Full text: Hessenland (3.1889)

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schwenderisch gegeben. Stellen diese Menschen 
ooch unmögliche Anforderungen an das Leben — 
liegt es darin? 
Grete senkte den Kopf und wehrte den Thränen. 
Sie hatte keine Antwort auf diese Frage, wußte 
auch nicht, warum sich dieselbe in ihr Denken 
drängte. Es ließ sich doch, bei ernstem Wollen 
mit so Wenigem glücklich sein in dieser Welt. 
Vielleicht würde das auch Rudi noch lernen, wenn 
er wieder genesen — er war ja heute viel mun 
terer als damals, wo die Geschichte mit Erika 
— —. Sogar an Amanda dachte er, von der 
er sonst niemals etwas hören wollte. 
Aber das Elend — das grundlose Elend — 
das mußte wohl da draußen in der Welt liegen. 
Wie oft war Rudi in früheren Zeiten zerfahren 
gewesen, unzufrieden, ohne einen besonderen Un 
glücksfall, wie er doch eigentlich solchen Stimm 
ungen vorangehen müßte. Wozu grübelte er auch 
über Dinge, die nicht zu ändern waren und wollte 
Unmögliches erstürmen? 
Das Elend!! 
„Grete, geh' lieber heute gleich mit mir zu 
Bette," sagte Frau Ruppius, die wieder ins 
Zimmer zurückgekommen war, ohne daß Jene es 
bemerkt hatte; „Du siehst müde aus." 
„Ich komme gleich, Tantchen, nur einen Angen 
blick, ich muß erst meinen Rundgang durch Haus 
und Garten machen, — ich hätte das beinahe 
vergessen." 
Und sie eilte zur Thüre hinaus, aus Angst, 
Frau Ruppius könne anfangen von Rudi zu 
sprechen und das wäre ihr an diesem Abende 
unerträglich gewesen. Ihre Tante schien es ja in 
ihrem Mutterglücke kaum zu bemerken, wie sehr 
sich Rudi verändert hatte — und sie selbst, sie 
wußte, ihre Thränen ließen sich nicht dämmen, 
wenn sie diesen! Leid Ausdruck geben sollte. — 
„Ich will sehen, ob Rudi schon aufgewacht ist, 
Grete, und ihm dann sein Frühstück an's Bett 
bringen," sagte Frau Ruppius am andern Morgen 
zu ihrer Nichte, die am Fenster des Wohnzimmers 
stand und gedankenversunken — wie sie es sonst 
auf ihre Schürze that — gegen die Scheiben 
trommelte, „meinst Du nicht auch?" 
„Es ist noch sehr früh," sagte Grete, auf die 
Schwarzwälderuhr an der Wand blickend, die erst 
Trost 
Verzage nicht, mein armes Herz, 
Wenn Dich des Lebens Sturm bedroht! 
Derzweiste nicht in bangem Schmerz, 
Hoff' auf ein goldnes Morgenroth! 
aus sechs zeigte, „aber Rudi hat vielleicht keine 
gute Nacht gehabt, es wäre immerhin gut, wenn 
Du leise nach ihm sehen wolltest." 
Sicher hat Rudi nicht gut geschlafen, dachte 
Grete, als Frau Ruppius nicht zurück kam — 
er wird wach sein — wir hätten sonst nicht Beide 
diese Nacht solche Unruhe gehabt. Wenn die Tante 
es sich auch nicht eingestehen will und alles auf 
das Glück wirft, ihn dort drüben im Zimmer 
zu wissen — sie leidet dennoch! Und dann die 
fieberhafte Art seines Gebahrens gestern Abend! 
Sie ging seufzend zum Tische, zündete den 
Spiritus unter der kleinen Wiener-Kaffeemaschine 
an, die Rudi einst mitgebracht hatte, und ordnete 
die Tassen. Während das Wasser zu zischen be 
gann, wurde es nach und nach hoffnungsfreudiger 
in ihrem Herzen. Vielleicht hatte Rudi doch ge 
schlafen und er wollte den Kaffee gemeinschaftlich 
mit seiner Mutter und ihr trinken, die Tante 
blieb ja auch unerklärlich lange aus. 
„ ©trete!!" 
Wer hatte den Angstruf ausgestoßen? Aber 
ohne sich selbst Antwort zu geben, riß das Mäd 
chen schon die Thüre auf, die zu Rudi's Zimmer 
führte — und blieb vom Schmerze erstarrt auf 
der Schwelle stehen. 
Mutter — bei Dir sterben zu können — das 
— war mein vergieb mir! 
Diese Worte berührten noch wie ein Hauch — 
als hätten sie die Lüfte geathmet — Grete's 
Ohr — und dann sah sie wie der Kopf eines 
Sterbenden an seiner Mutter Schulter lehnte und 
der Tod sich nach und nach über sein Antlitz 
breitete. Die Augen starr auf die ergreifende 
Gruppe gerichtet, sank sie in die Kniee nieder und 
betete laut. 
Auf dem vergrämten Gesichte der Mutter lag 
neben dem Schmerze dennoch ein heiliger Friede, 
wie auf dem des Sohnes. Sie hatte ihn ja 
wieder gefunden ihren Rudi für alle Zeit — und 
da draußen in der Welt, da geschah ihm kein 
Leid mehr. 
Und Grete mußte an die Gruppe der kiotä 
in der Kapelle von Birkenau denken, wo die 
Mutter ihren sterbenden Sohn ini Arme hält — 
und wie von höherem Geiste erleuchtet, verstand 
sie den Sinn dieser allmächtigen, duldenden Liebe! — 
Die Sterne blinken voller Pracht, 
Sie grüßen Dich aus Himmelsau'n. 
Wenn Du vom Schlummer bist erwacht, 
Wirst Du den Frieden Gottes schau'n. 
ß. tzhr. A. Krause. 
-5-Ä-S
	        

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