Full text: Hessenland (3.1889)

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Rudi hatte lange nicht geschrieben, immer 
seltener in der letzten Zeit, und obwohl sie an 
seine sprunghafte Art in allem was er that, ge 
wohnt war, so begann sie doch jetzt, da ihr letzter 
Brief abgegangen war, alle möglichen Hindernisse 
zu befürchten, die seinem Kommen im Wege liegen 
könnten. 
Grete ahnte von allem Dem nichts, sie putzte 
und ordnete inzwischen, und unter ihren Händen 
gestalteten sich die einfachen Räume immer schöner 
und reizvoller. In dem Wohnzimmer hatte die 
blaue Tapete, die Rudi immer geschmacklos ge 
funden, einer altdeutsch gemusterten weichen müssen, 
und sie hatte die blendenden Musselingardinen 
so künstlerisch um die Fenster drapirt, daß die 
Tante meinte, sie fühle sich fremd im eigenen 
Zimmer. Erst als die Geranien, Orchideen und 
Monatsrosen wieder das eine der Fenster um 
dufteten und der Kanarienvogel im vergoldeten 
Käfig — ein Geschenk Rudi's — in die schöne 
Herbstsonne hineinjubelte, lächelte sie und dachte 
an ihren Sohn. O, er war in dem kleinen Heim 
kein Fremder geworden, das wußte sie, was auch 
die Welt da draußen ihm geben mochte, er — 
„Tantchen, nun komm," rief Grete aus dem 
anderen Zimmer heraus, „komm und sieh, jetzt 
ist auch das Schlafzimmer der Beiden fertig." 
Frau Ruppius, der Grete um sie zu schonen, 
alle Arbeit abgenommen hatte, ließ das Mädchen 
gewähren und die Dinge ordnen nach ihrer Weise. 
Als sie aber jetzt über die Schwelle des Zimmers 
trat, blieb sie überrascht stehen. Die beiden ein 
fach angestrichenen Bettstellen, in welchen Rudi 
und Theodora schlafen sollten, hatte Grete mit 
duftigem, mattgelben Stoffe umhangen, mit rosa 
Seidenschleifen genestelt und somit alle Schäden 
verhüllt, welche die an Eleganz gewöhnten Augen 
der Beiden beleidigen konnten. Der alte, an 
gestrichene Tisch, an welchem sich Rudi in längst 
vergangener Zeit zu waschen Pflegte, war frisch 
in Marmorton gefirnißt und trug zwei neue 
rosa Waschgeschirre, bei deren Anblick Grete die 
Hände immer wieder freudig ineinander schlug. 
Das alte Sopha war mit Arbeiten ihrer Hände 
überdeckt und für die Tante ganz unkenntlich ge 
worden. Sogar der alte Teppich hatte einem 
neuen weichen müssen. 
Die arme Frau stand noch immer auf der 
Schwelle, aber ihr Gesicht war blaß und starr 
geworden. 
„Grete, wo hast Du das Geld zu allem dem 
hergenommen? ging es endlich zaghaft über ihre 
Lippen. 
„Das Geld, Tantchen? Haben wir nicht ein 
Saldo von 150 Mark? Aber davon laß' uns 
heute nicht reden," wehrte sie mit der Hand, als 
Frau Ruppius Miene machte etwas zu entgegnen, 
„wir Beide haben uns so lange kein Vergnügen 
gegönnt — ich denke der liebe Gott —" 
„Aber wir wissen ja noch nicht einmal ob 
Rudi kommen wird, Grete", unterbrach sie die 
zitternde Frau, während sich ihre Hände inein 
ander falteten, als müsse mit diesen Worten auch 
ein Gebet zum Himmel steigen, „wir haben noch 
keine Antwort, obgleich —" 
„Doch, doch, Tantchen, wir haben eine Ant 
wort," jubelte Grete, während sie einen Brief 
aus ihrer Tasche zog und ihn triumphirend in 
die Luft schwang. 
„Wahrhaftig, Rudi's Handschrift," sagte Frau 
Ruppius denselben ergreifend, und sie betrachtete 
ihn von allen Seiten, als müsse sie erst die Freude 
auskosten, die ein süßes Erwarten in sich trägt. 
Grete legte den Arm um die Tante und ge 
leitete sie zurück in das Wohnzimmer, zu dem 
altgewohnten Sitz am Fenster, wo ihre Brille in 
dem Arbeitskorbe lag, der auf dem breitbeinig«» 
alten Nähtische stand. Sie hatte sich hinter den 
Stuhl gestellt und nachdem Frau Ruppius mit 
zitternden Fingern das Couvert zerrissen hatte, 
lasen beide zu gleicher Zeit: . 
„Ich komme Samstag, Mütterchen, aber ohne 
Theodora und Udo, die beide seit einigen Wochen 
in Meran sind. Erschrick nicht, wenn Du mich 
etwas verändert findest, ich war in der letzten 
Zeit nicht ganz wohl, hoffe aber bei Dir und 
Grete zu genesen." 
Frau Ruppius ließ den Brief in den Schooß 
fallen und weinte. Sie sollte ihren Sohn wieder 
haben, ihren Rudi, so wie in alter Zeit, -7- sie 
konnte die Freude kaum fassen. Auch Grete 
weinte, weil er ihrer zu gleicher Zeit mit seiner 
Mutter gedacht hatte. 
„Du bist doch nicht besorgt um Rudi's Gesund 
heit, Tantchen?" fragte sie, sich über die alte 
Frau neigend. 
„O nein, nein, das kann nicht von Bedeutung 
sein, sonst würde Theodora nicht mit dem Kna 
ben in's Bad gereist sein. Du siehst ja auch, 
daß er schreibt, wie er bei uns zu genesen ge 
denke." 
„O, wir wollen ihn schon pflegen, Tante," 
sagte Grete beherzt; ich gehe sogleich hinunter 
in die Stadt znm Metzger und sorge für die 
besten Stücke Fleisch während seines Hierseins — 
und in den schönen Pavillon im Garten, wo er 
immer so gerne saß, oa werde ich die neue Matte 
legen, die ich immer — als habe ich eine Ahnung 
gehabt — so sorgfältig verwahrte." 
Und während Grete, den Kopf voll der kleinen 
Dienstleistungen, die sie in selbstloser Liebe so 
bereitwillig für Andere hatte, zur Thür hinaus 
ging, nahm die blasse Frau wieder den Brief 
zur Hand und ließ ihre Augen über die theuren
        

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