Full text: Hessenland (3.1889)

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früher gesehenes Bild sich meinem Gedächtnis 
fest eingeprägt hatte. Ob Jakob Grimm so 
vergißmeinnichtblaue Augen wie Frau Dr. Claus 
besaß, ob er in seinen jüngeren Jahren solch 
glänzendes goldblondes Haar und eine so frische 
Gesichtsfarbe, wie sie, hatte, weiß ich nicht, aber 
ich muß gestehen, daß ich mir für einen echten 
deutschen Gelehrten seiner Art eine passendere 
Äußerlichkeit nicht denken konnte. 
Frau Dr. Claus stand am Ende der Dreißig, 
da sie als Pflegerin in das königliche Reserve- 
lazareth zu Marburg eintrat. Wer aber ihr 
Alter nicht wußte, Hütte sie unbedingt für viel 
jünger halten müssen. Die ungewöhnliche Frische 
ihres hübschen Gesichtes, ihre weichen Züge imb 
die gewandten Bewegungen ihrer mittelgroßen 
kräftigen Gestalt ließen sie wie eine Zwanzigerin 
erscheinen. Nur manchmal trat eine tief ein 
geschnittene Linie, die sich von der kräftig ge 
bogenen Nase nach dem Munde zog, deutlich 
hervor und gab ihrem Antlitz den Ausdruck der 
itt harten Lebensschicksalen erworbenen Reife vor 
geschrittener Jahre. 
An jenem Frühmorgen, der uns einander 
näher brachte und eine Freundschaft begründen 
sollte, deren Bande erst der Tod gelöst hat, 
fühlte ich mich ungewöhnlich matt und angegriffen. 
Eine entsetzliche Nacht lag hinter mir, eine Nacht, 
deren Schrecken heute noch so lebhaft vor mir 
stehen, als ob ich sie eben durchlebt Hütte. Von 
Abends 8 Uhr bis der Morgen anbrach hatte ich 
bei dem schwerverwundeten Füsilier Röhr vom 
ersten westpreußischen Grenadier-Regiment Nr. 6 
gewacht und während der Fieberphantasien des 
armen Soldaten, der außer einigen anderen 
Verletzungen auch einen gefährlichen, durch die 
linke Lunge bis nach dem Rücken gehenden Schuß 
hatte, eine solche Angst ausgestanden, daß ich am 
anderen Morgen wie ein Geist ausgesehen haben 
soll. Wenigstens sagte mir dies Frau Dr. Claus, 
die sich aufs liebevollste meiner annahm, als 
endlich ein tiefer sanfter Schlaf meinen armen 
Pflegling aus seinen Qualen erlöst und die 
heftige Sehnsucht nach seiner alten Mutter ge 
dämpft hatte. Da es mir wirklich sehr schwer 
um's Herz war, gewährte es mir eine große 
Wohlthat, mich bei Frau Dr. Claus aussprechen 
zu können. Hatte ich doch die Sehnsucht nach 
einem Menschen und das Heimweh noch nie in 
so ergreifender Weise und in solcher Heftigkeit 
auftreten sehen, wie in der letzten Nacht bei dem 
schwer verwundeten Soldaten. Hub seine theils 
klaren, theils verwirrten Äußerungen hatten mich 
um so mehr erschüttert, als dieser Mensch sonst 
ein Held im Ertragen war und mit heiterer 
Miene die qualvollsten Schmerzen erduldete. 
Dazu kam auch bei mir noch die Furcht, er 
möge seiner schweren Wunde erliegen und der 
alten armen Mutter, deren einzige Stütze er 
war, nur allzubald entrissen werden. Erst acht 
Tage zuvor hatte ich der Letzteren geschrieben, 
daß die schwere Wunde zu heilen beginne und 
alle Gefahr überstanden sei, jetzt schauderte mir 
bei dem Gedanken, -der bedrängten Frau, deren 
rührende Briefe heute noch zu meinen werth 
vollsten Andenken aus jener bewegten Zeit ge 
hören, bald etwas ganz Anderes mittheilen zu 
müssen. 
Frau Dr. Claus tröstete mich in meiner 
traurigen Stimmung, sie erinnerte mich daran, 
daß ein Mensch, der mit einer solchen Wunde 
beinahe zwei Tage hinter einem Gebüsch auf dem 
Schlachtfelde gelegen hatte, ohne seinen Geist 
aufzugeben, eine seltene Fülle von Lebenskraft 
besitzen müsse. Und während wir so über die 
Leidensgeschichte des Füsilier Röhr sprachen und 
uns auch über die edlen Anschauungen dieses 
schlichten, bis zu seinem Eintritt in das Grenadier 
regiment nicht über die Grenzen seines Heimat 
dorfes hinausgekommenen Menschen unterhielten, 
trafen wir uns in so viel gemeinschaftlichen An 
schauungen, daß wir uns unwillkürlich beide zu 
einander hingezogen fühlten. Ich als die be 
deutend Jüngere, wagte cs freilich nicht, offen 
auszusprechen, daß meine stille Vorliebe für die 
wackere Kollegin durch dies Gespräch bedeutend 
vertieft worden war, allein ich war sehr glücklich, 
als sie mir sagte, daß sie mich schon lange in's 
Herz geschlossen und nur auf eine Gelegenheit 
gewartet habe, mir dies zu sagen. 
Seit jenem Morgen verkehrten wir täglich in 
herzlichster Weise miteinander. Da wir meist um 
dieselbe Zeit frei wareil, machten wir oft zu 
sammen einen Spaziergang und besuchten uns 
auch gegenseitig. Freilich war ich mehr bei 
Frau Dr. Claus als sie bei mir; denn in ihrer 
stillen Wohnung ließ sich ungestörter plaudern 
als in unserem lebhaften Geschäftshause. Um 
dieselbe Zeit als ich Frau Dr. Claus näher 
kennen lernte, schenkten mir auch zwei andere 
würdige Damen ihre Zuneigung, die ich früher 
nur vom Sehen gekannt hatte. Es war dies 
die leider bereits schon vor Jahren verstorbene 
Frau Justizrath Dr. Wolfs, eine Frau von 
seltener Herzensgüte und weilblickendem Geiste, 
und die älteste von uns Pflegerinnen, Fräulein 
Eleonore Schester, deren unermüdliche und auf 
opfernde Thätigkeit für die erkrankten und ver 
wundeten Krieger man nicht genug bewundern 
konnte. Und diesen drei Damen, von denen 
leider nur die letztgenannte noch meine Er 
innerungen an jene große Zeit theilt, las ich
        

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