Volltext: Hessenland (4.1890)

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nur Kurprinz Wilhelm seit dem 30. Oktober 
sich dort befand und harrte nun von Tag zu 
Tage auf die Ankunft des Kurfürsten, da dessen 
Sohn ohne irgend welche Vollmacht zum Han 
deln sich befand. Der Kurfürst hatte ihm eine 
solche übrigens gar nicht ertheilen können, da 
seine Wiedereinsetzung mehrere Wochen fraglich 
war, weil im preußischen Lager viele Stimmen 
Hessen als herrenloses Land für Preußen for 
derten — obwohl der Fürst bereits am 21. No 
vember in Kassel seinen feierlichen Einzug hielt, 
waren die Hindernisse doch erst bis zum 12. De 
zember aus dem Wege geräumt, so daß er an 
diesem Tage durch eine Verkündigung an sein 
Volk die Regierung von Neuem antreten konnte. 
Bardeleben rühmte seiner Gattin, wie gnädig 
er von dem alten Landesfürsten sowohl als von 
dessen Nachfolger empfangen sei, am 30. No 
vember war „sein Schicksal entschieden", was in 
jener Zeit der Herstellung des alten Staates 
für Viele grausame Enttäuschung bedeutete. In 
scherzhafter Weise theilte er der Gefährtin am 
1. Dezember mit „ich muß den Oberstlieutenant 
daran geben, da ich das aber nicht im Schlafe 
geworden bin, so reise ich morgen ab"; dann 
klärte er sie darüber auf, er war zum Major 
in dem Regimente Landgraf Karl ernannt wor 
den, welches in Hersfeld hergestellt werden sollte, 
hatte also seinen Rang behalten, obwohl er im 
Jahre 1806 noch Sekondlieutenant gewesen war. 
Er setzt noch hinzu: „ich bin einer der wenigen 
Glücklichen, welche in ihrem Grade blieben", der 
Kurfürst hatte des ihm ergebenen Offiziers Ge- 
löbniß vom Februar 1807 in Rendsburg im 
Gedächtniß bewahrt. 
Wilhelm I. knüpfte seine Herrschaft an den 
1. November 1806 an, wollte zumal in dem mit 
äußerster Anstrengung aufzubringenden hessischen 
Heere Alles einrichten wie es damals gewesen, 
was kriegserfahrene Männer wie unser Barde 
leben seufzend sahen. Zum Glücke hatte der 
Kurprinz die Einsicht gewonnen, daß das höchst 
nachtheilig sei und vermochte wesentlich ein 
zuwirken, da ihm die Neubildung des Heeres 
anvertraut wurde. „Der Kurprinz macht sich 
sehr verdient, er benimmt sich ganz vortrefflich 
bei der Organisation, alle Tändeleien werden 
vermieden, die Uniform ist ganz wie die preußische, 
der Kompagniechef erhält monatlich 120 Thlr." 
Meldet B. in glücklichster Stimmung darüber, 
daß er nun wieder Hesse ist. Nur das Wieder 
sehen der Seinigen fehlt ihm noch, sehnsüchtig, 
zärtlich bittet er Konradine, ihn zu besuchen, da 
die Truppen Ende Januar bereits zu Felde 
ziehen sollten. — 
(Fortsetzung folgt.) 
Kpisoöen aus öer Geschichte öe§ Kauernkrieges in den 
Miftslanöen von Uulöa und Kersfelö. 
Mitgetheilt von 3T- Iw eng er. 
(Fortsetzung.) 
Als Ergänzung der Eegenbaur'schen Schil 
derung der Vorgänge im Bauernkriege in der 
Woche nach Ostern um und in Fulda lassen 
wir nachstehend die Darstellung Dr. Falcken- 
heiner's in seiner Schrift „Philipp der Groß 
müthige im Bauernkriege" ihrem wesentlichsten 
Inhalte nach folgen. 
In den Osterfeiertagen 1525 erhob sich der Sturm 
in den Stiftslanden von Fulda. Ueber den 
Beginn . ist uns nichts Sicheres überliefert. 
Wir wissen nur, daß die Hammelburger jenseits 
des Rhöngebirges die ersten Unterthanen des 
Hochstistes waren, welche sich am Aufruhr be 
theiligten und die Bewegung nach der Haupt 
stadt lenkten. Daß Müntzer selbst auf seiner 
Rückkehr von Süddeutschland einige Tage in 
Fulda verweilt und aufrührerische Reden daselbst 
gehalten habe, wie der Allstedter Schosser 
Hans Zeis in einem Briefe au Spalatin am 
22. Februar berichtet, ist mindestens zu be 
zweifeln , da die Fuldaischen Quellen dieses 
Ereigniß mit keinem Worte erwähnen. In 
welcher Weise die Zusammenrottung auch statt 
gefunden haben mag, sicher ist, daß am Abend 
des zweiten Ostertages, den 17. April 1525, 
einige tausend Rebellen bereits in der Nähe von 
Fulda lagerten. Einer gewaltsamen Einnahme 
der Stadt bedurfte es nicht, da, wie anderwärts 
auch, die niedere Bürgerschaft offen mit den 
Empörern sympathisirte und es zu einem Ein 
greifen der Obrigkeit nicht kommen ließ. Am 
18. April wurden die Thore freiwillig geöffnet 
und die Bauern, welche stündlich aus den um 
liegenden Dorfschaften Zulauf erhielten, machten 
sich zu Herren der Stadt und besetzten alle Ein 
und Ausgänge. Am Morgen desselben Tages 
hatte sich der Koadjutor Johann III., Graf von 
Henneberg, mit nur wenigen Begleitern, wie er
        

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