Full text: Hessenland (3.1889)

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helfe Ihnen, Sophiechen!" Dann geht er nach 
Haus. 
Er ist tief ergriffen, es drängt ihn, Sophiechens 
Geschichte zu schreiben. 
Und er schreibt sie, schreibt sie sv, daß Alles 
lebendig wird, was in Herz und Seele dieses ein 
fachen Bürgerkindes von Anbeginn gelebt hat, er 
schreibt und ihm ist, als läge Sophiechens inner 
liches Leben vor ihm wie ein offenes Buch — 
nichts bleibt ihm verborgen, von ihren Hoffnungen, 
Enttäuschungen,ihrer Verzweiflung,ihrer Sklaverei, 
ihrem Verlust. 
Es wird eine Geschichte aus der Tiefe des 
Volkslebens, voll herzlicher Wahrheit, unge 
schminkter Wirklichkeit und dichterischer Allwissen 
heit — ein Meisterwerk in seiner Art; er schreibt 
daran mit fliegender Feder, den ganzen Abend, 
die ganze Nacht hindurch und schließlich schildert 
er, was Sophiechen an ihrem Buben wohl erlebt 
hätte, wäre er ihr erhalten geblieben, und da 
fließt ihm iu die Feder all der Grani, all das 
Herzeleid um das eigene entartete Kind. 
Draußen aber i» der Schenke vor der Stadt 
schreien die ganze Nacht hindurch die Geigen, und 
der Wind trägt wilde, losgerissene Trompeten 
töne bis hinüber in die Stille des Gebirges 
Dort feiert Prinz Carneval seinen Ball; tolle 
Masken schwingen freche Schöne, und Heinrich 
jubelt am tollsten und fühlt sich wohl in der 
WinterIdylle. 
Nieder fallen weiße Flöckchen, 
Auf den Straßen liegt der Schnee. 
Fern her tönt der Schlitten Glöckchen, 
Zugefroren ist der See. 
Von Krystallen sind umringet 
Bäum' und Sträucher überall, 
Nicht ein einzig Vöglein singet, 
Schlummernd ruht der Wasserfall. 
Und ein tiefes ernstes Schweigen 
Ruht auf schlafender Natur, 
Schwarze Krähen nur sich zeigen 
Auf des Feldes weißer Flur. 
Einsam auf beschneiten Wegen 
Zieh' zum Dörfchen ich allein, 
Will der Winterruhe Segen 
Mich in ihm so ganz erfreu'«. 
Endlich bin in seiner Mitte, 
Schon das Försterhaus ich seh' 
Dort hin führen meine Schritte 
Knisternd in den tiefen Schnee. 
Gesellschaft, welche tief unter ihm steht in socialem 
Rang, und wo er den Prinzen mit doppeltem 
Erfolge spielen kann; er lügt, prahlt, trinkt und 
flucht, und auf seinen aufgeregten, weingerötheten 
Zügen liegt jener Ausdruck der Ausgelassenheit 
und Zügellosigkeit, der so erschreckend zeigt, wie 
ähnlich der Mensch dem Thiere wird, wenn er 
die Herrschaft über sich selbst verliert. 
Bis zu der Zeit, da der Mond rund und ver 
schlafen in der Morgendämmerung untergeht, schrillt 
die Musik und dann taumeln die tollen Nacht 
falter nach Hause. Im Wirthshause liegen zer 
brochene Gläser, Tarlatanfetzen und zertretene 
Stoffblumen, aber auch Prinz Carneval liegt 
dort auf einem Divan und verschläft seinen 
Rausch, der Letzte auf dem Plan. 
Die Aschermittwochglocken läuten in's Land — 
da erwacht Heinrich mit tüchtigem Katzenjammer, 
er wirft sein buntes Narrencostüme ab, wäscht 
das graue, verlebte Gesicht und macht sich mit 
einem Gefühl der Ernüchterung und der Geldnoth 
ans den Weg zu feinem „Alten". 
Aber beS Alten Haushälterin empfängt ihn mit 
wirrem, verweintem Gesicht — Herr Peters hat die 
ganze Nacht durchgearbeitet—und da sie am Morgen 
nach ihm sah, saß er, den Kopf tief auf seine letzte 
Novelle gebeugt und rührte und regte sich nicht 
— Herr Peters war todt. 
Primel, Tulpe, Hyazinthe 
Grüßen mich vom Fenster schon, 
Doch im trauten Stübchen finde 
Ich des Ganges höchsten Lohn. 
Denn hier sitzt am Schnurre-Rädchen, 
Schöner wie die Blumen sind, 
Ein gar wunderlieblich Mädchen, 
Sie, des Försters einzig Kind. 
end' Wever. 
St. Clisalieth-örunnelr. 
(Schröcker Brunnen bei Marburg.) 
O klare, edle Quelle, 
Wie du gelabt mich hast ! 
O feuchte, kühle Zelle, 
Wie lädst du ein zur Rast! 
Wie fegn' ich diesen Gang! 
Ich möchte träumend lauschen 
Dem Plätschern und dem Rauschen 
An dieser trauten Stelle 
Noch viele Stunden lang!
	        

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