Full text: Hessenland (3.1889)

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dem Ruhme besser die Hand bieten zu können. 
Sein Geist wäre srei genug dazu gewesen, aber 
sein Herz konnte nicht los. Er blieb ein stiller, 
einsamer Mann, der aktuelle Novellen schrieb 
und einen Sohn ernährte, der ein unliebens 
würdiger Taugenichts war. Heinrich schien mit 
einem jener Köpfe und Herzen auf die Welt 
gekommen zu sein, die von Natur ein Leck im 
Boden haben. Was man auch hineintrichtert, 
es bleibt nichts darin. Sein Gemüth war von 
Anfang an wie eine glatt geschlissene Basalt 
kugel, sie rollt dahin und nimmt keinen Eindruck. 
Heinrich war zu nichts auf der Welt gut. Er 
hatte auf dem Gymnasium herumgelungert und 
auf der Universität gebummelt, ja, er war nie 
zu einem Examen zugelassen worden. 
Endlich brachte ihn der kummervolle Vater 
als Volontair in einem Engrosgeschäft unter. 
Heinrich war faul, verschwenderisch, selbstsüchtig, 
dumm und lieblos, aber dennoch opferte Herr 
Peters sich für den Schlingel auf. Sein Weib 
war ja um seinetwillen gestorben und sterbend 
hatte sie gesagt: „Du niußt dem Jungen Mutter 
und Vater sein!" und so hatte Herr Peters dem 
Kinde niemals wehe gethan, weil er die mütter 
liche Zartheit ersetzen wollte. Unser guter Wille 
macht oft die gröbsten Fehler. Herr Peters 
hatte Heinrich jeden Wunsch erfüllt — aber das 
Kind war ein Mann geworden und forderte 
noch heute die Erfüllung eines jeden Wunsches 
von dem Vater mit derselben Rücksichtslosigkeit 
und Unbedenklichkeit. Und Herrn Peters Geduld 
wurde größer mit Heinrich's Wachsthum, er 
drückte die Basaltkugel an das Herz und meinte, 
eines Tages müsse sie doch erwärmen. Er glaubte 
zuweilen, wenn er sein Aeußerstes für Heinrich 
gethan, dann müsse Heinrich doch einmal herzlich 
und dankbar werden — vor allen Dingen hätte 
es ihn sehr gefreut, hätte der Sohn nur ein 
einziges Mal ein kleines, kleines Interesse für 
seine Geschichtchen und Novellen gehabt. Hin 
und wieder war es vorgekommen, daß ihm der 
eine oder andere Fernstehende sagte oder schrieb: 
„Ich hab' Ihre Sachen mit Interesse gelesen" 
— „Ihre Gedanken treffen sich mit den meinen!" 
Aber Heinrich — Gott bewahre — der las nur 
französische und deutsche Kolportage-Romane, 
und aus diesen nur die bedenklichsten Stellen. 
Herr Peters hätte sich aber eher die rechte 
Hand abhauen lassen, ehe er damit ein Wort 
geschrieben hätte, das ein Kinderohr verletzt 
hätte. Dennoch war Heinrich das treibende 
Motiv in Herrn Peters poetischen Leistungen, 
der Schlüssel zu dem Heller'schen Spielwerk. 
Heinrich hatte noble Passionen. Er liebte ein 
„schneidiges Auftreten", und Freunde, die reicher, 
vornehmer und von höherem Stande waren als 
er selbst. Solche Freundschaften kosten nach vielen 
Seiten viel. 
Wenn Heinrich seinem Vater eine lange Rech 
nung seines Pariser Schneiders oder über die 
Kosten eines Champagner-Frühstücks präsentirte, 
dann fühlte der Vater eine große Anregung und 
schrieb eine Novelle, lustig, geistsprühend, oder 
traurig, wie sie für das Blatt, für welches er 
schrieb, eben paßte. 
Herr Peters nahm seinen Stock und ging 
hinaus. Die frische Luft vertrieb ihm die Grillen. 
Es war ein vorzeitig warmer Tag. Die Sonne 
brannte schon Sommerstecken auf die Haut, 
während Einem noch die Hände erfrieren konnten. 
Ein unangenehm trügerisches Wetter; die Kinder 
trauen ihm und die Alten hüllen sich wärmer 
ein als je. Kommender Frühling! Eigenthüm 
liches Leben weckt seine Ahnung in den ab 
gelegenen Straßen des Nestes. 
Leise zog die graue, feindliche Stimmung, die 
der Umgebung jeden Reiz absprach, aus Herrn 
Peters Seele. Die kleinen Leute sieht er dem 
Frühling förmlich entgegen gehen. Sie begegnen 
Herrn Peters mit Hacken, Grabscheiten und 
Handwagen. Er biegt in eine zweite Gasse ein, 
da kommt eine seltsame Prozession auf ihn zu. 
Lauter kleine, ärmlich gekleidete Knaben und 
Mädchen, wenigstens zwölf an der Reihe. Sie 
sind alle rein gewaschen, frisch gekämmt und so 
entsetzlich pomadisirt, daß die hübschen blonden 
Haare dunkel und naß um die Stirnen liegen. 
Den Jungen sind mit Gewalt die Locken hinter 
die rothen Ohren gestrichen und den Mädchen 
hängt der Zopf chinesenhaft gerade den Rücken 
herunter. Einige haben ganze Schuhe an, aber 
den Meisten gucken die Zehen aus großen, 
klaffenden Löchern, dennoch sehen Alle sehr feier 
lich aus, sehr wichtig und sehr vergnügt — denn 
jedes trügt einen grünen Buchsbaumkranz mit 
roth gefärbten Immortellen und einer ungeheueren 
weißen Atasschleife von billigster Qualität in 
den weit vorgestreckten Händen, es sind Todten- 
kränze. 
Herr Peters hält den Führer der kleinen 
Schaar an. 
„Zu wem tragt ihr denn die Kränze?" 
„Zur Madame Grünen! Der Madame Grünen 
ist ihr kleines Kind gestorben!" 
Der rothbackige Bengel lacht, während er diese 
Antwort giebt; er ist überhaupt nur noth- 
gedrungen traurig, wenn er Prügel bekommt, 
und daß Sterben ein ernstes Ding ist, wissen 
nur die Großen, welche über die Tiefen und 
Höhen des Lebens gegangen sind, die Kleinen, 
Reinen, Unschuldigen kennen nichts davon, außer 
daß es schön ist, Flügel zu erhalten, mit denen 
man den Himmel erreicht. Die Kleinen trippeln
        

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