Full text: Hessenland (3.1889)

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Zeitwirren einen schlichten, geraden Sinn be 
wahrte wie nur wenige. Schmeichelei war ihm, 
der mit den Großen der Erde so viel zu schaffen 
hatte, völlig fremd. Einst prahlte^ ein Herr von 
hohem Adel, aber Wohl ohne große eigene Ver 
dienste mit den Vorrechten seines Standes und 
verstieg sich zu der Behauptung, im Himmel 
wären für die Fürsten besondere Stühle aufge 
stellt. Bemelberg bestätigte es ihm mit der frei 
müthigen Antwort: „Ja, gnädiger Herr, ich hab's 
auch gehört, daß die Sessel da sein sollen, aber 
der mehrere Theil gar bestaubt, daß der Staub 
höher denn spanndick darauf liege." Im Sinne 
dieser Schlichtheit ist auch seine Anhänglichkeit 
an die alte Religion zu erklären; für ihn, den 
Kriegsmann, gab es keine Irrgläubigen, er hielt 
cs nicht für seine Sache, sich in die Streitigkeiten 
der Gottesgelahrten zu mischen; und weil er in 
diesem Streit der verschiedenen Meinungen, der 
erbittert hin und her wogte, die Entscheidung zu 
fällen sich nicht selber anmaßen mochte, hielt er 
bei der Religion seiner Väter aus, die diesen 
recht gewesen war; wollen wir niit ihm darum 
rechten? Aber daß er duldsam gegeil Anders 
gläubige war, dafür haben wir mehr als bloße 
Vermuthungen. — Das Gebiet, auf dem er 
Lorbeern pflückte, war das Kriegswesen. Hier 
reiht er sich würdig den ersten Männern an; 
und wenn auch sein Genosse Schertlin als Feld 
herr den Vorrang verdient, so gebührt unserm 
Bemelberg der erste Preis als Oberster der 
deutschen Landsknechte, nachdem sein Lehrmeister 
Frundsberg von der Bühne abgetreten war. Er 
war ein Vater der Landsknechte wie dieser und 
hochverehrt wie dieser; ihm strömten von allen 
Seiten die Knechte freudig zu; aber er war ein 
strenger Vater, der auf Ordnung und Zucht 
unter denen hielt, die sich ihm anvertraut hatten. 
Seine Meinung darüber haben wir schon oben 
erfahren; sie erhellt auch aus der folgenden ver 
bürgten Thatsache. Im Jahre 1552 wurde 
einem Landsknechtsführer, dein Hauptmann 
Sebastian Vogelsberger, einem geborenen Elsässer 
aus Weißenburg, der vom Kaiser abgefallen war 
und dem König von Frankreich wider jenen ge 
dient hatte, der Proceß gemacht, und er zum 
Tode verurtheilt. In seiner Verzweiflung wandte 
er sich an Bemelberg: „Herr Konrad, ist mir 
nicht zu helfen?" Der antwortete: „Mein Bastian, 
helfe euch unser Herr Gott!" Und der Unglückliche 
getröstete sich dessen: „Der wird mir auch helfen." 
So stellt sich unsern Blicken das Bild dieses 
Mannes in anziehenden und wohlthuenden Zügen 
dar, so daß wir Konrad von Bemelberg ohne 
Bedenken den edelsten Vertretern des Ritter 
standes, den Sickingeu, den Hutten, den Berlichingen 
anschließen dürfen. Auch er ist wie die genannten 
Männer ein Mitglied jenes eigenthümlichen 
Gliedes in dem Organismus des alten deutschen 
Reiches, das zwar von oberflächlichen Beurtheilern 
viel geschmäht und für vieles verantwortlich ge 
macht worden ist, das aber doch in allen Zeiten 
sich nützlich, ja unentbehrlich erwiesen hat: der 
Reichsritterschaft; und er verpflanzte den alten 
Stamm der Boineburge in das Schwabenland, 
wo er, der katholischen Lehre treu geblieben, den 
schwäbischen Ritter-Kantonen am Kocher und an 
der Donau einverleibt, erst in unserm Jahr 
hundert (1826) mit dem Freiherrn Alois von 
Bemmelberg erlosch. Sein Stamin ist verdorrt, 
aber das Andenken an den wackern und treuen 
Landsknechtsoberst Konrad von Bemelberg wird 
in deutschen und besonders in hessischen Landen 
nicht erlöschen. 
fußüäum eines deutschen Greises in 
antiago. 
Am 14. September 1888 feierte Professor 
Ur. Rudolf Amandus Philippi, eines 
der würdigsten Mitglieder der deutschen Kolo- 
nieen Chile's, in Santiago seinen achtzigsten 
Geburtstag. Der allgemein hochgeachtete Ge 
lehrte ist bei dieser Gelegenheit Gegenstand von 
Ehrungen gewesen, welche ihm und den Seinen 
die Wertschätzung, deren er sich sowohl im Kreise 
der deutschen Landsleute als darüber hinaus, 
hauptsächlich bei der chilenischen Nationalität 
erfreut, in deren Dienst er ja den größeren Theil 
seines erfolgreichen Lebens unermüdlich thätig 
gewesen ist, deutlich dargelegt haben. 
Professor Philippi war 1835 als Lehrer der 
Naturgeschichte und Geographie an die hiesige 
polytechnische Schule, die „höhere Gewerbeschule", 
wie sie officiös hieß, berufen worden. In dieser 
Stellung verblieb er bis zum Schluffe des Jahres 
1850; in den letzten Jahren seiner hiesigen 
Wirksamkeit war er Direktor dieser Anstalt, die 
sich durch die Tüchtigkeit ihrer Lehrkräfte in den 
30er und 40er Jahren eines ausgezeichneten 
Rufes erfreute. Er war einer der Begründer 
des vor nunmehr 53 Jahren dahier gestifteten, 
heute noch in der schönsten Blüthe stehenden und 
eine anerkennenswerthe Wirksamkeit entfaltenden
        

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