Full text: Hessenland (3.1889)

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Er reifte zunächst nach Rom, um in dieser Kunst 
metropole seine Studien fortzusetzen. Dort empfing 
er ein Jahr und einige Monate später im Belvedere 
des Vatikans die Nachricht von dem Ableben des ihm 
so gewogenen und wohlwollenden Kurfürsten Wil 
helm I. durch keinen Geringeren, als den Kron 
prinzen von Bayern, den nachmaligen König Lud 
wig I., der damals in Rom weilte und mit den Künstlern 
gern und viel verkehrte und dem die Kunde durch seinen 
Münchener Kourier überbracht worden war. — In 
Rom gab sich Friedrich Müller den eifrigsten Studien 
hin, er bildete sich namentlich als Historienmaler aus, 
vernachlässigte aber durchaus nicht die anderen Zweige 
seiner Kunst. Dort trat er zur katholischen Kirche 
über und verheirathete sich daselbst mit Donna 
Adelaida Mancini aus Ariccia, die ihm eine treue 
und für sein und der Familie Wohl unermüdlich be 
sorgte Lebensgenossin bis an ihr Lebensende war. 
Friedrich Müller fühlte sich besonders von den 
Werken der älteren Meister angezogen, nach ihnen 
bildete er sich, wie denn überhaupt die Vollendung 
dieses Künstlers in die letzte Zeit der hohen wahren 
Begeisterung für die ältere ideale Kunst fällt. Er 
gehörte der Schule von Peter Cornelius an, mit 
diesem, sowie mit Friedrich Overbeck, den Haupt- 
vertretern der christlichen Kunst, stand er in regem 
Verkehr. Eines seiner vorzüglichsten Gemälde, welches 
er in Rom malte, die hl. Elisabeth, theilte noch die 
Vorzüge jener Epoche. Dieses Bild ist in dem be 
rühmten Werke „Nonumcnts de l’histoire de 
Sainte Elisabeth, Duchesse de Tburinge, d’apres 
Th. Galdi, A. Origagna, A. de Fiesoie, 8. Boticelli, 
L, de Leyde, F. Overbeck, F. Mueller, H. Schwan 
thaler etc. et divers basreliefs, statues etc., 
recueillies par le Comte de Montalembert (Paris 
1838)“ abgebildet. Später malte er Jakob und 
Rahel, und der entschiedene Beifall, welcher dieses 
mit viel Empfindung und edler Einfachheit 
komponirte Bild auch in landschaftlicher Hinsicht er 
hielt, bestärkte seine Vorliebe zu jener romantischen 
Verbindung des Historischen mit dem Landschaftlichen 
auf das Lebhafteste. Es machte dieselbe von nun an 
den fortwährenden Gegenstand seines Studiums aus.*) 
Nachdem sich Friedrich Müller noch einige Zeit in 
Paris aufgehalten hatte, folgte er 1827 dem Rufe 
seines Landesherrn, des Kurfürsten Wilhelm II., nach 
Kassel, um im neuen kurfürstlichen Residenzschlosse 
Arbeiten von sehr bedeutendem Umfange zu über 
nehmen. Er machte viele Skizzen und Entwürfe, 
allein der ursprüngliche Auftrag kam nicht zur Aus 
führung und so kehrte er nach dreijährigem Aufent 
halte in Kassel wieder nach Rom zurück. Während 
seines zweiten Aufenthaltes in der ewigen Stadt 
malte er die Hirten, welche das Jesuskind in der 
Krippe anbeten, und die italienische Hochzeit, eine 
allbeliebte historische Komposition. Im Jahre 1832 
erhielt er einen Ruf als Professor und Lehrer im 
Malen für das historische, Landschafts- und Thier- 
malerebFach an die Akademie der bildenden Künste 
zu Kassel, den er annahm, um nun für immer in 
der hessischen Residenzstadt Kassel zu bleiben. 
(Schluß folgt.) 
*) Wir folgen hier den Angaben in Nagler's „Neues 
allgemeines Künstlerlexieon", 9. Rand. S. 560 ff. München 
1840 und in Klunzinger's und Seubert's „Neuestes 
Künstlerlexikon", 3. Band, S. 139, Stuttgart 1864, sowie 
Privatmittheilungen von Familienangehörigen des Ver 
blichenen. 
kirn letzte Novelle 
von W. Herberk. 
(Schluß.) 
Es wäre eine schöne Zeit gewesen, voll von 
Reiz und künstlerischer Anregung — hätte nicht 
Heinrich gar zu viel den schönen, römischen 
Mädchen und dem süßen, berauschenden Weine 
der Osterien vor den Thoren der alten Tiber 
stadt gehuldigt. Wenn der Vater trunken von 
der Schönheit Rafaels inid der Tiefe und Kraft 
Michel Angelo's heimkam — fand er nicht selten 
den jungen Sohn trunken von anderen, ganz 
anderen Genüssen. Bitter empfand er, daß es 
wohl leicht ist für den Einzelnen emporzusteigen 
zu idealer Höhe, daß aber die stärkste Kraft oft 
nicht ausreicht, einen einzigen Menschen mit sich 
emporzutragen. Dennoch, trotz tausendfacher 
Enttäuschung hatte er nie aufgehört, Heinrich zu 
lieben und auf seine endliche Besserung zu hoffen. 
Aber Heinrich war in Italien wie er in Deutsch 
land war, und als sie aus Italien zurückkehrten, 
war er in Deutschland noch ein wenig schlimmer, 
denn er hatte sich im Süden vollständig an das 
dolce far uiente gewöhnt. 
Nach dieser Rückkehr aus dem gelobten Lande 
aller Künstler hatte Herr Peters zum ersten 
Male wieder von Sophiechen gehört. Er war 
ihr in der Straße begegnet, müde, verweint in 
früh zerstörter Jugend und hatte sich nach ihr 
erkundigt. 
Sophiechens Vater hatte Bankerott gemacht, 
und die Tochter mußte, um dem gänzlichen Ruin 
Einhalt zu thun, einen fremden Färber heirathen,
	        

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