Full text: Hessenland (4.1890)

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sie die Thränen und spricht, während sie eifrig 
an einem arg durchlöcherten Strumpfe stopft, ganz 
gelassen: „Ich werd' auch ohne den Konrad fertig 
werden können." Sie täuscht aber doch das 
Bärbchen nicht ganz. 
Auch der Pfarrer traut nicht recht, als zur 
selben Zeit der Schäfer beim Fortgehen vom 
Friedhof zu ihm sagt: „Ach, Herr Pfarrer, nun 
ists mit den Frauensleuten vorbei für mich!" 
Aber er widerspricht ihm natürlich nicht. Und 
der alte Köthe wiederspricht auch nicht, als sich 
auf dem Heimweg der Schmied Semmler zu ihm 
gesellt und auf des Schäfers hübsches Haus deutend, 
vertraulich äußert: „Köthe, das wär' ein Mann 
für eure Martlis, der brächte euch mit einem 
Schlage aus den Schulden heraus." Er überblickt 
nur sehnsüchtig das neue Ziegeldach und das ge 
räumige Stallgebäude und denkt an die Handvoll 
harter Thaler, mit denen der Schäfer am Abend 
vorher in der Tasche geklimpert hat. An den 
Zustand wüster Trunkenheit, in dem sich der 
Wittwer eine Stunde später befunden, denkt er 
nicht. Und als es Nacht wird, und der Mond 
auf Heubach niederscheint, da beleuchtet er drei 
schlaflose Lagerstätten. Auf einer ruht der Schäfer 
Oswald und läßt die Mädchen des Dorfes an 
seinem inneren Auge vorüberziehen, auf der andern 
rechnet und zählt der alte Köthe, bis ihm der 
Angstschweiß ausbricht, und auf der dritten sitzt 
die Martlis und weint sich satt um den treulosen 
Konrad. — 
II. 
Seit dem Begräbniß der Schäsersfrau sind vier 
Wochen vergangen. Der Pfarrer von Altenbrunn 
trinkt seinen Nachmittagskaffee und berichtet da 
bei von zwei Krankenbesuchen, die er in seinem 
Filial Heubach gemacht hat. Aber er besitzt kein 
sehr dankbares Publikum, denn Spitzchens Auf 
merksamkeit ist erheuchelt, oder gilt vielmehr nur 
dem Zwieback, den sein Herr in der Hand hält, 
und die Pfarrerin wartet augenscheinlich mit 
Ungeduld auf eine Pause in der Rede ihres 
Mannes. Jetzt tritt eine solche ein. und sogleich 
fragt sie eifrig: „Hast du nicht gehört, wie es 
mit Köthens steht?" 
Des Pfarrers freundliches Gesicht verdüstert 
sich. „Allem Anschein nach recht schlimm," ant 
wortet er gedrückt, „der Bürgermeister sagte mir, 
der Jude Katz würde mit der Klage nur noch 
bis zur ersten Oktoberwoche warten, und das sei 
auch die längste Frist, die er selber geben könne." 
„Könne?" wiederholt die Pfarrerin bitter. 
Wenn der brave Herr Bürgermeister nur das 
Ding beim rechten Namen nennen wollte. Warum 
konnte er sich denn gedulden, so lange er keine 
billigeren Tagelöhner als den Köthe und die 
Martlis bekam? Aber so sind die Bauern alle, 
habgierig, berechnend und unbarmherzig. Wenn 
wir doch nur so viel hätten, um dem armen 
Mann die lumpigen 200 Thaler leihen zu können." 
Der Pfarrer lächelt flüchtig. „Dann wären 
wir vielleicht auch berechnend und unbarmherzig." 
sagt er halb im Scherz, und fährt dann ernst 
haft fort: „Es ist traurig, daß mir der Köthe 
nicht mehr traut, seitdem ich sein Gesuch um ein 
größeres Darlehn aus der Kirchenkasse abweisen 
mußte, ich fürchte, er geräth dadurch an Leute, 
die es viel weniger gut mit ihm meinen. Er soll 
in letzter Zeit sehr häufig mit dem Schäfer Oswald 
zusammengewesen sein." 
„Mit dem Trinker? Der hat doch nicht gm 
Ende gar Absichten auf die hübsche Martlis?" 
„Charlotte! Was für ein Einfall! Du bist 
auf dem besten Wege noch gefühlloser zu werden, 
als die geschmähten Bauern!" Der Pfarrer ist 
so entrüstet, daß er gar nicht hört, wie jemand 
die Haustreppe heraufkommt. Erst als Spitzchen 
mit wüthendem Gebell auf die Thüre los fährt 
und draußen eine rauhe Stimme nach ihm fragt, 
merkt er, daß ein Fremder da ist und verläßt 
das Zimmer. Der Schäfer Oswald steht auf der 
Flur, Spitzchen vollführt aber bei seinem Anblick 
einen so entsetzlichen Lärm, daß die Pfarrerin 
nicht versteht, was er zn ihrem Manne sagt. Sie 
erfährt bald genug, was er will. Spitzchen hat 
sich noch nicht völlig von seiner Aufregung erholt, 
sondern bekundet durch anhaltendes Knurren noch 
immer mühsam verhehlten Grimm, da wird die 
Thüre der Studierstube ungestüm geöffnet, und in 
die erneuten Wuthausbrüche des kleinen Hundes 
hinein hört sie den Pfarrer ungewohnt heftige 
Worte sprechen. Gleich daraus tritt er wieder 
bei ihr ein, blaß, mit zuckenden Lippen. Er durch 
mißt einige Male das Zimmer, bleibt dann am 
Fenster stehen und spricht, den Kopf an die Schei 
ben drückend, mit tonloser Stimme: „Charlotte, 
Du hast vorhin Recht gehabt — am Sonntag 
ist das erste Aufgebot von dem Schäfer Oswald 
und der Martlis Köthe." 
Die Pfarrerin erhebt sich erschrocken. 
„Das ist ja wohl ganz unmöglich! Das darf 
ja die Kirchenbehörde nimmermehr zugeben!" 
Der Pfarrer schweigt eine Weile, in düstere Ge 
danken versunken. „Das sagte ich dem Schäfer 
auch," antwortet er dann gepreßt, „aber der 
hatte sich gut vorgesehen. Er war schon am 
Standesamt und schon keim Metropolitan gewesen 
und so gut unterrichtet über meine Rechte und 
Pflichten, daß ich schweigen mußte. Er kann 
sechs Wochen nach dem Tode seiner Frau eine 
zweite Ehe eingehen." 
„Aber sagtest Du ihm denn nicht, daß es 
himmelschreiend sei, sich verheirathen zu wollen,
        

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