Full text: Hessenland (4.1890)

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Der Imperator stand nach dem furchtbaren 
Ringen auch dieses Schlachttages noch achtung 
gebietend da, sodaß die Verbündeten für den 
19. Oktober seinen erneuten Angriff erwarteten. 
Bei den für sein Heer mehr bedeutenden großen 
Verlusten und nachdem er seine letzten Reserven 
daran gesetzt hatte, war es unmöglich für 
Napoleon, ferner Stand zu halten, seine Armee 
würde dann gänzlich aufgerieben worden sein. 
Er beschloß den Rückzug und bestimmte das 
Korps von Rehnier, das polnische unter 
Poniatowski und das von Macdonald, welches 
viele deutsche Truppen enthielt, die, wie die 
Polen für ihn doch als verloren anzusehen 
waren, zur Deckung des Abzugs seiner Franzosen 
aus Leipzig. 
In der Frühe des 19. Oktobers, gedeckt durch 
den Nebel, zogen diese Korps aus den Stel 
lungen gegenüber den Verbündeten ab, während 
die Armee Napoleons schon seit dem vorigen 
Tage durch Leipzig zurückging. Furchtbare 
Stunden gingen dann über die mit Verwun 
deten und Kranken überfüllte, von den Ver 
bündeten angegriffene Stadt, bis durch die 
Sprengung der Elsterbrücke allen noch auf deren 
rechten Ufer befindlichen Truppen des napoleonischen 
Heeres der Rückzug abgeschnitten wurde. 
Bardeleben war in den zahlreichen Kämpfen 
in Schlesien und Sachsen unversehrt geblieben, 
auch die Schlachten bei Leipzig konnten ihm 
nichts anhaben, obwohl sein Bataillon schrecklich 
gelichtet, sein Mantel durch ein Granatstück 
zerrissen und mit Blut und Hirn bespritzt wurde. 
Ueber diese Tage berichtet er „der letzte Rest 
meines Bataillons ist noch für das Interesse 
Napoleons geopfert, wobei aber über mich die 
Hand der Vorsehung waltete." 
Glücklicher als viele Tausende, welche in 
Gefangenschaft geriethen, war unser Freund in 
den Strom der in Unordnung und Gedränge 
abziehenden Massen gerathen, doch als ein Führer 
die von den Kugeln geschlagenen Löcher zeigend. „Wir 
hielten ihn für geisteskrank, zwei Soldaten erboten sich, 
ihn herabzuholen, allein er weigerte sich, ihnen zu folgen. 
Beim Herabstcigen der Soldaten wurde Einer derselben 
von einer Kanonenkugel getödet. Zch wiederholte nun 
dringender meine Bitten an den Müller, herab; akommen, 
er sei es sich und seiner Familie schuldig, sein Leben nicht 
muthwillig zu opfern. Da ertönte seine Stimme tief und 
klagend, wie nur surchlbarer Schmerz und höchster Jammer 
es hervorzubringen vermögen: Frau, Kinder, Vermögen. 
Alles habe ich verloren, habe nichts mehr aus der Welt 
als mein elendes Leben, ich will sterben, wo meine Vor 
eltern starben und glücklich waren! — Das 11. Armee 
korps mußte zurückgehen und bald befand die Mühle sich 
zwischen dem Feuer beider Armeen, wo sie wahrscheinlich 
mit dem unglücklichen Müller zusammengestürzt ist. Der 
Pulverdamps und der hochauswirbelnde Staub verhinderten, 
sie aus der Ferne zu sehen." 
(Nach Aufzeichnungen v. Bardeleben's.) 
ohne Truppe. Die Frage trat an ihn heran, 
wie er sein Verhalten einzurichten habe: das 
Königreich Westphalen war, wenn auch voreilig 
und unbefugt, von dem Russen Czerniczew als 
aufgelöst erklärt worden, König Jeröme hatte 
seine Hauptstadt verlassen. Daß er am 
15. Oktober dahin zurückkehrte, wurde während 
der Schlacht wohl nicht bekannt. Die west- 
phülischen Offiziere hatten keinen Kriegsherrn 
mehr, an welchen ihr Eid sie band. Bis zum 
letzten Augenblicke hatten sie bei Leipzig ihre 
Pflicht erfüllt, jetzt waren die Uebriggebliebenen 
frei, wenn sie nicht eine Selbstaufopferung be 
gehen wollten, der ebensowohl der Grund wie 
ein Zweck gefehlt haben würden. 
Die deutschen Volksstämme waren schon seit 
der Erhebung Preußens in immer größere Auf 
regung gerathen, die Fremdherrschaft wollte man 
um jeden Preis abschütteln, begeistert brachte die 
Nation ungeheuere Opfer an Menschenleben und 
Familienglück jenem hohen Ziele. Die Stim 
mung, durch zahllose Aufrufe und die Siegesnach 
richten genährt und gesteigert, war den West 
phalen in Napoleons Heere nicht verborgen 
geblieben, sie konnte nicht ohne Wirkung sein. 
Der Flüchtling, wieder in dem Schwarme der 
letzten von der Armee des Imperators, der er 
wie in Rußland den Abzug hatte decken helfen, 
entschloß sich in Eckartsberge die französische 
Armee zu verlassen und meldete sich am 
22. Oktober in Apolda bei dem die Franzosen 
verfolgenden Hetman Platow. Der gestattete 
ihm in seinem Korps mitzuziehen, welches noch 
am selbigen Tage ein Gefecht mit der feindlichen 
Nachhut bestand. In Weimar erwartete er 
mehrere Tage die Ankunft des Königs von 
Preußen, welchen er um Anstellung bitten 
wollte. Von hier meldete er am 25. der Gattin, 
daß er lebe und was er zu thun gedenke, sein 
Brief beginnt: „Endlich ist der schöne Tag ge 
kommen, wo ich meinen Dir bekannten, so sehn 
lichen Wunsch, gegen Deutschlands Unterdrücker 
kämpfen zu können, zu verwirklichen angefangen 
habe. . . Mit Vergnügen habe ich daher meine 
beiden Decorationen abgelegt und hoffe, es soll 
mich bald eine andere, mir mehr Freude machende, 
zieren." Es war seine Absicht, sich in das 
Hauptquartier des Königs zu begeben um das 
Gesuch zu betreiben und er verließ Weimar am 
31. Oktober. In Vacha wurde ihm mitgetheilt. 
Kurfürst Wilhelm sei in Kassel — das konnte 
nur Hessens Auferstehung bedeuten, die Liebe 
zum Heimathlande überwog alsbald die Aus 
sichten für den preußischen Dienst, welche durch 
ein Gesuch an Blücher, seinem General im 
Jahre 1807, ihm eröffnet waren. Er begab 
sich nach Kassel, mußte hier aber erfahren, daß
        

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