Full text: Hessenland (4.1890)

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jäger, der vor einigen Jahren verstorbene Pfarrer 
Sallmann, an seine Eltern geschrieben hatte 
und denen wir Folgendes entnehmen. 
„Am 30. Januar Morgens 8 Uhr mußten 
wir nach einer Tags vorher erhaltenen Ordre 
auf dem Rennplatz antreten, um von da nach 
dem Friedrichsplatz, dem Sammelplatz aller zum 
Ausmarsch bestimmten Truppen zu marschieren 
und hier, für manchen wohl zum letztenmal, 
unter Gottes freiem Himmel auf heimischem 
Boden mit den Zurückbleibenden in vereinter 
Andacht den Herrn des Schicksals anzubeten und 
sich und die Seinigen Gottes treuer Vaterhand 
vertrauensvoll zu empfehlen. So groß war die 
hier zusammenströmende Menschenmenge, daß 
alle umstehenden Lindenbäume zu leben schienen 
und es die größte Anstrengung erforderte, um 
Reihe und Glied zu halten. In dem Kreise, 
welchen sämmtliche Truppen bildeten, befanden 
sich der Kurfürst, der Kurprinz, der Landraf 
Friedrich, der Prinz Friedrich und die gesummte 
Generalität. Nach Absingung des Liedes „Was 
Gott thut, das ist wohlgethan", hielt Konsistorial- 
Rath Schnackenberg eine Rede, von der ich aber 
nichts weiter sagen kann, da ich bei dem Getöse 
der umherdrängenden Menge nicht ein Wort 
davon vernehmen konnte. Die Truppen setzten 
sich dann nach dem Frankfurter Thore zu in 
Marsch, der aber bis zur Knallhütte sehr lang 
sam ging, da Tausende uns bis dahin folgten. 
Auch der Kurprinz begleitete uns l / 2 Stunde 
weit. Er wird uns bald nachfolgen, um seine 
Hessen dem Feinde entgegen zu führen." -- 
In allen hessischen Orten wurden die Truppen 
freundlich aufgenommen und häufig auch mit 
Glockengeläute empfangen. Dies änderte sich aber 
bereits auf Darmstädtischem Boden. 
(Fortsetzung folgt.) 
ummer 
reizehn. 
Eine Dorfgeschichte aus Niederhessen, dem Leben nacherzählt 
von A. Veiömmüller. 
Es ist an einem klaren stillen Herbstnachmittag, 
da sind in Heubach zwei Begräbnisse. Das eine 
oben auf dem kleinen, von Tannen umhegten 
Friedhof, das andere unten in einem der arm 
seligsten Häuser des Dorfes. Bei dem ersten 
Begräbniß gibt es Glockengeläute, Gesang der 
Schulkinder und eine erbauliche Leichenrede; bei 
dem zweiten spricht nur ein junges Dienstmädchen 
ein paar mitleidige Worte. Und doch ist das 
ganze große Trauergefolge droben an dem offnen 
Grabe zusammengenommen nicht halb so betrübt, 
wie das eine arme Kind da drunten, das sein 
gestorbenes Glück begräbt. Es sieht freilich nicht 
so aus, die Bauern, welche den mit Kränzen ge 
schmückten Sarg umstehen, machen sehr feierliche 
Gesichter, als der Pfarrer vom Wiedersehen nach 
dem Tode spricht, und das Mädchen in der dürf 
tigen Tagelöhnerhütte lacht, als seine Gespielin 
das Scheiden fürs Leben schwer nennt. Aber es 
ist doch so, auch Bauern können sich verstellen. 
Und wie sollte es auch anders sein? Die Frau 
des Schäfers Oswald, der sie droben die letzte 
Ehre erweisen, hat Niemand reckt leiden mögen. 
Sie ist als geizig und zänkisch im Dorfe und bei ihrer 
großen Verwandtschaft bekannt und gefürchtet ge 
wesen, und den Rausch, den sich der Witwer am 
Vorabend des Begräbnisses geholt hat, hält jeder- 
man für eine berechtigte Freudenäußerung. Die 
arme Martlis Köthe aber, welcher ihre Freundin 
erzählt, der Konrad Mai habe einen Schatz in der 
Stadt, mit dem er jeden Abend an der Hausthüre 
zusammenstehe — die verliert mit dieser Kunde 
allen Trost und alle Hoffnung ihres sorgenvollen Da 
seins. Sie hat den Konrad schon lieb gehabt, 
als sie noch beide barfüßige Kinder waren, die 
Zuneigung zu ihm ist gewachsen, während sie zu 
sammen auf dem Gutshofe dienten, und seitdem 
er zu den Soldaten und sie nach Hause mußte, 
um dem durch den Tod der Mutter verwahrlosten 
Haushalte vorzustehen, da ist der Gedanke an 
den hübschen lustigen Husaren der einzige frische 
Luftzug gewesen, der in die schwüle Atmosphäre 
ihres Lebens hineinwehte. Und nun ist es damit 
vorbei! Wenn nun der Vater murrt und seufzt, 
bald würden sie alle verhungern, und sie bei 
solchen Reden, nachdem sie sich von früh bis spät 
im Tagelohn gequält hat, bis tief in die Nacht 
hinein für die kleinen Geschwister wäscht und 
flickt, dann kann sie sich nicht mehr damit er- 
muthigen: bald kommt der Konrad wieder! Der 
bleibt für sie nun immer, immer aus! Doch 
wozu sich merken lassen, wie schmerzlich der Ver 
lust ist? Das Bärbchen kann ihr mit allem Be 
dauern den Konrad nicht wiederschaffen, es kann 
nur, wenn sie gar zu viel klagt, im Dorf davon 
erzählen, das will sie nicht. Und so verschluckt
	        

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