Full text: Hessenland (4.1890)

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welche zarte Sorgfalt ihren früher verwundeten 
Kameraden zu theil geworden ist. ..." Es ist 
anzunehmen, daß des für seine Untergebenen so 
besorgten Mannes Bitte nicht ohne Erfolg blieb; 
die von ihm bezeichneten Zustände waren in jener 
Zeit hergebracht und überall die gleichen, bekannt 
ist ja, wie den verstümmelten Kriegern vorzugs 
weise die Drehorgel das Leben fristen mußte. 
Wie für die kampfunfähig Gewordenen sorgte 
Bardeleben für die in Waffen Stehenden. Er 
wandte sich unter'm 27. März mit neuer Bitte 
an die Geistlichen „der Krieg ist nicht ferne ... 
mancher Deutsche wird bluten müssen . . . wie 
trostlos ist es, wenn er sich in feinem Blute 
krümmt, nicht des Labsals des Verbandes theil 
haftig werden kann . . . ." Dann bittet er, 
die Herren Prediger möchten menschenfreundlich 
sich bemühen, daß einem jeden Unteroffizier und 
Soldaten eine Kompresse und eine Binde von 
den Einwohnern gewidmet, sowie dem Bataillons- 
chirurgus etwas Leinen gegeben werde . . . ." 
Die edlen Frauen werden um Leinen gebeten. 
Wenige Tage darauf, am 3. April, traf der 
Befehl ein, nach Koblenz abzumarschiren. Kur 
fürst Wilhelm bewies seinen guten Willen für 
die allgemeine Sache, indem er statt des auf sein 
Land entfallenden Antheils von 7500 Mann 
deren 12 000 stellte. Das Regiment Landgraf 
Karl vereinigte sich bei Frankfurt am 9. April 
mit den übrigen die 2. Brigade unter General 
v. Müller bildenden Truppen, dem Infanterie- 
Regiment Kurprinz, zwei Schwadronen Husaren, 
einer Batterie. Auf dem Marsch durch das 
Nassauische erhielt die Brigade in Montabaur 
den Befehl, am linken Ufer der Lahn weitere 
Befehle zu erwarten. Bardeleben erreichte am 
15. April Caub. Die Uebungen wurden wieder 
aufgenommen, die Mannschaft hatte kompagnie 
weise am 23. April 10 Patronen für den Mann 
auf die Scheibe abzugeben, nachdem bereits am 
7. in den Quartieren bei Hanau auf den Mann 
5 Patronen verfeuert waren, zu welchen später 
noch 3 Schuß kamen*). Der Oberbefehlshaber 
der norddeutschen Bundestruppen, General Graf 
Kleist von Nollendorf, hielt am 23. April über 
die Brigade Heerschau auf der Haide bei Nastetten; 
an das Füsilierbataillon richtete er nach der 
Musterung „eine kurze sehr zu Herzen gehende 
Rede, die durch sein ehrwürdiges Ansehen und 
*1 Man kann den Standpunkt der damaligen Schießkunst 
sich durch Vergleich nicht nur der für einen Mann ver- 
willigten Patronen, sondern mehr »och durch Beachtung 
des Umstandes vergegenwärtigen, daß ein ganzes Bataillon 
an ein und demselben Tage gegen 8000 Schuß aus die 
Scheibe that', dabei verursachte die Entzündung des Pulvers 
durch das Schloß mit Feuerstein gegenüber der heutigen 
nahezu absolut sichern, fast augenblicklichen Zündung, 
Zeitverluste, 
fein früher gezeigtes echt deutsches Betragen noch 
mehr Kraft bekam ..." Die Brigade ging erst 
am 11. Mai bei Caub über den Rhein und 
rückte über Trier gegen die Saar, die es am 
17. Mai auf der Conzer Brücke überschritt. 
An diesem Tage schied das Regiment Landgraf 
Karl aus der 2. Brigade, um in die 1. unter 
Prinz Solms überzutreten. General v. Müller 
entließ es in einem Tagesbefehle mit höchster 
Anerkennung seiner in den vier Monaten feit 
dem Ausmarsche aus feinem Standorte bewiesenen 
musterhaften Disziplin und Ordnung; er sprach 
dem Kommandeur, allen Offizieren, Unteroffizieren 
und Genleinen seinen Dank aus. 
Die Truppen standen nunmehr nahe der 
französischen Grenze, gegenüber dem Korps des 
Generals Gerard, hatten sich wie im Felde zu 
sichern, jedoch feindselige Maßregeln zu vermeiden. 
Bardeleben hatte zum Ersähe der nicht auf alle 
Vorschläge erfolgten Auszeichnung mit einem 
Orden für sein Bataillon den „Ehrenbrief" er 
sonnen; aus der Mitte der Mannschaft und der 
Unteroffiziere waren die Würdigsten vorzuschlagen, 
die Offiziere, die Kompagniechefs, der Komman 
deur hatten die Liste in verschiedenen Stufen zu 
prüfen und zu sichten. An die, welche in dein 
Feldzuge von 1814 sich hervorgethan hatten, 
wurden am 26. Mai vor dem ausgerückten 
Bataillon feierlich die vom Kommandeur und 
den 4 Hauptleuten unterzeichneten Ehrenbriefe 
überreicht. Die Inhaber sollten einige Vorzüge 
genießen, für Vorschläge zu Belohnungen höheren 
Ortes sollte der Besitz eines Ehrenbriefes Be 
dingung sein; dieses kann nicht unbedenklich er 
scheinen, wenn auch die Wahl zum Ehrenbriefe 
durch die Kameraden eine gesunde Grundlage 
bildet, da durch sie gewiß die Würdigkeit fest 
gestellt wurde. 
Das hessische Korps lehnte sich mit seinem 
rechten Flügel an das bei Arlon und Bastogne 
stehende 3. preußische Armeekorps, der linke hatte 
an der Saar Fühlung mit dem bairischen Korps. 
Es erhielt am 16. Juni Befehl, sich über Luxem 
burg in Marsch zu setzen, zum Zwecke der Ver 
einigung mit dem bei Namur stehenden 2. 
preußischen Armeekorps unter General von Kleist. 
Bardelebens Bataillon war der Vorhut unter 
Oberstlieutenant Scheffer zugetheilt, welche sich 
am 20. bei Arlon sammelte und in starkem an 
haltendem Regen die Nacht auf der Straße von 
Namur zubrachte. Ein Kourier hatte die Nachricht 
gebracht, daß die Feindseligkeiten am 16. be 
gonnen hätten, Blücher Nachtheile erlitten habe, 
sodaß das norddeutsche Armeekorps gegen Aachen 
zu ausweichen müsse. Bei dieser Bewegung traf 
schon am 21. im Bivouak bei Bastogne die Bot- 
fchast von Waterloo ein. Das Korps erhielt
        

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