und schreitet in 
das Dunkel hinaus. Die Pfarrerin aber sitzt 
noch lange ohne Licht, und so gottergeben sie 
auch sonst ist, ein schmerzliches „Herr, warum V 
drängt sich wieder und wieder auf ihre Lippen. — 
(Fortsetzung folgt.) 
Hessische Treue. 
Ich stand auf Marburg's Schlosse 
Und sah hinab zu Thal, 
Die Stadt lag mir zu Füßen 
Im Abendsonueustrahl. 
Der Berge Firnen flammten 
Von gold'nem Schein umglüht, 
Durch grüne Wiesen rauschte 
Die Lahn ihr leises Lied. 
Da träumt' ich mich zurücke 
In Zeit, die längst entschwand, 
Das Löwenbanner wehte, 
Vom Schloß noch weit in's Land. 
Der Ritter manchen reiten 
Sah ich vom Schloß in's Thal; 
Im blanken Eisenkleide 
Brach sich der Sonne Strahl. 
Und auf des Schlosses Zinne 
Gelehnt am Banner stand
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.