Full text: Hessenland (3.1889)

83 
Mitarbeiter nicht fehlen. Wir finden in den 
Jahrgängen 1841 nnd 1842 viele größere Ar 
tikel über Kunst, die ihn zum Verfasser haben. 
Eines Aufsatzes wollen wir hier besonders ge 
denken : „Ueber Malerei" ist derselbe betitelt 
und hat zum Inhalte eine Besprechung der drei 
großartigen Schöpfungen christlicher Kunst, der 
Gemälde „Jüngstes Gericht von Cornelius," 
„Triumph der Religion in den Künsten von 
Overbeck" und „Einführung der Künste durch das 
Christenthum in Deutschland von Veit." 
Kein Anderer war.mehr berechtigt, gerade über 
die Bilder dieser berühmten Meister ein Urtheil 
zu fällen, als Professor Friedrich Müller. 
Sie hatten sich seiner liebevoll angenommen, 
als er zum erstenmal als jugendlicher Maler 
nach Rone kam. Sie hatten ihn eingeführt in 
jene Vereinigung deutscher Künstler, die im Kloster 
S. Jsidoro ihre Heim aufgeschlagen hatten und die 
„Klosterbrüder" oder „Nazarener" genannt 
wurden.*) Peter Cornelius war ihr „Haupt- 
mann." Sie huldigten der religiös-romantischen 
Kunstrichtung, welche W. H. Wackenrvdcr in 
seinem Buche „Herzensergießungen eines Kloster 
bruders" als die allein richtige und erstrebeus- 
werthe hingestellt hatte; sie waren das in der 
Kunst, was die Romantiker Tieck, Novalis, die 
Schlegel in der Literatur waren. Bei ihnen 
herrschte der Katholicismus vor. Viele Mitglieder 
dieser Vereinigung, früher Prvtestautcn, waren 
zu demselben übergetreten. Friedrich Müller 
fühlte sich mächtig von ihnen angezogen, auch er 
that diesen Schritt. Ganz besonderen Einfluß 
hatte auf ihn der berühmte Throler Maler 
Joseph Anton Koch, der Begründer der historischen 
Landschaftsmalerei; dieser diente ihm als Vor 
bild, und wenn Nagler in seinem Künstlerlerikvn 
dem Bilde Friedrich Müller's „Jakob lind Rahel" 
das vollberechtigte Lob einer glücklichen Ver 
bindung des Historischen mit dem Landschaftlichen 
spendet, so verdankt der Künstler diesen Vorzug 
wohl ganz besonders der Kvch'schen Schule. Ein 
gewisser romantischer Zug ist übrigens dem Pro 
fessor Friedrich Müller bis an sein Lebensende 
eigen geblieben. 
Im Jahre 1844 brachen anläßlich der Aus 
stellung des heiligen Rockes zu Trier religiöse 
Wirren aus, die, angeregt durch Johannes 
Ronge, zu in Abfall von der alten Kirche 
und zur Gründung deutsch - katholischer Ge 
meinden führten. Gegen diese Strömung erhob 
Professor Friedrich Müller seine Stimme in der 
*) Hochinteressante Mittheilungen über diese Ver 
einigung gibt Professor H. Knacksuß in seinem aus 
gezeichneten Werke „Deutsche Kunstgeschichte," Bd. II., 
428 flgg. 
Broschüre „Friedenswort zur Lösung der reli 
giösen Streitfrage." Der Zweck dieser Schrift 
geht ans dem Schlußworte derselben hervor: 
„Katholiken und Protestanten sind gleichmäßig 
berufen, deutsche Ehre, deutsches Wissen, deutsche 
Kunst, deutsche Treue und deutsche Frömmigkeit 
zu pflegen. Im gemeinsamen Streben nach 
diesen Gütern muß alle Zwietracht aufgegeben 
werden, dainit der Dom deutscher Freiheit, an 
welchem unsere edelsten Fürsten, unsere größten 
Geister und alle wahrhaften Patrioten bauen, 
noch vor dem Hereinbrechen anderer Stürme 
unter Dach und Fach gebracht sei, und die In 
schrift seines Giebels der deutschen Eintracht ge 
denken mag, welche allein so Großes vollendet!" 
— König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, 
der Romantiker auf dem Throne, ließ den Ver 
fasser dieser Schrift ob der darin kundgegebenen 
Gesinnung durch seinen Gesandten am kurhes 
sischen Hofe, General von Thun, beglückwünschen. 
Professur Müller entwickelte eine ebenso emsige 
wie gediegene schriftstellerische Thätigkeit. Seine 
meisten Schriften, namentlich diejenigen über 
Kunst, veröffentlichte er unter dem Pseudonym 
Federigo. Daneben schrieb er noch viele historische 
Abhandlungen, politische Aufsätze für Zeitschriften 
und Zeitungen, und nicht nur für deutsche, son 
dern auch für Französische nnd italienische, be 
herrschte er doch diese Sprachen ebenso wie seine 
Muttersprache. Er verband scharfe Beobachtungs 
gabe mit sicherem Urtheil und war daher den 
Zeitschriften seiner Richtung ein sehr willkvm- 
mener und geschätzter Mitarbeiter. Es würde 
zu weit führen, wollten wir seine Schriften einzeln 
aufzählen, nur seines Hauptwerkes wollen und 
müssen >vir hier gedenken. Es ist: Kassel seit 
siebenzig Jahren, zugleich auch Hessen unter vier 
Regierungen, die westfälische mit einbegriffen, 
geschildert auf Grund eigener Erlebnisse. Der 
erste Band erschien 1876, der zweite 1879 im 
Verlage der E. Hühn'schen Hofbnchhandlung. 
Dieses Werk umfaßt die Geschichte Kassels vom 
Anfange dieses Jahrhunderts bis in die 70er 
Jahre. Es liefert ein treues Bild des Lebens 
in unserer Vaterstadt, es stellt eine sorgfältige 
Chronik der denkwürdigen Ereignisse nicht nur 
Kassels, sondern Kurhessens überhaupt während 
dieses Zeitraums dar, und sollte in keiner hes 
sischen Familie fehlen. Sein Werth wird ein 
dauernder bleiben. 
In hessischer Zeit stand Professor Müller 
in nahen Beziehungen zu den auswärtigen Ge 
sandtschaften am kurfürstlichen Hofe, nicht nur 
zu der österreichischen nnd französischen, sondern 
auch zu der preußischen. Durch seine genaue 
Kenntniß der hiesigen Verhältnisse, durch seine 
Gewandtheit, seine Diskretion und stete Bereit-
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.