Full text: Hessenland (3.1889)

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die Straße entlang und Herr Peters sieht ihnen 
nach. Plötzlich fällt es ihm auf, wie die Leute 
eilig aus den Häusern stürzen und neugierig 
nach der Hauptstraße drängen. Dort tönt Halloh 
und Gejauchz, und über den Häuptern des armen 
in graue Lumpen gehüllten Volkes blitzt es auf 
von Scharlach und schreiendem Blau. Da fällt 
es Herrn Peters ein, daß heute Fastnacht ist. 
Prinz Karneval halt seinen Umzug im Flecken. 
An einem der Durchgangsgäßchen bleibt der Alte 
stehen und sieht den kleinen, bunten Narrenzug 
vorüberbrausen. Prinz und Prinzessin Karneval 
voran im bunten Flitter auf weißen Gäulen — 
dann Wagen mit Leuten aus Kamerun, schwarz 
berußte Mohren, weiß bestäubte Harlequins, 
ungeheuerliche Thiermasken — toller Unsinn — 
ausgeführt. mit kleinstädtischer Erbärmlichkeit. 
Nur Prinz Karneval ist ein glänzender Kavalier 
— sein Kostünl ist nicht von Futterkattun gleich 
dem der Andern — sondern von Sammt und 
Seide; und er hält eine große Champagnerstasche 
in der Hand. Aus deren silbernen Hals quillt 
der köstliche Schaum und lachend trinkt der lustige 
Prinz der gaffenden Menge zu. Herr Peters 
kennt diese ausgelassenen übermüthigen Gesten 
nur zu gut. 
Mit einem seltsam schneidenden Herzweh sieht 
er dem Zuge nach. Also Heinrich , den er zehn 
Stunden weit von hier entfernt in seinem Ge 
schäfte glaubte, ist schon den ganzen Tag über 
im Städtchen gewesen, ohne ihn auch nur zu 
begrüßen. Heinrich hat zu dieser neuen, tollen 
Ausgabe den Vater gar nicht um Erlaubniß 
gefragt. Heftiger Zorn schüttelt plötzlich das 
Herz des alten Mannes; aber da sagt er sich 
mit dem lebendigen Gerechtigkeitsgefühl, welches 
ihn stets die Ursache der Verschuldungen Anderer 
erkennen läßt: „Deine eigene Schuld hat den 
Jungen zu dem gemacht, was er ist. Du hast 
ihn nie erzogen, du hast ihn verzogen. Nun 
mußt du sehen, wie du ihn durchbringst." 
Das Jubeln und Hussahschreien verklingt in 
der Ferne und Herr Peters hört wieder das 
dünne Kinderstimmchen sagen: 
„Der Madame Grünen ihr kleines Kind ist 
gestorben." 
„Madame Grünen!" 
Herr Peters denkt nach — da sieht er weit 
zurück im Lande seiner Erinnerung. — Das 
große alte vorübergebeugte Schulhaus, dessen 
Giebel so schief nach der Seite hängt wie der 
berühmte Thurm zu Pisa, die gelbangestrichenen 
Fensterleisten bilden einen angenehmen Kontrast 
zu der abgebröckelten grünen Wasserfarbe an den 
Wänden. Auf der großen, abgetretenen Stein 
treppe davor kniet ein kleines, schmächtiges Mäd 
chen. Das Kind trägt ein verwaschenes, blaues 
Baumwollkleidchen und dünne Strümpfe. Die 
langen, magern Arme kommen eckig aus den 
kurzen Aermeln, und die kleinen Hände verun 
stalten Ringe von geschnürten blauen Glasperlen; 
sie sind Sophiechens höchster Stolz. Die blonden 
Haare sind fest in vieltheilige Flechten gedreht 
und am Hinterkopf sinnreich in einen Bretzel 
gewunden. 
Färbers Sophiechen liegt auf den Knieen und 
reibt den Griffel an den Steinen, daß er spitz 
werde. Aber sie will immer eine zu entschiedene 
Spitze erlangen, und dann bricht der Schiefer 
ab — und Sophiechen beginnt unermüdet von 
vorne. 
Ja, wie die Zeit vergeht. Herr Peters hat 
längst nichts inehr mit der Erziehung der Jugend 
zu thun, und Färbers Sophiechen ist schon so 
lange Madame Grünen. Herr Peters seufzt. 
Welch ein seltsames, kleines Geschöpf doch Färbers 
Sophiechen war! 
Er erinnert sich ihrer, wie sie unter der Thüre 
des niederen Färberhauses steht imd einen jungen 
Hund in den Armen trügt, den sie nachdenklich 
betrachtet. 
„Warum siehst Du ihn so traurig an, Sophie 
chen?" fragt Herr Peters, der damalige Rektor, 
der mit einem Pack zu korrigirender Schüler 
hefte vor der kleinen Person stehen bleibt. 
sagt sie ihre blauen Augen groß auf 
schlagend, „er wäre doch gewiß gern ein Mensch 
geworden und kann doch nichts anderes sein, 
als ein Hund!" Er hatte das Kind um der 
Aeußerung willen in sein Herz geschlossen. 
Später verlor er sie aus den Augen, bis ihm 
eines Tages beim Kirchengang ein gar liebliches 
Frauenbild auffiel, das schlank und züchtig daher 
wandelte unter den Bürgerstöchtern der kleinen 
Stadt — da strich er sich über die Stirne; denn 
nichts lehrt uns so sehr das Verblühen des 
eigenen Lebens, als das Emporwachsen des jungen 
Geschlechtes. „Meilenzeigcr unserer Tage!" hatte 
er geflüstert. 
Dann war Herr Peters auf Reisen gegangen 
und hatte mit Heinrich, seinem Sohn, ein ganzes 
Jahr unter dem blauen Himmel von Italien 
verlebt. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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