Full text: Hessenland (3.1889)

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Hoffman» und Escher von der Linth schickten sich 
zu ihrer sicilianischen Reise an und versuchten 
den jungen Kollegen zu überreden, mit ihnen zu 
gehe». Philippi lehnte ab; die bekannten, zwin 
genden Gründe, ließen ihn seine Rückkehr nach 
Deutschland vorbereiten, um dort endlich mit 
seiner medicinischen Praxis den wünschenswerthen 
Anfang zu machen. Doch die andern Beiden 
drangen im Verlaufe etlicher Tage wiederholt 
in ihn. Schließlich, um der Sache ein Ende zu 
machen, theilt Philippi ihnen mit, daß nicht so 
wohl der unbändige Drang als Arzt zu prakti 
zieren, wie die zwingende Nothwendigkeit eines 
schwindsüchtigen Geldbeutels ihn zur Heimreise 
bestimme. „Wenn's weiter nichts ist", meinten 
die andern, „wir haben Geld genug für uns 
Dreie. Können Sie uns später einmal unsere 
Auslagen zurückerstatten, so wird es uns freuen, 
als ein Zeichen, daß es Ihnen gut geht; wenn 
aber nicht, dann verschlügt es uns auch noch 
nichts." Philippi nahm endlich an und ging mit. 
Von da ab, bekennt er selbst, fühlte er in sich, 
daß er für die Medicin verloren war; es be 
seelte ihn nur noch der Wunsch, ein Naturforscher 
zu werden. 
Nur kurz ist die Zeit, während welcher er, 
aus Italien zurückgekehrt, sich in Deutschland 
dem ärztlichen Berufe widmete. Denn schon im 
Jahre 1835 sehen wir ihn als Lehrer ins 
Kollegium der Höheren Gewerbeschule zu Kassel 
eintreten, deren Direktor er schließlich bis zu 
Ende des Jahres 1850 blieb. — In den Jahren 
1838—1840 lebte Herr Dr. Philippi zum zweiten 
Male aus Gesundheitsrücksichten in Italien, 
diesmal in Begleitung seiner Familie; und in 
Neapel war es, wo ihm damals sein einziger 
noch lebender Sohn, der heutige Professor an 
der Universität und Direktor des botanischen 
Gartens zu Santiago, geboren wurde. 
In Kassel wurde Philippi einer der Gründer 
des heute noch eristirenden dortigen Vereins 
für Naturkunde und während seines ganzen 
Kasseler Aufenthaltes blieb er Präsident und 
Direktor desselben. Philippi ist übrigens von 
den damaligen Stiftern des Vereins der einzige 
noch lebende. 
Im Revolutionsjahre 1848 wurde es ihm zur 
Pflicht gemacht, kurhessischer Staatsbürger zu 
werden; er wurde bald darauf in den städtischen 
Ausschuß und im folgenden Jahre in den Stadt 
rath gewühlt. Die folgende Besetzung Hessens 
durch österreichische und bayerische Truppen führte 
bekanntlich den Sieg der Reaktion herbei. Es 
folgte jene traurige Zeit unter Hassenpflug. Da 
litt es unsern Mann nicht mehr im Hessen 
lande. Er nahm seinen Abschied ans dem 
Staatsdienste und siedelte nach Karlshütte bei 
Delligsen in Brauschweig über, wo ihm sein 
treuer Freund Dr. Koch eine Wohnung einge 
räumt hatte. Schon im Jahre 1851 wanderte 
er nach Chile aus. Damals war sein Bruder 
Bernhard Philippi, der schon anfangs der vier 
ziger Jahre ausgewandert war, von der chile 
nischen Regierung als Generalagent nach Hamburg 
gesandt worden, um eineregelmäßigeEinwanderung 
deutscher Elemente einzuleiten. Bei der großen 
Unzufriedenheit des deutschen Volkes mit den 
damaligen Zuständen im Vaterlande gelang es 
dem Abgesandten auch eine erhebliche Zahl ehr 
barer deutscher Familien mit sich nach Chile ;u 
führen, unter ihnen diejenige seines Bruders, 
unseres Dr. R. A.Philippi. Leider sollte Magallanes 
in dem neuen Vaterlande ein widriges Geschick 
ihm und den Seinigen bald einen schweren 
Schlag versetzen. Man hatte nämlich den Bruder- 
Bernhard Philippi nach seiner Rückkehr aus 
Hamburg als Gouverneur von Magallanes nach 
Punta Arenas gesandt, wo die Kolonie durch 
Patagonier kurz vorher zerstört war. Indische 
List und Verschlagenheit heuchelte jedoch bald 
Freundschaft. Sie kamen sogar und machten 
einen feierlichen Besuch beim Gouverneur, ihn 
freundschaftlichst zur Erwiderung desselben in 
ihem Lager einladend. Als nun dies im November 
des Jahres 1852 geschah, wurde der Gouverneur 
nächtlicherweile mit fast allen seinen Begleitern 
erschlagen und die Leichname durch Dick und 
Dünn hinter den Pferden hergeschleist. An 
scheinend fiel Bernhard Philippi als ein Opfer 
der Blutrache, immerhin aber als ein Pionier 
der Kultur. Niemals ist von ihm wieder eine 
Spur entdeckt worden; obwohl es nicht an ge 
wissenlosen Schwindlern gefehlt hat, welche 
in gewissen Zeitintervallen versucht haben, der 
Familie Philippi Geld unter dem Vorgeben ab 
zuschwindeln, daß der Gouverneur noch als Ge 
fangener unter den Patagoniern lebe und man 
seinen Aufenthalt kenne. 
Zuerst lebte der Dr. Philippi auf seiner Be 
sitzung in San Juan, Provinz Valdivia; aber 
im Juli 1853 wurde er zum Rektor des Lyceums 
von Valdivia, der im Aufblühen begriffenen 
deutschen Kolonie, ernannt. Zwar hatte schon 
vordem in Valdivia ein Lyceum bestanden, doch 
war dasselbe wieder eingegangen. Dasjenige 
welches jetzt daselbst existirt, ist von Philippi 
durchaus neu eingerichtet worden. Schon im 
Oktober desselben Jahres wurde er zum Direktor 
des Nationalmuseums in Santiago, sowie zum 
Professor der Botanik und Zoologie an der 
Universität von Chile ernannt. Es ist das ein 
wichtiges Ereigniß insofern, als, wenn einmal 
die Geschichte der chilenischen Pädagogik ge 
schrieben werden wird, man wird berichten müssen,
	        

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