Full text: Hessenland (3.1889)

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thüre und war in wenigen Sätzen neben Mutter 
und Sohn. 
Aber die Hand, die sie dem Vetter entgegen 
streckte, sank wie gelähmt zurück, denn der Schein 
der Straßenlaterne siel auf sein fahles Gesicht 
und zeigte kranke — beinahe sterbende Züge. 
„Fehlt dir etwas, Rudi?" fragte sie mit einer 
Theilnahme in der Stimme, die ihren gewöhnlich 
harten Klang beinahe adelte. 
„Ich bin vor der Zeit alt und morsch geworden, 
Grete, sonst nichts," antwortete er lächelnd, während 
er versuchte den neckischen Ton anzuschlagen, wie 
er ihn mit dem Mädchen gewohnt war, „und ich 
habe mich nicht so gut konservirt wie Du; merk 
würdig, Mutter, sie tappt immer noch mit ihren 
Fingern auf der Schürze herum, wie sie es vor 
zwanzig Jahren gethan hat." 
Und Grete trommelte jetzt in der That mit 
ihren großen Händen auf der breiten Schürze, 
um ihrer Bewegung Herr zu werden. 
Auch Rudi suchte, während er beherzter über 
die Schwelle des Hauses schritt, seine Aufregung 
zu verbergen, denn seine Augen hatten das Ge 
sicht der Mutter gestreift und da den Schmerz 
und die Sorge gelesen, die sein Zustand ihr be 
reiten mußte. 
Hatte er etwas anderes als Kummer auf ihre 
Wege gegeben? 
Aber als sie jetzt oben im Zimmer angekommen 
waren und er ihre beiden Hände ergriff, da sah 
er in ihren Zügen nichts als Liebe, und es kam 
ihm der tröstende Gedanke, daß diese Liebe ihr 
doch wohl allzeit nur Glück gegeben habe und 
die Sorgen und Schmerzen ausgewogen, die er 
ihr bereitet hatte. 
„Mütterchen, wie traut und herrlich ist es bei 
Euch," sagte er, als er in dem bequemen Sessel 
saß, den ihm Grete zum Tische gerückt hatte, 
und die warme Bouillon schlürfte, die sie so 
meisterhaft zu bereiten verstand, „einen solchen 
Platz giebt es dennoch nicht da draußen in der 
Welt." 
Frau Ruppius wehrte den Thränen und Grete 
sah starr in sein Gesicht. 
So hatte er in früheren Jahren niemals ge 
sprochen, wenn er flüchtige Tage zu Hause gewesen 
war und seine Gedanken immer dort in der Welt 
zurück gelassen hatte. Konnte dieselbe ihm heute 
kein Glück mehr geben? 
„Aber warum hat Dich Theodora verlassen, 
Rudi?" fragte Frau Ruppius endlich, die Augen 
immer auf seinem blassen Gesichte, „Du bist 
leidend und bedurftest der Pflege." 
Rudolf zuckte die Achseln, dann sagte er, während 
er mit der Gabel das Fleisch zurücklegte, das er 
nicht zu essen vermochte, „ich wollte gern von 
Dir gepflegt sein, Mütterchen, auch bereitet Nie 
mand in der Welt die Fleischbrühe, wie unsere 
Grete. 
„Und was Theodora angeht," fuhr er nach 
einer Weile fort — die Augen starr auf seinen 
Teller, „Du lieber Gott, sie ist jung und will 
glücklich sein — ich alter Invalide bin ihr längst 
nicht mehr angenehm — ich —" 
„Aber Rudi, um Gotteswillen," unterbrach 
ihn die Mutter, während Grete mit den Thränen 
kämpfte, „scherze nicht mit so ernsten Dingen, 
wie sollte eine Frau glücklich sein, wenn ihr 
Mann —" 
„Wie Ihr alles tragisch nehmt, Kinder," ant 
wortete er, den Kopf hebend und wehmüthig auf 
die beiden Frauen blickend, in deren reines Em 
pfinden das Leben keinen Makel gegeben, „ich selbst 
habe sie fortgeschickt, sie soll sich amüsiren, ihre 
Natur bedarf des — voilä tout. Uebrigens bin 
ich nicht so krank, Mutter — nur müde. In 
dieser gesegneten Ruhe und bei Gretes Fleisch 
töpfen werde ich bald wieder ausschlagen lernen 
wie früher, gebt Acht! Und nun geleite mich in 
mein Allerheiligstes, Mutter, unter den blassen 
Betthimmel, den Grete wohl Kanzleiraths Amande 
zum Trotze da aufgethürmt hat. 
„Sie wird wohl nicht schöner geworden sein in 
der Zeit, die Amanda," fuhr er fort, während 
er sich erhob und Grete seine Hand zur „gute 
Nacht" bot, „daß ich auch damals nicht anbeißen 
wollte — morgen erzählst Du mir von ihr, Grete, 
die alte Geschichte, Du weißt, wie sie nach Bres 
lau reiste und mit einem Gebisse zurückkam, — 
weil sie gehört, ich würde kommen — und wie 
ich dann nicht kam. Werde auch der Frau Kanzlei 
rath meine Aufwartung machen und ihr danken 
für das lebhafte Interesse, das sie allzeit für 
meine Person an den Tag gelegt hat." 
„Rudi sprich nicht so viel," mahnte seine Mutter, 
ihn sanft zur Thüre drängend, „Du hast etwas 
Fieber und gar nichts gegessen, ich werde Dir 
ein Chininpulver zurecht machen —" 
„Nur mein Bett, sonst nichts, Mütterchen, die 
Reise hat mich müde gemacht." Und während 
er seine Mutter durch die Thüre gehen ließ, wandte 
er sich noch einmal zurück und reichte die Hand 
zum zweitenmale seiner Kousine, ein langer herz 
licher Blick streifte dabei Gesicht und Gestalt. 
„Gute Nacht, Grete, bei Euch vergißt sich alles 
— selbst Berufssorgen — und Elend — gute 
Nacht!" 
Und Elend! - Auch ohne daß Rudi es aus 
gesprochen, hatte Grete es in seinem Gesichte 
! gelesen. Elend — wie es im Kinderherzen zu 
j keimen beginnt, unscheinbar und winzig und dann, 
wenn es nicht ausgerottet wird, wächst und wächst 
! — ein giftiger Parasit großer Charakterzüge — 
| als wolle die Natur ausgleichen, wo sie zu ver-
        

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