Full text: Hessenland (4.1890)

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»Steh auf mein Volk von Berg und Thal 
Und stähle Deine Rechten, 
Ist Frankreichs Heer auch ohne Zahl, 
Mit uns ist Gott, wir fechten". 
Und die Miliz steht Tag und Nacht 
In Waffen; zu Gefahren 
Hält sic für Landgraf Wilhelm Wacht 
Mit Trommeln und Fanfaren. 
Und wenn die Kugel pfeift und zieht 
Dem Feinde zum Verderben, 
Tönt Landgraf Wilhelms Lieblingslied: 
„Als Hesse will ich sterben". 
Der Heldengreis! Er tritt heran, 
Die Züge starr, im Grimme, 
Ein Jeder sieht den Landgraf an, 
Es rollt wie Donnerstimme: 
„SD Hessenland! Du treues Land, 
Ihr Helden ohne Wanken! 
Wer sah je reich'res Heldenband 
Sich um die Krone ranken? 
„Es ruft mein Wolf: „„Pallasche raus! 
Kürassiere und Gensd'armen /" 
Die Feinde faßt ein kalter Graus, 
Ja, wehe Euch! ihr Armen. 
„Und dort der Usenburg, der Held, 
Mit dem von Winzingrode, 
Mit Garde und Grenadier das Feld 
Behauptet bis zum Tode. 
„Wo Fürstenberg und Wutgenau 
So furchtlos auf mich trauen 
Und falscher Feinde Spiel so rauh 
Mit Wort und Schwert durchhanen — 
„Wo Geiso und der Gilsa hoch 
Zu Roß und ihre Reiter 
Mit scharfem Hieb des Feindes Joch 
Zerreißen — und nun weiter 
„Des Buttlars Jägerkorps im Lauf 
Und Malsburgs Krieger schlagen — 
Da steht kein Feindesleib mehr auf, 
Wo meine Hessen jagen. 
„Wie einst mein Ahn so unverzagt 
Mit Gustav Adolf kämpfte, 
Und sterbend noch — o tief beklagt! -- 
Des Feindes Stürme dämpfte, 
„Will ich bis auf mein letztes Blut 
Mil Preußen steh'n und halten. 
Drum Hessen auf und halte Hut 
Und laß Dich nicht zerspalten! 
„Der Kampf ist kurz. Der Sieg ist groß, 
Schlagt drein ihr meine Mannen! 
Es weicht kein Heffenfürst dem Stoß, 
Den Mächt'ge stolz ersannen. 
„Seit Heinrichs Zeit, seit Brabants Kind 
Das Löwenbanner schwinget. 
Bricht Hessens Fels den Sturmeswind 
Der durch die Völker dringet/ 
Stimmen der Vorzeit über Land und 
Leute in Hessen. Auf der 1595 zu Köln 
erschienenen Karte von Hessen von Dr. Joh. 
Eichmann (Dryander) ist zu lesen: 
Diese Landschaft gibt nach altem löblichen teutschen 
brauch gute fleißige bawern und verwegene Kriegsleut. 
Wer heut zu Tage den feinen Anstand und das 
taktvolle Auftreten der Marburger Herrn Studenten 
zu beobachten Gelegenheit hat, wird es schwer be 
greiflich finden, daß es in dieser Beziehung einst in 
Marburg ganz anders war. Rudolph Walther 
schrieb von Marburg am 3. August 1540 an 
Heinrich Bullinger, den Freund und Nachfolger 
Zwingli's in Zürich: „Die Zucht der Sitten ist hier 
so beschaffen, wie sie Bachus und Venus ihrem Ge 
folge vorgeschrieben haben. Sich volltrinken, dann 
übergeben, öffentlich in den Straßen herumtummeln, 
dessen schämt sich Niemand, das bringt vielmehr Lob 
und dient zu Scherz und Gelächter. Siehst Du 
einen Studierenden, so wirst Du zweifeln, ob es ein 
Soldat oder Musensohn sei. Warum sollten aber 
auch die Schüler sich nicht so aufführen, da der 
größte Theil der Professoren ebenso zu leben pflegt/ — 
In I. M. von Loen Schriften, Franks. 1752/53, 
S. 429, Bd. IV lesen wir: 
„Der alte Landgraf Karl stellte einen ganzen 
Fürsten dar. Er hatte ein geistreiches und verehrungs 
würdiges Ansehen. Weisheit, Menschenliebe und 
Großmuth drückten sich in seiner erhabenen Bildung 
aus. Alles zeigt an ihm sowohl einen Beschützer 
der Künste und Wissenschaften, als einen würdigen 
Regenten. Prinzen, Prinzessinnen, Adel und Soldaten, 
alles hat an diesem Hof ein ausnehmendes und 
reizendes und reitzendes Wesen. Der äuserliche Glantz 
ist hier mit einer ungezwungenen Höflichkeit und 
beyde zugleich sind mit der Ehrbarkeit verbunden. 
Ueberhaupt habe ich die Hessen, da ich noch in Marpurg 
studieret, ziemlich kennen lernen. Sie sind insgesamt 
schöne und wohlgestreckte Leute; sie haben ein männ 
liches Ansehen und werden mit für die besten 
Soldaten gehalten. Sie haben sich auch als solche 
bei allen Gelegenheiten rühmlich ausgezeichnet; allein 
sie sind dabey zur Verschwendung geneigt und dem 
Trunck ergeben. Sie haben nichts flatterhaftes und 
gezwungenes, sondern sind meist gesetzt und vernünftig, 
männlich, höflich, gefährlich, ernsthaft und wie Tacitus 
die alten Teutschen beschreibet: minax vultus et
	        

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