Volltext: Hessenland (3.1889)

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um die Lehre vom Darlehn — „wie Puchta 
will, auszuschließen, heißt gar nichts, es ist 
„schlächtes Geschwätz"! Meinen kann jede Frau 
Bas! Ja, wenn wir eine Klage aus dem nintunrn 
von Seiten des mntunm accipiens gegen den mu- 
tuum dans hätten, ja dann wäre es etwas anderes, 
die haben wir aber nicht, Herr Puchta!" — 
Bei Erörterung des successiv graduum et 
ordinum in locum praedefuncti parentis ließ 
er sich wie folgt vernehmen: „Vangerow's Mei 
nung ist ein wahres Hexengebräu. Sehen Sie, 
meine Herrn, da ist's einem gerade so, als er 
hielte man rechts und links Ohrfeigen. So eine 
Verwirrung, wie sie hier in einem juristischen 
Kopfe herrscht, wie bei Vangerow, ist mir noch 
nicht vorgekommen." — 
„Die dummen römischen Juristen, die haben 
das nicht verstanden: der Ulpian, der Gaius, 
der Modestinus und wie sie alle heißen. Erst 
der Herr Minister von Savigny mußte kommen 
und ihnen ein Licht anstecken." 
Auch auf die Hegelianer hatte er es abgesehen: 
„So meinte er einst, Wenn die Hegelianer da 
mitschwatzen", „ob der Besitz ein Recht oder ein 
Faktum ist, so ist das gerade so gut, als wenn 
die Gänse mitschnattern." — 
Im Herbst 1846 war Konrad Büchel zum 
Prorektor der alraa mater Philippina gewählt 
worden. Da hatte er denn nach seiner feier 
lichen Einführung in diese Würde nichts eiliger 
zu thun, als nach Kassel zu reisen, um dem 
Uector magniücentissimus, der kein Geringerer 
war, als Se. Königliche Hoheit der Kurprinz und 
Mitregent selbst, seine Aufwartung zu machen. Die 
nachgesuchte Audienz wurde ihm bewilligt. Büchel 
erschien in escarpins, seidenen Strümpfen und 
Schnallenschuhen, den Galadegen an der Seite. 
Der sonst so wortkarge Kurprinz unterhielt sich 
auf das Leutseligste mit dem gelehrten Pandek 
tisten, an dem er Gefallen gefunden hatte. Als 
nun die Audienz beendet war und Büchel sich 
rückwärts unter tiefen Komplimenten nach der 
Ausgangsthür bewegte, gerieth ihm der un 
gewohnte Degen zwischen die Beine und er kam 
auf dem glatten Parketboden zu Falle. Da soll 
der Kurprinz lächelnd zu ihm gesagt haben: 
„Ist dieser „Fall" auch in dem 6orpus iuris vor 
gesehen? Ist es vielleicht jener famose „casus", 
der den Juristen so viel Kopfzerbrechens macht." 
Schlagfertig soll da Büchel geantwortet haben: 
„Halten zu Gnaden, Königliche Hoheit, dieser casns 
beruht auf einer vis inaior, eni humana infirmitas 
resistere nequit.“*) „Haben Magnificenz gut 
*) Diese Unterredung soll Büchel zu der Herausgabe der 
Abhandlung Disquisitio de „uno casu“ paragraphi 2 
Inst, de act. (4. 6) veranlaßt haben, die dann bei dem 
Prorektoratswechsel erschien. 
gemacht", soll darauf der Kurprinz geäußert und 
später bei Tafel den Vorfall mit großer Heiterkeit 
selbst erzählt haben, woraus sich Büchel nicht 
wenig einbildete. 
Büchel war kein Splitterrichter, wenn es sich 
um gelungene Studentenstreiche handelte, das 
hat so mancher Bruder Studio erfahren, welchem 
es während seines Prorektorates beschieden war, 
vor den Akademischen citirt zu werden. Er wqr 
eine prächtige Magnificenz: die Paukereien im 
Englischen Hofe und auf dem bunten Kitzel, 
deren es freilich damals weniger gab, als heut 
zutage, konnten in jener Zeit ungestört ausge 
suchten werden und die Feierabendstunden wurden 
unter ihm nichts weniger als rigoros gehand- 
habt. Zwei Erinnerungen haften aus jener Zeit 
noch in unserem Gedächtnisse, die von der wahr 
haft humanen und vernünftigen Gesinnung des 
Prorektors Büchel beredtes Zeugniß ablegen: 
Auf der Teutonenkneipe in Marburg bestand 
seit 1845 ein engerer Verein, der sich „Weis 
heitsverein" nannte und die Pflege des Humors 
und treuer Kameradschaft zum Zwecke hatte. 
Die Mitglieder trugen in den Sitzungen weiße 
Hemden über den Kleidern und weiße Zipfel 
mützen auf dem Haupte. An beiden waren 
große Fragezeichen angebracht. Am Stiftungs 
tage, 27. Januar, feierte der Verein zugleich 
sein Neujahrsfest. Dasselbe sollte im Jahre 1847 
ganz besonders feierlich begangen werden. Zwei 
Mitglieder, die Studiosen K. und G., rückten 
in dem Weisheits-Kostüme mit der in der Farbe 
der Unschuld prangenden Fahne aus, wurden 
aber von dem Pedellen Röse, da Maskeraden 
und ähnliche Aufzüge nach den Universitäts 
gesetzen bei strengster Strafe, unter Umständen 
sogar mit dem Consilium ahenndi, verpönt 
waren, angehalten. Der Pedell entwand ihnen 
die Fahne. Ueber solches freventliche Gebühren 
aufgebracht, rückten die beiden .„Weisen" in 
ihrem Ornate dem Prorektor Büchel in die 
Wohnung und führten Beschwerde über den 
Pedellen. Der Prorektor wurde nicht klug aus 
der Sache, sagte aber, um die aufgeregten Herrn 
Studiosen zu beruhigen, Untersuchung des 
Falles zu. Abends erzählte Büchel in der Wein 
stube, bic- er regelmäßig zu besuchen pflegte: 
„Denken Sie, meine Herren, kommen da heute 
Nachmittag die Studiosen K. und G. in meine 
Wohnung, haben das Hemd, das man doch sonst 
auf dem bloßen Leib zu tragen pflegt, über den 
Kleidern an und eine weiße Schlafmütze aus und 
sagen, sie seien die drei Weisen aus dem Morgen 
lande , während sie doch nur zu zweien waren, 
der Pedell Röse habe sie schwer gekränkt, indem 
er ihnen die Fahne, welche ihnen als Leitstern 
zu ihrem löblichen Werke dienen sollte, entwunden
        

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