Full text: Hessenland (3.1889)

(Schluß.) 
Die Aufstellung treffender und umfassender Be 
griffsbestimmungen war eine HauPtstärkeBüchels. 
Seine Schüler erinnern sich gewiß der Ein 
dringlichkeit, mit welcher er auf die große Be 
deutung richtiger Definitionen aufmerksam zu 
machen pflegte. Ja, meine Herrn, sagte er z. B. 
in der Lehre über das Gewohnheits-Recht, de- 
finiren Sie mir einmal den Begriff „Gewohnheit"! 
Sie alle haben doch Gewohnheiten, der eine ist 
gewohnt, zu einer bestimmten Stunde zu rauchen, 
den Herrn stad. K. sehe ich zu einer bestimmten 
Zeit täglich in die Kneipe wandern, vielleicht 
ist auch einer von Ihnen gewohnt, morgens um 
5 Uhr aufzustehen. Ob der letzterwähnten pro 
blematischen Unterstellung lächelten die meisten 
Schüler, zu deren Geflogenheiten das Frühauf 
stehen wohl nicht gehören mochte, besonders ein 
stud, B., an welchen sich Büchel daher mit der 
Frage wandte: „Nun Herr B., Ihnen fällt es 
gewiß sehr leicht, die richtige Definition zu 
geben. Was ist denn Gewohnheit?" Als nun 
Herr B. statt der Antwort ein Lächeln zurück 
gab, fuhr Büchel fort: „Ja, meine Herrn, man 
muß die Begriffe scharf fassen in iars! Da 
fällt mir aus alter Zeit ein gewisser Etzel aus 
Fulda ein, den Sie, Herr K., — Büchel wandte 
sich an einen stucl. aus Fulda — sicherlich noch 
kennen werden. Er lebt als betagter Mann in 
Fulda und ist immer noch Rechtspraktikant. 
Dieser Etzel gelangte auf eine wunderliche Art 
zum Studium der Rechte. Im Anfang dieses 
Jahrhunderts noch mußte man, um zu dem 
juristischen Studium ohne Weiteres zugelassen 
zu werden, entweder der Sohn mindestens eines 
Rathes, oder aber adelig sein. Andernfalls war 
besondere Genehmigung des Landesherrn er 
forderlich. Da nun bei Etzel die erwähnten 
beiden Voraussetzungen nicht vorlagen, so richtete 
er eine Eingabe an die höchste Landesstelle und 
warsehr erstaunt, als er umgehend die Antwort 
erhielt, er brauche ja gar keine besondere Ge 
nehmigung, er sei ja adelig. Etzel stammte 
nämlich aus Roßbach und hatte die Eingabe 
unterzeichnet: Etzel von.Roßbach. Hierdurch war 
der Irrthum entstanden, der nun dem Herrn 
Etzel zu Gute kam. Als er bei seiner Ankunft 
in Marburg mir einen Besuch machte, — ich 
war damals noch Privatdozent — antwortete 
er mir auf die Frage, was er eigentlich studiren 
wolle: „Er wolle sich zuvörderst dem Studium 
der Rechts- und Kameral-Wissenschaften widmen, 
daneben auch das Studium der Mathematik und 
Naturwissenschaften eifrig betreiben und die 
heilige Theologie nicht vernachlässigen!" „Nun, 
das ist ja recht schön, Herr Etzel", erklärte ich 
ihm, es will mich nur bedünken, daß die Aus 
führung Ihres schönen Vorsatzes auf Schwierig 
keiten stoßen wird." Da lachte Herr Etzel, als 
ob er sagen wollte: „Nun, du wirst schon sehen!" 
Als er einige Zeit danach in meinem Kolleg 
erschien und ich gerade dieselbe Materie wie 
heute behandelte, da war es der Herr Etzel, 
welcher bei meiner Mahnung, daß man die Be 
griffe scharf fassen müsse in iure lachte. „Nun, 
Herr Etzel", sagte ich, ,-Sie lachen, sagen Sie 
mir doch gefälligst einmal: Was ist denn ein 
Huhn?" Da lachte Herr Etzel wieder und sagte: 
„Nichts leichter als dies! Ein Huhn . . . nun, 
ein Huhn ist . . ein Huhn!" Weiter kam er 
nicht, nun meine Herrn, das so nebenbei, Sie 
sehen aber, wie schwer es ist, dem einfachsten 
Begriff richtig zu definiren. Also kehren wir 
zu unserm Gewohnheits-Recht zurück. 
„Unter Gewohnheit im Allgemeinen versteht man 
die durch längereZeitfortgesetzteBefolgung derselben 
Handlungsweise herbeigeführte unbewußte innere 
Nöthigung." Bezieht sich nun diese Handlungs 
weise auf das äußere Zusammenleben der Menschen, 
und liegt den Handelnden das Bewußtsein 311 
Grunde, daß ihre Handlungsweise der in ihnen 
wohnenden Rechtsansicht entspreche, also in diesem 
Sinne Recht sei, (sog. opinio necessi (tafcis), so 
entsteht der Begriff der rechtlichen Gewohnheit • 
und das auf solchen rechtlichen Gewohnheiten 
beruhende Recht nennt man Gewohnheits- 
Recht. Ich weiß nicht, ob ich den Herrn ver 
ständlich bin. — 
In den 40er Jahren liebte es Konrad Büchel 
ganz besonders, gegen Puchta, Vangerow, von 
Savigny zu polemisiren. Sehr rücksichtsvoll und 
wählerisch war er dabei in seinen Aeußerungen 
nach Gelehrtenart gerade nicht, wie folgende 
verba Conradi ipsissima beweisen. 
„Die actio de dolo hier" — es handelte sich
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.