Full text: Hessenland (3.1889)

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des Prinzen Hermann, des Sohnes von Moritz, 
dessen geographischen Darstellungen der Winkel- 
mannffchen Beschreibung und der Merian'schen 
Topographie von Hessen zu Grunde liegen. Nur 
von einem der hessischen regierenden Fürsten im 
15. Jahrhundert, von Ludwig I. dem Fried 
fertigen wird berichtet, daß er weder lesen noch 
schreiben konnte, weil seine Eltern infolge des 
frühen Todes der drei älteren Prinzen zu ängst 
lich waren ihn anzustrengen; daß er aber dennoch 
ein weiser und gerechter Fürst gewesen sei, auch 
ein gutes Verständniß für deutsche Rechtsverhält 
nisse gehabt habe. Wie trotz solchen Mangels 
gut und trefflich regiert werden konnte, ist für 
unsere schreib- und redselige Zeit nicht leicht zu 
fassen, kann aber damals nicht so schwer em 
pfunden worden sein, da uns aus nur wenig 
späterer Zeit noch erzählt wird, „daß ein Thilo 
von Berlepsch, als sein Stammesvetter Hans 
mit 12 Söhnen gestorben war, erst durch einen 
Feldzug und Eroberung zur Herausgabe des 
verfallenen Lehens gezwungen werden mußte, 
weil er die ihm zugestellten Schriftstücke uner 
brochen bei Seite legte, da er sie doch uicf)t lesen 
konnte und sich einem Mönche nicht anvertrauen 
wollte", und noch Moritz zur Hebung der-geringen 
Bildung des hessischen Adels seine Hochschule, 
das spätere collegium Mauritianum errichten 
mußte. Für alle Zeiten bezeugt ist diese hohe 
Bildung des hessischen Fürstenhauses durch den 
Ehrennamen „der Gelehrte", welcher zwei hessischen 
regierenden Fürsten mit Recht beigelegt worden 
ist, Hermann (1376—1413) und Moritz (1592— 
1627 [32]), die beide durch öffentliche Akte ihre 
hohe Gelehrsamkeit bewiesen hatten. Nachdem 
Hermann auf den Universitäten zu Paris und 
Prag studirt hatte, erwarb er ans der letzteren 
zuerst unter den Deutschen öffentlich und in 
Gegenwart Kaisers Karl IV., des Gründers der 
Hochschule, und vieler Großen des Reichs den 
Titel eines magister artium liberalium, und 
Moritz bestand schon in seinem 15. Jahre eine 
öffentliche Prüfung in der lateinischen, griechischen 
und hebräischen Sprache, der Poesie, Logik, 
Ethik, Geschichte und Religion so ausgezeichnet, 
daß er alle in Erstaunen setzte, sodaß Daniel 
Eremita in der „itinere Germanico“ p. 370 
von ihm sagt: Graece et Latine exacte, His- 
panice, Italice et Gallice notuit, et invidiam 
Mithridatis quoque famae fecit. Wir erlauben 
uns einen kleinen Beitrag zur Erziehung dieses 
Prinzen hier anzufügen. 
Den ersten Unterricht ertheilte dem Prinzen 
Tobisss Hombergk, ein Gelehrter, dem Crocius 
in seiner Rede auf den Tod des Landgrafen 
Moritz (in rnonurnento sepulc) chrahli Mauritii 
P. 2. p. 9) ungeteiltes Lob zollt. Dieser Lehrer 
behandelte seinen Zögling sehr streng, was den 
Schüler aber nicht entfremdete. Moritz belehnte 
viehlmehr nach dem Aussterben der Familie von 
Netra seinen Lehrer 1596 mit Kleinvach, wo 
Tobias die dort noch jetzt befindliche Kirche 1598 
bauen ließ nebst einem Erbbegräbnis der Familie, 
welche in ihren im Großherzogthum Hessen vor 
handen Nachkommen noch jetzt das Patronat der 
Pfarrei ausübt. Aus nachstehendem Schreiben, 
welches Hombergk als Antwort auf einen etwas 
oberflächlich in lateinischer Sprache vom Prinzen 
geschriebenen Brief an diesen richtete, wird mau 
die strenge Zucht des Lehrers genügend erkennen: 
Summae spei Principi Mauritio 
Hassiae Landgravio Illustrissimo 8. 
Redditae mihi sunt ipso Michaelis die 
cuiusdam, ut yocant, Michaelis Germanici, hoc 
est idiotae et liberalis doctrinae expertis, 
litterae rüdes et plus quam pueriles. Tuas 
esse nemo mihi persuaderet, nisi id summa 
cum molestia et pudore ex epistolae principio 
et subscriptione manum Tuam nonnihil agno- 
scens tandern coniicerem. En tot annorum 
fructum ! En tot laborum meorum insignem 
effectum, tuae eruditionis argumentum! Scri- 
pseram ad Te ut me certiorem redderes si 
forte reditum Vestrum quem quotidie prae- 
stolabar differri sentires, ne diuturna nostra 
disiunctio, quae tarnen profecto Tibi optime 
cupientibus hic consiliariis periculosa videtur, 
D. Patrem non immerito offenderet. Sed Tu 
(quae supina Tua et perpetua negligentia) ad 
haec nihil, ut appareat, Te litteras vel non 
legisse vel non intellexisse. Scribis inepte, 
scribis plebeio sermone manu quidem cuiusdam 
parasiti ad offam properantis. Quid si eam 
epistolam tanquam Tuam, pro qua tarnen ego 
non agnoscam sed Vulcano tradam, doctis 
viris vel consiliariis nostris qui mecum ver- 
santur, Tui singulis fere horis mentionem 
faciunt praeclaram, sermonibus suis publice 
privatimque praedicant et ob eruditionem, uti 
increbiut, in coelum, quod aiunt, tollunt, quid 
si inquam his viris ostenderem? bone Deus, 
quantam existimationis Tuae iacturam faceres ! 
At de his coram pluribus: interim noli fide- 
lissime monentis uti Tui studiosissimi expostu- 
lationem hanc, vel si mavis querelam, susque 
deque ferre cui vel anima sua cariores. Litteris 
eleganter scriptis offensionem hanc omnem 
facile obliterabis. Rescribe igitur. Mittuntur 
omnia quae Laconice in schedula illa annotari 
curaveras. Vale. 
Casellis*Ao. 86 Sept. 
T. T. fid. praeceptor 
T. Homberg.
        

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