Full text: Hessenland (3.1889)

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einen wüsten, häßlichen Menschen, der sie prügelte 
und quälte. 
Da erklärte er sich, warum das Sophiechen 
blaß und kummervoll geworden war. Am nächsten 
Tage geht er in den kleinen Kurzwaarenladen des 
Färbers, es ist ein trübes, dunkles Gelaß in 
einer engen Straße. An den Wänden hängen 
zu färbende Röcke und Mäntel, auf hohen Gc- 
fächern liegt Bauniwollzeug, Kattun und billiger 
Wollstoff unordentlich geschichtet —^ die blauen 
Hände des Färbermeisters zeichnen sich auf dem 
offenen zahlenwimmelndcn Kontobuch ab — Herr- 
Peters schaudert, wenn er denkt, daß hier Menschen 
arbeiten und athmen müssen. Er tritt ein, ohne 
daß es die lahme Schelle der Mühe werth hält, 
seine Ankunft zu melden, er muß sie einige 
Mal mit dem Stocke rühren, ehe sie ihre Schuldig 
keit thut und nun erscheint Sophiechen hinter 
dem Ladentisch und reicht ihm die baumwollenen 
Handschuhe, die er verlangt — sie muß lange 
nach dem selten begehrten Artikel suchen und 
Herr Peters hat genügend Gelegenheit zu beob 
achten, daß der frische Glanz aus den blauen 
Augen gewichen ist, daß zwei scharfe Falten 
die Mundwinkel der neunzehnjährigen Frau 
niederziehen. 
„KennenSiemich noch, Sophiechen ?" sagt Peters 
und reicht ihr die Hand. 
„Gewiß, Herr Peters!" entgegnete sie, und 
ein Zug der alten, lieblichen Kindlichkeit tritt in 
ihr Gesicht. „Sie waren immer freundlich zu 
mir — als ich noch in die Schule ging — und 
nun — nehmen Sie es mir aber nicht übel, 
Herr Peters, daß ich davon zu sprechen wage, 
und nun freue ich mich immer so sehr — wenn 
ich das Wochenblatt mit einer Erzählung von 
Ihnen zu lesen bekomme." 
Sie kommt sich unbescheiden vor, als sie so 
spricht und erröthet tief; das Wochenblatt ist 
ein kleines Volksblatt, dem Herr Peters zuweilen 
eine Geschichte aus Mitleid umsonst giebt — und 
in diesen Geschichten leistet er sich den Luxus, zu 
schreiben, wie er will. 
Aber Herr Peters freut sich so sehr über dieses 
Interesse von Sophiechen, als hätte eine Groß 
herzogin ihm ein Kompliment gemacht — denn 
er weiß wohl, das ächte unverfälschte Volk hat 
den schärfsten Blick für das Wahre und Ur 
sprüngliche in der Literatur. 
Er wollte Sophiechen über ihr eigenes Schick 
sal fragen — aber das war leichter gedacht als 
gethan. Es ist schwer, einen Menschen nach 
seinem Unglück zu fragen, wenn er nicht selber 
davon spricht. Herr Peters kam wieder nach 
Hause, ohne von Sophiechen etwas über ihre 
Lage gehört zu haben, trotzdem hatte er Vieles 
auf ihrem Gesicht gelesen. 
Wieder einige Zeit später sah er Sophiechen? 
Mann mit der Kinderfrau zur Kirche gehen. 
Die Kinderfrau trug ein weißes Bündel auf dem 
Arm. Da hörte Herr Peters, daß Sophiechen 
einen kleinen Knaben hatte. 
„Welch ein Glück für die arme Frau!" dachte 
er — aber gleich darauf hielt er inne: „Kinder 
sind nicht immer ein Segen!" fügte er seufzend 
hinzu. Dann sehte er sich nieder, nahm von 
dem letzten Novellen-Honorar einen Hundert 
markschein und schickte ihn an Sophiechen. „Einen 
Gruß an den kleinen Jungen!" schrieb er dabei. 
Das war vor drei Jahren gewesen. — Nun 
also war der kleine Bube gestorben. 
Herr Peters schlug den Weg ein nach dem 
Färberhaus, vor dessen Thüre sich eine Schaar- 
Kinder drängte. Nach Landessitte war die kleine 
Leiche im offenen Flur ausgestellt. Da lag das 
blasse Wachsbildchen im reich golden-lackirten Sarg 
im steifen Battistkleid, das Myrthenkränzchen 
auf den blonden Löckchen, die sich noch so trotzig 
um das kecke Knabenköpfchen rollten. Kerzen, 
billige, dünne Kerzen flackerten neben der Leiche 
und bogen ihre dünnen Lichtfackeln ängstlich hin 
und her vor dem Zug, den die Ein- nnd Aus 
gehenden verursachten; Sand knisterte unter Herrn 
Peters Füßen — hinter der angelehnten Thüre 
des Putzzimmers im Färberhaus tönten Männer 
stimmen; dort versammelte sich das Leichengeleit 
und stärkte sich vorher durch einen Trunk. 
Herr Peters trat in den Ladenrauni. Dort 
saß Sophiechen, mutterseelenallein, den Kopf an 
die Wand gelehnt, auf einem Stuhl. Als Herr 
Peters eintrat, hob sie den Kopf, und da sie in 
sein mildes, ernstes, trauriges Gesicht sah, wußte 
sie, daß er für sie fühlen konnte. Er streichelte 
ihr rauhes, wildes, vernachlüßigtes Haar, wie er 
einst den glatten Scheitel des Kindes gestreichelt. 
„Armes Kind!" sagte er, „ich meine, Sie wären 
gestern noch ein Kind gewesen und nun haben 
Sie selbst ein liebes Kind verloren!" 
Nun hab' ich nichts mehr auf der Welt!" 
sagte sie. 
„Aber einen Fürbitter im Himmel! — Sophiechen. 
Zuweilen spart Gott einem Menschen und denen, 
die ihn lieben, viel Weh und Leid, wenn er ihn 
früh holt." 
„Es war ein so goldiges Bübchen!" 
Da erheben die schweren, alten Thurmglocken 
des Städtchens ihre Stimmen; draußen auf dem 
Gange tönen ein paar dumpfe Hammerschläge, 
die den Deckel festschlagen über Sophiechens Kind; 
dann schwere Tritte — fort — hinaus. 
Die junge Frau liegt vor Herrn Peters auf 
der Erde, die Hände vor's Gesicht geschlagen; 
einige Nachbarsfrauen haben sich versammelt; 
Herr Peters neigt sich noch einmal zu ihr: „Gott
        

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