Full text: Hessenland (4.1890)

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Im O»lf von Genna. 
In früher Dämm'rungsfrische 
Brauste mein Schiff durch's Meer, 
Des Wogenschwall's Gezische 
Trug es von Süden her. 
Mir zog um Stirn und Wangen 
Kühlende Morgenluft, 
Ich sah die Fernen prangen 
Herrlich iin Frührothsduft. 
Da goß auf's Meer die Sonne 
Flammenden Goldes Gluth, 
Daß weit in heil'ger Wonne 
Glänzte die Purpurfluth. 
Und fern, wie Riesenbogen 
Ragend in's Aetherblau, 
Stieg rosig aus den Wogen 
Marmor- an Marmorbau. 
Es stieg im Sonnenglanze, 
Hoch in das Duftgebild, 
Aus lichtem Wolkenkranze 
Genuas Zauberbild. 
Ein Wonneschauer bebte 
Zitternd durch meine Brust, 
Mir war's, als ob ich schwebte 
Selig in Himmelslust. 
Mir war's, als müßt' ich sinkeu 
Hin vor der Schönheit Macht, 
Und trunk'nen Blickes trinken 
Himmels- und Meerespracht. 
tzarl 
Fott es de Wender » seng Kchnet ') 
(Schwälmer Mundart.) 
Fott es de Wender ö seng Schnei, 
Ö bos hä öötfi 2 ) genomme, 
Bie hü gedrocht 3 ) das Hüz herbei — 
De Friehleng es gekomme 
Met nauwer Lost ö Sonnescheng. 
Ber well da wüll noch drührig seng! ') 
Allewerall, i Wahld ö Flür, 
Bie sproßt do nauwes Läwe! 
Gebottsdoh fl feiert die Nadür. 
See schänkt dos Schenste äwe 
Ö kled't sich schie i fresches Grie 
. O leßt fer Dich die Bläume blich 6 ). 
Die Behl do dräuß, groß ö gereng, 
Sich flink ö lostig reejefl. 
See jüweln: „Dü satt frehlich seng. 
So bie mer dersch etzt zeeje: 
Mer sorje net, ernährn ins doch: 
De ahle Härrgött läwt jo noch!" 
Drem off ö fresch die Sorje fott! 
De Braßt 8 ) äus Dengem Häze! 
Gück em Dich, sah, o jehrem Ott 3 ) 
Glich'fl Gottes Freereküze"). 
Verjong Dich doch met der Nadür, 
Vergäß dos Leed ö freew Dich nür! 
Kurt Hkuhn. 
') Fort ist der Winter und sein Schnee. 9) und was 
er auch. 3 ) wie er gedrückt. 4 i mit neuer Lust und 
Sonnenschein. Wer will da wohl noch traurig sein! 
->) Geburtstag. «) Blumen blühn. 7 ) regen. 8 ) Kummer. 
») Ort. w) glühn. >l) Freudenkerzen. 
Aus alter und neuer Zeit. 
i 
Cin Gedicht aus dem stedenjährigen 
Kriege.*) 
Was klagst Du Land, o Heffenlaud, 
Wie Deine Wunden klaffen, 
Vom Maine bis zum Weserstrand 
Starrt alles in den Waffen. 
Du armes Land, Du treues Land, 
Wer reißt an Deinen Hütten? 
Die Feinde drohn. Mit Blut und Brand 
Will Frankreich Dich verschütten. 
Du sollst den Bund mit Preußens Held, 
Mit England darein geben, 
Haus Hessen soll für wälsches Geld, 
Für Frankreichs Macht üur leben. 
,Der Erde gleich! Kein Hessen mehr!" 
So droh'n die stolzen Franken, 
„Ich laß nicht Gott, auch nicht mein Heer!" 
Ruft ohne Furcht und Wanken 
Der Landgraf Wilhelm löwenkühn 
Und läßt die Fahnen wallen, 
Und seine Stimme hell und kühn 
Durch's Hesscngau erschallen! 
*) Vorstehendes Gedicht, dessen Verfasser unbekannt 
| ist, stammt aus dem Nachlasse des Superintendenten 
l Schüler in Allendorf a. d. Werra und ist uns von be- 
! sreundeter Seite gütigst zum Abdrucke in unserer Zeil- 
j schrift überlassen worden. Dem geehrten Herrn Einsender 
! sagen >vir dafür unsern verbindlichsten Dank. D. Red,
        

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